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Meister, die dort hingen. Drei derselben war Werner vom Fürsten beauftragt, zu copiren, das Starnitzer Schloß, den Lieblingsaufenthalt der fürstlichen Familie seit fast einem Jahrhundert, eine kleine, romantisch gelegene Burg und eine prachtvolle Waldpartie im Heinrichsholz. Die Bilder waren für die , ——— — * - ; . x „
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so!" Ein Seufzer bet Erleichterung hob ihre Bruch , ,™, «... ■■■«• -----; • s .. . .
gnJ erschrocken habe! Das glauben Sie mir gewiß denn er weiß, ich kann ihn nicht leiden, ich habe ihn sogar nickt Herr Werner Sie nehmen stch schon für gewöhnlich neulich erst zum Besten gehabt, hätte ich die Wand abreiben mit der^getünchten Wand nicht viel, aber heute — himmlische ' den Raden nickt ae-
Güte — die Augen — nein, die liegen Ihnen so tief im
Erzählen Sie mir doch ein Bischen, wer Alles mit war. Ich kenne ja die gefammten Herrschaften oder vielmehr dis Eltern und Großeltern von ihnen sehr genau. Er ist recht traurig, wenn man nicht fort kann; man stumpft für Alles ab. Die Braut interessirt mich weniger! Für die aus dem Haufe Schön- holz habe ich keine Anhänglichkeit, das gnädige Fräulein aus- genommen, Ihre Schülerin," verbesierte sie sich eiligst, „die scheint sehr leutselig und liebenswürdig zu sein. Ach, da fällt mir ein, nein, man wird auch von Tag zu Tag vergeßlicher — seien Sie mir nur nicht böse darum, bester Herr Werner, weil ich erst jetzt daran denke und ihn nicht gleich abgegeben
können und die Rosa-Atlassenen hätten den Boden nicht geschleift! Sie wissen wohl gar nicht, wie unsterblich lächerlich rch mich Ihretwegen gemacht habe? Was müssen Mechthild von Hagedorn und Annette von Toffsky von mir denken? — Denen habe ich so viel von Ihnen vorgeschwärmt und Sie, schlechter Mensch, haben stch gar nicht um mich gekümmert! Bitterbitter- bftterböse bin ich und Stunden nehme ich mit dem heutigen Tage nicht mehr! Ich will Sie nicht mehr sehen und bin mcht zu Hause für Sie, falls Sie sich entschuldigen wollten. Des-
bestimmt. , ,,
Seit mehreren Monaten hatte sich der Maler hier häuslich niedergelassen. Sämmtliche Räumlichkeiten waren ihm zur Verfügung gestellt und man hatte ihm gestattet, auch von anderen Blldern — es gab deren sehr interessante und werthvolle darunter — Copieen zu nehmen.
Die ganze Etage stand unbenutzt. Der Castellanin Zimmer lagen im Seitenflügel; das Erdgeschoß des früheren Palais wurde von dem Vorstand der Stiftung, Geheimrath Sperlmg, bewohnt. Hinter dem Schloß befand sich ein herrlicher, langausgedehnter Garten, dessen Längenseiten von kleinen Häusern eingefaßt waren, welche zur Stiftung gehörten und zum Asyl für alte, unterstützungsbedürftige Leute bestimmt waren. Prinzessin Aurelie, die Wittwe des Prinzen Georg, hatte der Stadt ihre wohlthätige Einrichtung als bleibendes Andenken hinterlassen.
Frau Huhn horchte auf. Unten ging die Hausthür, ohne daß zuvor die Klingel getönt hatte. Entweder war es Einer von Geheimraths, der kam, oder Herr Werner, der gleichfalls einen Schlüssel besaß.
Ein schwerer Gang näherte sich langsam der Treppe. Das war nicht Werners Schritt. Aber der Jemand kam nach oben, mithin mußte er es doch sein.
Frau Huhn hatte schon die Hoffnung aufgegeben, heute ihren Liebling noch zu sehen. Voll Freude eilte sie nach der Thür, ihm zu öffnen, und prallte entsetzt zurück bei seinem Anblick.
„Allmächtiger Vater im Himmel!" rief sie. „Wie sehen Sie denn aus, Herr Werner. Sie sind krank? Was fehlt Ihnen?"
„Nichts, liebe Frau Huhn," sagte er beschwichtigend, „ein Bischenk übernächtig, hat nichts auf sich, von der Malten schen
Kopfe!" *
Die Anschaulichkeit, mit der sie ihren Worten Nachdruck verlieh — sie hatte zwischen Daumen und Zeigefinger wenig- stens sünf Centimeter Länge angedeutet — entlockte ihm ein schwaches Lächeln.
