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halb der Brief! Mit aller Ihnen gebührenden Gleichgiltigkeit bin ich Ihre Asta von Schönholz."
Das „Ihre" war durch drei dicke Tintenstriche nachträglich zurückgenommen.
Auch da in Ungnade gefallen! Er faltete den Bogen langsam zusammen, um ihn in's Couvert zurückzustecken, besann sich aber eines Andern und las das Droh- und Zornschreiben nochmals durch. Seine düstere Miene erhellte sich dabei.
„Warte nur, mein lieber, kleiner Querkopf, Dich will ich schon zähmen," murmelte er halblaut. „Du sollst Deinen Willen haben! Ich werde es mir nicht einfallen kaffen, zur Stunde zu erscheinen, wenn Du keinen Unterricht mehr nehmen willst. Nun wollen wir einmal sehen, wer von uns den dicksten Schädel hat und es am längsten aushält!"
Die Castellanin war wieder eingetreten. Sie hatte das Zimmer verlassen gehabt, nachdem sie ihm den Bief überreicht hatte. „Eine kleine Herzstärkung, Sie dürfen es nicht ausschlagen," bat sie, ein altmodisches Präsentirbrett mit Flasche und Glas hinstellend. „Das ist ganz alter Wein, Hochzeitswein, Herr Werner. Gerade solch' ein häßlicher Novembertag war's damals, stürmisch und kalt wie heute."
„Mama Huhn, zum Trinken gehören wenigstens Zwei, ist Ihnen das nicht bekannt?" schalt der Maler.
Nach längerem Sträuben mit der hartnäckigen Einwendung, sie könne in ihren alten Tagen keinen mehr vertragen, holte sie noch ein zweites Glas.
Der Maler hatte ihr einen der hochbeinigen Lehnstühle zum Feuer gerückt und sie nahm darauf Platz, obgleich sie fand, es sei wider allen Respect, daß sie sich setze, während Herr Werner stände.
„Ja, ja," nahm sie ihren Gedankengang von vorher auf, „von dem Wein ist auf Prinz Georgs Hochzeit getrunken worden. Mein Mann, er war Kammerdiener bei dem Prinzen und zu der Zeit noch mein Bräutigam, brachte mir ein paar Flaschen davon- Ich verwahrte sie für unsere eigene Hochzeit. Die wurde uns dann von der guten hochseligen Prinzessin ausgerüstet und der Wein, den ich für diesen Zweck aufgehoben hatte, blieb stehen. Diese Flasche und noch eine habe ich bis heute gehalten. Ein halbes Jahrhundert ist fast seit 'jenem Hochzettsabend in's Land gegangen und es werden sich nur noch wenige Leute des Prinzen Georg erinnern können- Es ging lustig zu auf dem großen Schloß bei seiner Vermählung. Sie wurde womöglich noch großartiger gefeiert, als die des Erbprinzen, der sich drei Jahre früher verheirathet hatte. Fürst Friedrich war bemüht gewesen, Alles aufzubieten, um seinen zweiten Sohn auszuzeichnen. Dennoch schaute der Bräutigam nicht lustig drein und für seine Braut, die liebe, sanfte Prinzessin Aurelie, hatte er keine Augen. Ich war kurz zuvor durch Martin auf Prinz Georgs Fürsprache als Hausmädchen auf's große Schloß gekommen. Ich lief nach der Gallerte, wo die fürstliche Capelle spielte. Von dort aus konnte man Alles überblicken. Wunderschön sah sie aus, die rothe Com- teffe, wie sie ihrer Haarfarbe wegen von den Leuten genannt wurde, mit den langen Hängelocken, die jugendschöne Braut des alten, dürren Kammerherrn, des Grafen Feldern. Sie überstrahlte Alle, trotzdem sie bis in die Lippen hinein blaß war- Kalt und verächtlich blickte sie, nur zuweilen flammte es in ihren Augen auf. Ich hatte bald weg, weshalb; es geschah, s? oft Prinz Georgs Blick dem ihren begegnete. Man raunte sich zu, die Beiden hätten sich lieb gehabt, das Hoffräulein und der Prinz. Der Prinz sei festen Willens gewesen, sich mit ihr zu vermählen. Der Fürst hätte jedoch dem Bunde seine Einwilligung versagt; darüber habe es einen furchtbaren Auftritt zwischen Vater und Sohn gegeben. Kurze Zeit danach sei der Vater der Comtesse auf's Schloß befohlen worden. Der Fürst soll mit ihm eine lange Unterredung gehabt haben. Genug, ^ags darauf war die rothe Comtesse die Braut des Kammerherrn, der über Nacht den Grafentitel erhalten. Herr von Feldern war ein ehrgeiziger Mann. Die Gunst des Hofes ging rhm über Wissen und Gewissen. Dem Alter nach hätte or der Großvater der Verlobten sein können. Nun betrieb Fürst Friedrich in größter Eile die Vermählung seines Sohnes
