Dienstag, den 6. Ium.
1808.
Nr. 65
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Unterhaltungrblatt zuin Giehenev Anzeigev (GKneval-Anzeiger)
Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(Fortsetzung).
Langsam ging sie vorauf; Werner folgte ihr betreten. Sie hatte den Eingang zum Saal fast erreicht, da hielt sie plötzlich an und kehrte sich halb nach ihm um. Ihr schien etwas einzufallen. „Einen guten Rath noch, Herr Werner," unsägliche Verachtung vibrirte in ihrer Stimme, „sollte je wieder eine Dame wehr« und machtlos Ihrem Schutze über» lassen sein, so treten Sie die Gesetze der Ritterlichkeit nicht mit Füßen!"
Der Maler war zurückgetaumelt, als hätte ihm Jemand einen Schlag in's Gesicht versetzt. Er lehnte schwer gegen die Brüstung der Gallerte, unfähig, ein Wort der Entschuldigung hervorzubringen. Seine Zähne faßten die Unterlippe, daß das Blut daraus hervorsprang. Seine Hände ballten sich vor Wuth und Ingrimm und seine Nägel gruben sich in's Fleisch der inneren Handfläche. Der Zorn schüttelte ihn wie ein Krampf. Warum hatte er sich auch von seinem raschen Blute hinreißen lassen!
Die Saalthür wurde von drinnen aus geöffnet. Oberst Strehlen erschien auf der Schwelle.
„Endlich, meine Gnädigste, habe ich das Glück, Sie zu finden!" rief er, sichtlich hoch erfreut.
„Haben Sie mich im Ernst gesucht, Herr Oberst? Das wäre mir sehr schmeichelhaft," entgegnete Leonore.
Werner glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. — Sie hatte Strehlens Arm genommen. Das Ltchtmeer des Kronleuchters fiel jetzt voll auf die hohe königliche Gestalt. Ihr Gesicht war geisterhaft bleich, ein irres Lächeln umspielte den kleinen, halboffenen, üppigen Mund, ihre Augen schienen übergroß und wie sie jetzt noch einmal den Blick in's Dunkel zurückwandte, nach der Richtung hin, wo er sich befand, flammte ein berückendes, dämonisches Aufleuchten in ihnen.
„Loreley," murmelten seine brennenden Lippen.
Noch brauste es ihm vor den Ohren und seine Pulse jagten. Er mußte sich besinnen, ob das Erlebte Wahrheit gewesen oder ob er nur geträumt. — Die kalte Nachtluft that ihm wohl, er wurde allmälig ruhiger und versank in ein finsteres Brüten.
Die rauschende Tanzmusik hatte sich längst wieder erhoben. Er wußte es nicht, er dachte nur an das stolze Mädchen, das er beleidigt und dem er heute nicht wieder vor Augen kommen durste. Daß sich für ihn im Herzen der auf ihn wartenden
kleinen Asta ein Gewitter zusammenzog, war ihm sehr gleich« giltig. Wie lange er so zugebracht hatte, wußte er nicht. Ein Frösteln überlief ihn und das Gefühl der Kälte führte ihn zur Gegenwart zurück. Er konnte unmöglich länger hier auf der Gallerie bleiben. Sollte er sich wieder unter die Tanzenden mischen? — Nein, es war schon das Gescheidteste, er empfahl sich auf französisch; man kannte ihn ja zur Genüge und wußte, er pflegte sich nicht streng an die Etikette zu binden. —
Zu Hause angelangt, warf er sich auf die Chaiselongue. Er mochte sein Lager nicht aufsuchen; Schlaf hätte er doch nicht gefunden. Aufstöhnend fuhr er sich mit beiden Händen durch's Haar, sich auf's Neue die Scene auf der Gallerie vergegenwärtigend. Jahre seines Lebens hätte er darum gegeben, hätte er dafür das Geschehene ungeschehen machen können.
„Sie verachtet Dich," sagte er sich in ohnmächtiger Selbstquälerei. „Sie stellt Dich diesem Malten vielleicht gleich, den sie durch das weinanimirte Geplauder seiner Kameraden erst kennen gelernt hat. Erst heute hat sie ihn verloren! An jenem Tage in der Ausstellung damals, ich durchschaue jetzt Alles klar, hatte sie ihn freigegeben, aus Edelmuth auf ihn Verzicht geleistet; aber sie glaubte an ihn und hielt sich für geliebt. Erst heute ist sie elend geworden: ihr Ideal sank in Trümmer! — Die Saiten»ihrer Seele zerrissen — das war ihr Lachen! — „Nein, sie soll mich nicht verachten!" rief er aufspringend, von einem raschen Entschluß durchdrungen. „Ich werde zu ihr gehen, ihr vorstellen, erklären — nein, ich werde ihr schreiben, ihr rückhaltlos mein Herz darlegen. Ich selbst werde für den Fehler jenes Augenblicks Strafe über mich verhängen, die härteste Strafe, die ich ersinnen kann. Ich werde ihr schreiben, daß ich mein Vergehen büßen will, indem ich auf lange ihr Antlitz meide. Ich will sie nicht eher wieder sehen, als bis sie mir ein Zeichen ihrer Verzeihung zu Theil werden läßt!"
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Novembersturm brauste. Heulend fegte der Wind durch den schwarzen Marmorkamin des ehemaligen Schloßsaales. Er blies in das Feuer, daß die Flammen hoch aufflackerten und die warmen rothen Lichter auf dem alten parquettirten Fußboden tanzend ihr Spiel trieben. Seine Glanzzeit war längst vorüber. Wer sollte ihn jetzt bahnen? Frau Huhn, die alte Kastellanin? — Für ihre morschen Kniee und Arme war das keine Arbeit mehr- Ueberdies hatte Herr Werner den Fuß- boden nicht grau und schlecht gefunden, und der mußte es doch verstehen. Sie legte noch ein paar Scheite zur Gluth und wischte den Staub zum dritten Mal vom Sims.
„Wo er nur heute so lange bleibt?" sprach sie für sich.


