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„Eine Frage, meine Herren," sagte er dann, „bin ich gezwungen, den Inhalt dieses Testaments anzuerkennen?"
Die Antwort war ein Ja. „Neffen und Nichten können keinen Einspruch erheben."
„Ah — ich danke."
Und er wandte sich mit kurzem Gruße zur Thüre, aber nur, um in den Corridoren des weitläufigen Gebäudes das Kommen des Notars zu erwarten; dann redete er diesen an, „Sie kennen mich, mein Herr?" „Ich habe die Ehre."
„Gut. Sagen Sie mir, bitte, ob Sie es waren, der im Auftrage des jetzt verstorbenen Herrn Aßmann über meine Verhältnisse Erkundigungen einzog? Ich möchte das wissen."
Der Notar zuckte die Achseln. „Die Sache ist Geschäft," antwortete er, „sie enthält für mich durchaus nichts Persön» liches, also sage ich Ihnen ganz unumwunden, daß ich den Auftrag ausführte — ja."
„Ich danke Ihnen. Und wer gab die betreffende Aus- kunft?"
„Auch das dürfen Sie wissen- Ich wandte mich zunächst an einen College», der in Ihrer Gegend lebt und dieser verwies mich an Jemand, von dem genaue, eingehende Nachrichten zu erlangen sein müßten."
„Erich Wolfram, nicht wahr?"
„Nein. Ihr Hauptgläubiger, Herr Baron, der Commer- zienrath Liffauer. Er bewies mir klar und bündig, daß Ihre Verhältnisse zerrüttet sind."
„Ach — der Schuft. Sollten Sie sich nicht sagen können, welche Zwecke dieser saubere Herr verfolgt?"
Der Notar lächelte gelassen. „Vermuthlich will er Schloß Moldt so billig als nur irgend möglich in seinen Besitz bringen. Das ist unschwer zu errathen."
„Sehen Sie wohl. Er hatte also nichts Eiligeres zu thun, als mir die Aussicht auf baares Vermögen vollständig abzuschneiden. O, der Schuft, der Elende! Hätte ich ihn zwischen meinen Fäusten — er käme nicht lebendig heraus."
Ter Notar grüßte zum Abschied, zog seine Handschuhe an und ging ruhigen Schrittes davon- „Geschäft, Herr Baron. Heutzutage ist Alles Geschäft." (Fortsetzung folgt)
Kungernde Schulkinder?)
Von Richard Fischer.
(Nachdruck verboten.)
Von allen Kennern der socialen Verhältnisse in den Ar- beiterkreisen wird darauf hingewiesen, von welcher Bedeutung eine vernünftige wirthschaftliche Erziehung der Arbeiterfrau ist. Fleiß und Umsicht vermögen viel, auch bei geringem Einkommen, während Unlust und Unkenntniß bet der häuslichen Arbeit, der Bereitung des Mittagsmahls und der Haltung der Stuben dem Manne den Weg in das Wirthshaus vorschreiben. Eine große Bewegung ist daher zu Gunsten der Einführung des obligatorischen Haushaltungsunterrichts in die Volksschulen im Gange, und verschiedene Städte haben dieser Forderung bereits Rechnung getragen, während anderseits einsichtige und wohlhabende Fabrikbesitzer wenigstens für die bei ihnen arbeitenden Mädchen Unterrichtscurfe für Kochen, Nähen rc. eingerichtet haben.
Unter einer mangelhaften wirthfchaftlichen Vorbildung der Arbeiterfrau hat aber nicht nur der Mann, sondern haben
*) Mit Bewilligung der Verlagshandlung bringen wir diese be- herzigenswerthe Darstellung aus dein soeben erschienenen ersten Hefte der Salon-Ausgabe von „Zur Guten Stunde" (Berlin W57, Deutsches Verlagshaus Bong & Co.) zum Abdruck. Wir machen unsere Leser bei dieser Gelegenheit mit Vergnügen auf die ebenso schöne, als billige Familienzeitschrift — eine wahrhaft unerschöpfliche Quelle der Belehrung — aufinerksam. (Preis des Bierzehntagsheftes 40 Pfg., des Heftes der Salonausgabe 60 Pfg.)
