Donnerstag, den 6. Juli.
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Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(FortsGung).
Nach geraumer Zeit verließ der Geheimrath das Krankenzimmer und ein „Sind Sie denn noch hier?" kam ihm über die Lippen.
Sie konnte nicht unterlassen, ungeachtet der zu erwartenden weiteren Grobheit, zu trotzen: „Man will doch wissen, Herr Geheimrath, was seinem Vetter fehlt? '
„Das Nervenfieber und das von der schlimmsten Sorte," lautete die laconische Antwort.
Diesmal that sie keinen Schrei. Das Entsetzen, mit einem ansteckenden Kranken über eine Stunde die Luft ge- theilt zu haben, war zu groß; sie fiel wirklich in Ohnmacht.
Die Jungfer fing sie in ihren Armen auf.
Der Geheimrath sah auf den Gärtner, auf Frau von Schönholz und machte mit der Hand eine kurze Bewegung nach der Thür.
Der Gärtner führte den wortlosen Befehl aus und nahm die Ohnmächtige aus den Armen der Jungfer. „Sie sind ja ein stämmiger Kerl und tragen sie wohl die paar Schritte bis hinüber zu ihrer Tochter in die Malten'sche Villa." Darauf wiederholte er der Jungfer die Anordnungen, die er schon drinnen getroffen. In einer Stunde, verhieß er, würde die zuverlässigste und kräftigste der Stadt-Krankenpflegerinnen zur Stelle sein, die mehr Courage und Kraft besäße, als manche Mannsperson.
Vierundzwanzig Stunden später hatte der Geheimrath einen zweiten Nervenfieber-Kranken. Frau von Schönholz hatte das gehabte Entsetzen nicht überwinden können. Frost und Hitze schüttelten sie in jäher Aufeinanderfolge. Als Erna den Tag darauf, nachdem man die Besinnungslose zu ihr getragen, sich zu den Eltern begab, öffnete ihr Vater ihr die Thür und klagte, die Mama läge drinnen im Fieber.
Herr von Schönholz war ohne Fassung. „Wäre nur der Arzt erst hier gewesen! Er muß für eine Wärterin sorgen und die Dienstboten wegen der Ansteckung beruhigen. Die Panik unter den Leuten ist zu groß! Die Jungfer ist uns davon gelaufen und per Bahn nach ihrer Heimath gefahren. Mama habe bloß den Kopf bei Strehlens zur Thür hineingesteckt und sei davon allein schon krank geworden, hat sie sich geäußert, sie wolle ihre Haut nicht zu Markte tragen. Die Köchin widersetzt sich jeglicher Handreichung. Sie habe sich nicht zur Krankenpflege vermiedet, nur für die Küche. Wo
möglich geht sie auch noch! Johann ist der einzige Verständige."
„Ich werde nach Asta telegraphiren. Sie soll mit dem nächsten Zuge Herreisen," entschied Erna schnell.
„Was," schrie Herr von Schönholz auf, „dazu ist das arme Kind gut genug, ins Haus des Todes gerufen zu werden?'
„Ach, Du bildest Dir wohl ein, ich soll hier bleiben, ich bin gut genug dazu?" schleuderte ihm Erna die eigenen Worte zurück. „Ich kann die Mama nicht pflegen und hier nach dem Rechten sehen! Ich habe meinen Mann und meine Häuslichkeit, ich gehöre nicht mehr zur Familie. Sogar in der Bibel heißt es: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen" und von der Frau gilt umgekehrt dasselbe. Asta hat keinen Menschen zu versorgen, die kann sich hier nützlich machen!"
Sie stürmte davon. — Herr von Schönholz hatte sich in den nächsten Sessel fallen lassen. „Ist das mein Fleisch und Blut?" wiederholte er sich kopfschüttelnd. „Das Wort Gottes führt sie im Munde, ihren Egoismus zu beschönigen? Mit einem Spruch aus der Bibel rechtfertigt sie ihre Herzlosig- feit?" Plötzlich kam ihm der Gedanke, Erna könne an die Kleine telegraphier haben. Er setzte flugs eine Gegendepesche auf, Asta solle-auf alle Fälle bleiben, wo sie sei. Er nahm den Platz bei seiner kranken Frau ein und Johann lief, was er laufen konnte, zum Telegraphenamt, als er hörte, um was es sich handelte. Sein Herzblatt sollte nicht geopfert werden!
Herr von Schönholz athmete auf bei dem Ausspruch des Geheimraths, der das Nervenfieber seiner Frau für ein voraussichtlich leichtes erklärte. Der Schreck und die Angst vor der Ansteckung, dazu eine kleine Erkältung bei ohnehin überreizten Nerven habe es erzeugt.
Eine bewährte Pflegerin wachte die Nacht hindurch. Herr von Schönholz sollte sich hinlegen, hatte der Geheimrath befohlen.
Am nächsten Vormittag, Herr von Schönholz dachte, der Schlag solle ihn rühren, trat Asta ins Zimmer. Sie trug ein schlichte« Umschlagetuch und einen geringen Hut. „Wie steht es mit der Mama?" forschte sie angstvoll.
„Wo kommst Du her?" stotterte Herr von Schönholz.
„Ich bin ausgerissen, Papachen, Gepäck habe ich nicht mit, ich steckte nur ein, was ich an Geld besaß. Die werden Augen machen über mein Durchbrennen! Sie wollten mich nach der zweiten Depesche nicht fort lassen. Das Stubenmädchen lieh mir Tuch und Hut, sonst hätte ich nicht entkommen können. Drei Stunden hielt ich mich in den Bahn- hofsanlagen versteckt, ehe der Nachtzug abging."


