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Gefährten, welcher hierbei wiederum die fürchterlichsten Fratzen
^Erst lange nachher traf Schwuppke, von dem Gewitterregen ganz durchnäßt, in der Kümmelhainer Schänke em wo er zu seiner großen Beruhigung erfuhr, daß fein Geschirr von einem Handwerksburschen richtig übergeben worden ft;. Als Schwuppke nun aber sein Erlebniß mit dem Mgen Menschen erzählte und seine Freude ausdrückte, den Klauen der offenbar tollwüthig gewordenen Burschen noch glücklich entronnen zu sein, da ging dem Wirthe ein Licht auf. Lachend berichtete er dem verdutzt aufhorchenden Bauer, was ihm der „gefährliche Handwerksbursche" für ein Märchen aufgebunden hätte und wie sich derselbe auf Rechnung Schwuppke's gütlich gethan und aus dessen Conto auch noch einen Fünfziger als Zehrgeld auf den Weg empfangen habe. Schwuppke begann jetzt zu fluchen und zu wettern, besonders, als jetzt der Wirth in allem ®rnfte die Bezahlung der von dem listigen Felleisenbruder gemachten Zeche und die Rückerstattung der halben Mark verlangte; aber alles Toben half unserem Bauern nichts und da er es nut dem Wirthe von der Kümmelhainer Schänke nicht verderben wollte, so bezahlte er schließlich, wenn auch unter großem Lamento. Nachdem Schwuppke sich mit trockenen Kleidern aus der Gar» derobe des Wirthes versehen und sich mit einem Cognak gestärkt hatte, verließ er mit seinem Geschirr Kümmelham und fuhr seinem Heimathsdorfe zu, unterwegs sich aber grimmig gAobend, nimmermehr wieder einen Handwerksburschen oder sonst einen Fremden auf seinem Wagen mitzunehmen.
den Wirthe: „ „ _x ,
„Ach so, bald hätte ich es vergeßen: Herr Schwuppke läßt Sie bitten, mir auf seine Rechnung etwas Esten und Trinken zu verabreichen und mir außerdem Äs Zehrgeld einen Fünfziger zu geben, er hatte zufällig gar kein Kleingeld bei sich.
„Wa—aas?" entgegnete der Wirth und sah den Fremden halb verwundert, halb mißtrauisch an, „wie käme denn Schwuppke, dieser alte Geizkragen, plötzlich zu einer solchen Spendirlaune? Da muß doch etwas ganz besonderes vorgefallen jein?"
„Ist es auch", meinte der Andere, mit dem Kopfe nickend,
Vermischtes.
Höchste Loyalität. Fürst (auf der Durchreise, zur Deputation eines Landstädtchens): „Ihr habt ja stets treu zu Eurem Fürsten gehalten!" - Bürger (begeistert): „Ja, dar dürfen Hoheit glauben! Sie sollten nur einmal an hochdero Geburts- und Namensfest hier fein, was es da für Räusch gibt!"
Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,
so heiß ist und ein Gewitter am Himmel steht, wie heute. \ Und das kommt daher, mein lieber Herr", — und der unheimliche Fahrgast rückte ganz dicht an den unglückseligen Schwuppke heran — „daß ich vor einiger Zeit von einem tollen Hunde gebißen worden bin, die Bißstelle wurde nur zwar damals ausgebrannt, doch —" ~ ,
Weiter kam der sonderbare Mensch mit seinen Darlegungen nicht, denn mit einem einzigen Riesensatze, den man der behäbigen Figur Schwuppke's gar nicht hätte „zutrauen sollen, war der entsetzte Bauer, ohne die geringste Ruckstcht auf seine Gliedmaßen zu nehmen, zum Wagen hinausgesprungen und birect in ein sich dicht an der Landstraße hinstreckendes Kornfeld gestürzt. Dort duckte sich Schwuppke, an allen Gliedern zitternd, nieder, damit ihn der schreckliche Mensch nicht sehen könne, aber der Handwerksbursche hatte das i Manövtt des Bauern sehr wohl bemerkt und rief wie besesien, das Gesicht dem Versteck Schwuppke's zukehrend und auf's Neue die witthendsten Grimaffen machend:
„Hu, hu, hau — Han — hau — hau!