auch die Kinder zu leiden. Es kommt häufig genug vor, daß zur Arbeit unlustige Frauen, deren Männer weitab beschäftigt sind, so daß sie ihr Mittagessen in einer Wirthschaft einnehmen, weder für sich, noch für die aus der Schule heimkehrenden Kinder ein vernünftiges Mahl bereiten; die Faulheit und die Freude am Klatsche mit ähnlich gesinnten Nachbarinnen besiegen das Verlangen des Magens, der mit Kaffee, Brod und kaltem Ueberbleibsel ungenügend ernährt wird. Wo derartige häusliche Verhältnisse das Gedeihen der Kinder beeinträchtigen, dürfte von Seiten der Schule ein Druck auf die pflichtvergessene Mutter auszuüben fein und bei Erfolglosigkeit der Bemühungen sollte der weitere Versuch gemacht werden, den Geldwerth des dem Kinde zu liefernden warmen Essens von den Eltern einzuziehen. Denn das Kind soll nicht unter der Sorglosigkeit der Eltern leiden, aber anderseits muß man sich auch hüten, durch planlose Unterstützungsversuche eine Gleichgültigkeit der Eltern hinsichtlich der ihnen obliegenden Pflichten herbeizuführen.
Leider gibt es aber tausende von Fällen, wo nicht die Sorglosigkeit oder Gleichgültigkeit, sondern die Roth das Fehlen des Mittagsmahles bewirkten. Es braucht nicht einmal direktes Elend, etwa hervorgerufen durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit, zu sein, was die Kinder zum Hungern verur- theilt, sondern schon die Thatsache, daß die Mutter gezwungen ist, außer dem Hause, in der Fabrik, zu arbeiten, um die Familie zu erhalten, genügt meist zur Beseitigung der warmen Mittagskost. Noch schlimmer freilich gestaltet sich das Loos der Kinder, wenn der Verdienst aufhört, Krankheit in die Familie einzieht und das nackte Elend aus jedem Winkel der leeren Stube hervorgrinst.
Es kann uns erspart bleiben, diese Bilder der Noth weiter auszumalen; das Leben führt wohl Jedem den einen oder den anderen Fall vor Augen.
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Hungernde Schulkinder: an dieser Thatsache ist nicht zu zweifeln. Aus welchen Gründen auch immer sie hervorgerufen sein mag, der Menschenfreund wird es nicht über's Herz bringen können, einem Nolhstande gleichgültig gegenüber zu stehen, der in den Reihen der Kinder, der kleinen, unmündigen, schuldlosen Geschöpfe herrscht. Die Mittel zur Abhülfe sind zudem so einfach, daß es nur der Bereitstellung der erforderlichen Geldbeträge bedarf, damit ein Zustand aufhöre, der unmenschlich genannt werden muß.
In England hat man zuerst der Frage der Ernährung der Schulkinder Aufmerksamkeit gewidmet. Schon 1866 wurde ein Verein gegründet, der sich die Aufgabe stellte, den Kindern ein Essen zum Pennypreise zu verabreichen, das etwa das Dreifache werth war. Diese Institution beruht auf einem sehr richtigen Gedanken; die Form des Almosens ist vermieden, wenigstens für diejenigen Eltern, die den einen Penny zahlen können, während durch Freitafelfonds und Schulmahlzeitenfonds die Kinder gänzlich unbemittelter Eltern bedacht werden. In London bestehen gegenwärtig unter Leitung eines Central- Comilvs 23 Local-Comitss, die sich der Einrichtung der Penny« bittere widmen. Wie nothwendig ihr Eingreifen ist, beweist eine von dem Parlamentsmitgliede Eyre veranstaltete Enquete, deren Resultate erschreckend genannt werden müssen: in zwanzig Schulen mit beiläufig 20,000 Schulkindern haben 30 pCt. wahrscheinlich täglich Fleischnahrung, 30 pCt. aber nur zeitweise in der Woche, 20 pCt. haben nur Gemüse und Brod« Nahrung, 30 pCt. haben auch diese nicht im genügenden Ausmaße und 7 pCt. hungern! Die Folge der schlechten Ernährung ist, daß 7,3 pCt. körperlich so herabgekommen sind, daß sie lernunfähig sind, 21,7 pCt. sind theilweise lernunfähig. Als im Parlament der Fall zur Sprache gebracht wurde, daß ein Schulkind 24 Stunden lang hungern müsse, erklärte der Vicepräsident des Schulamtes, daß ihm diese Thatsache leider bekannt sei, der Fall sei bedauerlicher Weise nicht vereinzelt, es kommen viele solcher Fälle vor!
Die Fürsorge für die Kinder, wie sie sich in der Begründung der Feriencolonien äußerte, trieb auch vor einigen Jahren die Menschenfreunde in Deutschland und Oesterreich dazu, sich über den Stand der Ernährung der Schulkinder zu vergewissern.