nut der Prinzessin Aurelie. Vier Wochen später sollte die Hochzeit der Comtesse stattfinden. Man munkelte viel unter der Dienerschaft und in der Stadt. Die Einen wußten dies höchst genau, die Andern jenes. Es hieß, Fürst Friedrich habe nicht wegen des Rangunterschiedes seine Einwilligung verweigert, sondern aus ganz anderen Gründen. Er habe die Comtesse seinem Sohn nicht gegönnt und sie lieber dem unterwürfigen, alten Feldern angeschmiedet, weil — ja, man sagt eben Mancherlei. — So viel steht fest, Segen hat der erzwungene Bund Keinem gebracht! - Martin gestand mir später, ihm sei schier grauslich zu Muthe gewesen, wie er in jener Nacht hier im großen Saale die Ankunft der Neuvermähl« ten erwarten mußte. Die Lichter hätten im Windzug unstät geflackert und im Augenblick, als der Galawagen vor das Portal gerollt sei, habe der Sturm aufgeheult und das Feuer gezankt. Prinz Georg, so erzählte mir Martin, habe die Prim zessin in ihre Gemächer geführt und ihm geheißen, im grünen Zimmer auf ihn zu warten. Er hat nicht lange zu warten brauchen; der Prinz war im Nu zurück. „Farce," lachte er, „diese Vermählung, die in Wahrheit nie vollzogen wird! Ueber« morgen reisen wir, Martin, es bleibt dabei! Die Vorberei- tungen dazu sind doch im Stillen alle getroffen? Ich verlaffe mich auf Dich, wie auf mich selber!"
Ja, das ist wahr, er hielt große Stücke auf Martin. Mein Mann hat ihm auch dafür abgöttisch angehangen, der wäre für ihn durch Feuer und Waffer gegangen! Darauf hat der Prinz meinem Martin die Weisung ertheilt, bei der letzten Seitenpforte am linken Ende der Gartenmauer — Sie wissen, Herr Werner, die mit den Eisenstäben über der Thür — auf eine verschleierte Dame zu harren. Die solle er, ohne ein Wort zu sprechen, durch den dunklen Buchengang den Garten hindurchführen, über den kleinen Corridor zum großen Saal. Martin hat sich den Kopf zerbrochen, wer es sein möchte; denn an die stolze Comtesse dachte er nicht, Liebe aber kommt über den Stolz, das sollte er erfahren. Der Zufall war ihm günstig. Im Augenblick, da die hohe Gestalt in der Thür an ihm vorüberschritt, wirbelte ein Windstoß den dichten, schwarzen Schleier in die Höhe und obwohl sie sofort nach rückwärts griff und ihn anzog, hatte er doch an dem prachtvollen, leuchtenden Haar die Comteffe erkannt.
Martin hat sich in dieser Nacht gar nicht schlafen gelegt. Er stand am Corridorfenster und schaute aus, ob Alles sicher sei. Gegen vier Uhr Morgens sah er dann den Prinzen, der die Dame über den Hof und den Garten geleitete und nach einer halben Stunde erst denselben Weg zurückkam. Den zweiten Tag darauf hatte Prinz Georg zu Aller Erstaunen den väterlichen Hof und seine arme junge Frau verlassen. Er war nach dem Süden unterwegs und mein Martin Begleitete ihn. Der schrieb mir, sein Prinz sei wie ausgewechselt; früher wäre er der lustigste Cavalier gewesen, jetzt streifte er tagelang einsam durch's Gebirge. In Rom erkrankte der Prinz plötzlich; ein tückisches Nervenfieber erfaßte ihn. Martin hat ihn treu- lich gepflegt und die besten Aerzte standen um sein Lager. Alles vergebens! Der schönste, liebenswürdigste und beliebteste der drei Prinzen des fürstlichen Hauses mußte im fremden Lande sterben. Dort ruhen seine Gebeine. Sein Vater ließ ihm ein pomphaftes Mausoleum erbauen. — Die nunmehrige Gräfin Feldern, sie war schon acht Monate vermählt, als die traurige Nachricht hier eintraf, sank auf's Krankenlager und genas eines Mädchens. Fremde mußten es aufziehen, denn feine Mutter starb wenige Tage darauf, nachdem sie dem Kinde das Leben geschenkt. Sie soll ihre volle Besinnung gehabt und gewußt haben, daß sie sterben müsse und soll darüber unendlich glücklich gewesen sein. Sie hat ihn sehr geliebt, das arme, junge Blut! Martin und ich, wir haben den Tag wie die Kinder bei einander gesessen und geschluchzt über all' den Jammer! — Prinzessin Aurelie führte ein einsames Leben hier auf dem Schlosse. Sie war eine gute, edle Frau, Gott habe sie selig, sie wäre des besten Glückes werth gewesen! Meinem Martin verlieh sie einen einträglichen Posten, damit er mich heimführen konnte, und weil ich ihr gefiel, gab sie mir die Oberaufsicht über Alles. Ich habe sie dankbar verehrt, die