„Arbeiten Sie lieber heute nicht, schlafen Sie sich aus," redete sie ihm mit mütterlicher Zärtlichkeit zu. „Wenn man
so aussieht, ist es Einem wüst im Kopf, und dann thut man am besten, sich aus's Ohr zu legen."
Der Maler hatte abgelegt, stellte sich zum Feuer und rieb stch die klammen Hände. „Sie haben Recht, Mama Huhn, wie immer! Offen gestanden, ich habe auch heute verwünscht wenig Lust zum Handwerk. Aber mir würde etwas gefehlt haben, wenn ich nicht hsrgegangen wäre und ein wenig mit Ihnen geplaudert hätte."
„Mir auch," versetzte die Alte geschmeichelt und über die runzligen Züge flog es wie Sonnenschein. Sie strich wohlgefällig mit der Hand über die seidene Schürze, welche ste Herrn Werner zu Ehren tagtäglich trug; früher war sie nur aus dem Schrank genommen worden, wenn Höchsts Herrschaften das Schloß besichtigten. Rührung feuchtete ihre Augen.
„Sehen Sie, lieber Herr Werner, ich habe mich in der kurzen Zeit an Sie gewöhnt, wie an einen langjährigen Hausgenossen. Es will freilich Keiner etwas davon hören, daß unsereins auch ein Herz hat und doch schlägt es oft treuer und wärmer, als das der Vornehmen!"
Der Maler nickte. „Ja, Mama Huhn, warmes Mitgefühl ist ein seltsames Kraut. Im Thals wächst es noch am häufigsten; auf der Höhe gedeiht es schwer."
Frau Huhn hüstelte verlegen, sie hatte etwas auf dem Herzen. „Lieber Herr Werner," fing sie zögernd an, „Sie werden es mir doch auch nicht übel nehmen? Sie wissen ja, alte Leute sind neugierig und hören gern etwas, weil sie nicht
$ Sie war zur Staffelei getrippelt, nahm vom Rande der- selben ein viereckiges Briefchen und reichte es ihm. Ein Edelweiß zierte die Querlinie des schrägen Umschlags. Dre kleinen krausen Buchstaben verriethen dem Maler, von wem es kam.
„Mein sehr verehrter böser Herr und Meister," schrieb Asta, „jetzt ist'« aus! Das Tischtuch ist zwischen uns zerschnitten, wie es in dem einen Roman, ich weiß nicht mehr in welchem, stand. Das war zu viel gestern, das halte eine Andere aus! Ich habe geweint, mit dem Fuß gestampft und meine niedliche Meißner Taffe, Sie kennen sie, die mit den drei Beinchen, so unsanft auf den Tisch gesetzt, daß sie in Stucke ging, rch hätte mich beinahe zu einem Kniesall vor Mama erniedngt, oben- drein in Ernas Gegenwart, und das Alles nur, um Sie auf der Hochzeit zum Herrn zu haben und nicht den kleinen Lieutenant von Götz mit seinen kleinen verschmitzten Augen, der Einen immer ansieht, als habe er eben eine Dummheit ausgefreffen (ist nicht salonfähig, aber gut deutsch) und freue sich auf den Augenblick, wo man dahinter kommen werde, und nun — was habe ich nur gleich schreiben wollen? — Richtig, zum Lohn» für alle diese ausgestandenen Seenen und Aergernisse bin ich den ganzen Abend sür Sie nicht vorhanden gewesen, und wenn sich Herr Götz nicht meiner erbarmt hätte, großmüthigerweise,
Seitdem ihre Schwestertochter von hier weg geheirathet, hatte sie keinen Menschen mehr, mit dem sie sich unterhalten konnte, da war ihr das laute Denken zur Angewohnheit geworden. „Er wird sich freuen, es hier so warm und gemüthlich zu finden bei der unfreundlichen Witterung und dem grauen Novemberhimmel. Er hat freilich keine Augen dafür. Hätte er fich sonst nicht das grüne Zimmer zum Malen ausgesucht? Seine sieben Sachen und das Starnitzer Schloß wären bald hinübergeschafft I Nein, er muß sich hier in dem alten Reitstall einquartieren!" Sie liebte den Bildersaal des einstigen Palais nicht, weil sich manche unheimliche Sage an ihn knüpfte. Sie fand, der Wind pfiff nirgends so schauerlich, als durch den riesigen, altfränkischen, schwarzen Marmorkamin, der ihr wie der glühende Rachen eines Ungeheuers vorkam, zumal seitdem der Saal zum Atelier eingerichtet war und von drei der großen, nach Süden gehenden Fenster die schweren rothdamastenen Vorhänge zugezogen blieben. Roth waren sie freilich gewesen! Die strahlende Farbe war verblichen und in einen gelblichbraunen Ton übergegangen, doch über die Haltbarkeit der Fäden hatten weder Sonne noch Zeit Macht gehabt, so wenig wie über die Ledertapete der Wände und die Bilder der alten