Zugleich stellte er sich, als ob er ebenfalls aussteigen und dem Bauer nacheilen wollte und das war demselben denn doch zu viel. Mit einem Angstruf erhob er sich wieder und flisihtete, ohne auch nur einen Blick hinter sich zu werfen, mit Sätzen wie ein angeschosiener Hirsch einem nahen Tannengehölz zu, in dessen Dunkel er verschwand. Der „Tolle' aber lachte, ergriff die Zügel und fuhr in lustigem Trabe dem nicht mehr fernen Kümmelhain zu, wo er mit dem Geschirr vor der am andern Ende des Dorfes gelegenen Schänke, die im Grunde jedoch em ganz ansehnliches, ländliches Wirthshaus war, hielt. Die Pferde standen kaum, als der Besitzer der Schänke aus dem Hause trat, erstaunt erst die Pserde und den Wagen, dann den Führer musterte und nun ausrief:
„Alle Wetter, das ist ja Schwuppke s Geschirr aus Kips» heim - wie kommen Sie denn dazu, bei Schwuppke den Kutscher zu machen und wo steckt denn der Bauer selber.
„Hm", erwiderte der Handwerksbursche ohne Zögern, indem er sein Felleisen nahm und von dem als Kutschbock dienenden lederüberzogenen Gestelle in der vorderen Hälfte des Wagens herunterkletterte, „Herr Schwuppke war so freundlich, mich aus seiner Fahrt nach Hause unterwegs aufzunehmen. Im Dorfe hier ist er in eines der ersten Güter hineingegangen, wo er nach feiner Erklärung Geschäfte hatte, ich sollte unterdeffen den Wagen bis zur Schänke weiterfahren."
„Ach fo", meinte der Wirth, der keck irnprovisirten Erzählung des jungen Menfchen ohne Weiteres Glauben schenkend, „Schwuppke erzählte mir neulich, er wolle einmal mit dem Stoffelbauer Über ein Stück Feld verhandeln, welches der Stoffelbauer in Kipsheimer Flur besitzt und verkaufen will, vielleicht, daß Schwuppke heute das Geschäft machen möchte. Aber jetzt wollen wir rasch die Gäule ausspannen", fugte er hinzu, „wir werden gleich einen tüchtigen Guß kriegen "
In der That fielen schon die ersten schweren Tropfen des schon längst drohenden Unwetters und kaum waren mit Hilfe des herbeigerufenen Knechtes die Pferde Schwuppke's im Stalle geborgen, als das Gewitter unter heftigem Regengüsse losbrach. Der Handwerksbursche sah durch das Fenster der Wrrthsstube eine Weile in den strömenden Regen hinaus, dann drehte er sich herum und sagte zu dem am Schänktisch herumhantiren-
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macht; er pfiff vor Vergnügen immer vor sich hin."
„Ja, dann wundert's mich freilich nicht, daß Schwuppke ausnahmsweise so freigebig ist", sagte der Wirth überzeugt, „ich will Ihnen gleich etwas hereinbesorgen."
Er verschwand aus dem Zimmer, um bald darauf mit einer tüchtigen Portion Butter, Brot, Käse und Wurst zurückzukehren und das für einen hungrigen Handwerksburschen recht annehmbare Souper vor dem Fremden niederzufetzen. Dieser griff denn auch wacker zu und ließ sich das Vorgesetzte trefflich schmecken, während er zugleich aus dem ihm vom Wirthe noch gebrachten Glase frischen Lagerbieres von Zeit zu Zett emen tüchtigen Schluck nahm. Merkwürdig rasch wurden die Teller leer und nachdem der junge Mann auch das Bierglas bis aus die Nagelprobe ausgetrunken hatte, erhob er sich und sagte, einen Blick durch das Fenster werfend:
„So, Herr Wirth, das wäre besorgt, und da, wie ich sehe, das Gewitter sich wieder verzieht, so will ich mich wieder auf die Strümpfe machen, um noch möglichst zeitig nach föouen«1 berg zu kommen. Vielleicht haben Sie nun auch die Gute und zahlen mir im Namen des Herrn Schwuppke die fünfzig Pfennige ans; daß ich sie sehr wohl gebrauchen kann, brauche ich gewiß nicht extra zu versichern."
Der Wirth lächelte und nahm ans seiner rechten Westentasche einen silbernen Fünfziger, ihn dem Fremden reichend. Dieser empsing das Geldstück, machte einen dankenden Kratzfuß und nahm hierauf sein Felleisen an sich, um dann mit den Worten: „Adje, Herr Wirth, bitte, mich Herrn Schwuppke zu em- pfehlen und ihm meinen besten Dank auszunchten, die Stube zu verlaßen. Draußen schlug Freund Urian die Richtung nach Hollenberg ein und war, ein fröhliches Liedchen vor sich hm- trällernd, den Blicken des ihm nachschauenden Wirthes bald


