Ausgabe 
6.5.1893
 
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»Das ist schlimm, sehr schlimm, Victor!" rief Beate er- schcocken.

Nun war ich schon bei Spaldingen und Compagnon, Mama» Bankier. Sie waren sehr höflich, aber ohne Mamas Unterschrift wollen sie mir kein Geld geben."

Kein Geld geben! Das war vorauszusehen, Victor!" entgegnete Beate kühl.

Leider! Ich habe auch sonst überall vergeblich angeklopft." Und nun willst Du das Geld von meinem Manne. Ich weiß nicht, Victor, ob Franz die Summe geben kann. Aber sagen will ich es ihm. Komme um zwölf Uhr wieder."

Er ließ den Kopf hängen.Wenn ich bis zwei Uhr nicht zahle, bleibt mir nichts übrig, als die Kugel!"

Er brachte die letzte Erwiderung stoßweise, dumpf hervor.

Um Gottes willen, um aller Heiligen willen! Franz wird Dir das Geld geben, nur kein Selbstmord. Hörst Du, komme wieder, Victor, Du sollst es haben!"

Er dankte hochaufathmend und ging.

Doctor Löwe kam wohlgemuth heim. Beate war ein allerliebstes Weibchen und Löwe der glücklichste Ehemann. Natürlich wußte Beate durch ihn von dem Ende des Oheims, darum hatte sie jetzt auch so entsetzliche Angst um Victor und brachte bei ihrem Gatten die Geschichte so gut als möglich an.

Löwe sagte kein Wort, brummte aber zuletzt:Art läßt nicht von Art! Ob Lothar mit Alexandrine so glücklich ist? Seine Briefe sind so trübe! Na, mit dem Victor will ich selbst mal ein Wort reden!"

Als Victor erschien, ging Löwe mit ihm auf sein Zimmer und lud ihn freundlich ein, Platz zu nehmen.

Stillschweigend zählte er dann zweitausend Gulden von semen Ersparnissen in lauter Fünfzigguldenscheinen auf den Tisch, deutete dahin und meinte:Dort ist das Geld, Victor, um das Sie Beate gebeten. Nun hören Sie aber eine kurze Geschichte!"

Victor horchte verwundert.

Es war einmal ein BankdirectorI" begann Doctor Löwe.

Mein Vater!" rief Victor erblassend.

Er galt für reich, aber er war es nicht; er hatte speculirt und sich vollständig ruinirt!"

Mein Vater?" rief der Offizier abermals erblassend.

Da ward plötzlich eine Kassenrevision gemeldet. Nach einem kaum beendigten großen Feste, welches er gegeben, schoß er sich eine Kugel durch das Herz. Die Welt weiß es nicht, glaubt vielmehr, daß er am Herzschlage verstorben!"

Gottlob, Sie sprechen nicht von meinem Vater!" mur­melte jetzt Victor.

Ein Brief, den der Unglückliche hinterließ, klärte Alles auf: es war ein Kassendefect von fünfmalhunderttausend Gulden vorhanden."

Teufel!" schrie jetzt der junge Mann empört.

Ein edler Mann, ein Freund des Hauses, deckte das Deficit, er hielt den Namen des Tobten rein von Schmach, deckte mit seinem eigenen (Selbe Alles und rettete so die Ehre des Hauses!" fuhr Doctor Löwe fort.

Aber um Gotteswillen, Cousin, von wem reden Sie denn?".

Wollen Sie nun wissen, wer es ist, von dem ich spreche?"

Ja, aber"

Der Retter ist Doctor Lothar Hiller, der Gatte Ihrer Schwester, und der Unglückliche"

Mein Vater?"

»Ja, Ihr Vater, Victor!"

Der junge Mann fiel wie gebrochen auf einen Stuhl; leise stöhnte er auf; dann weinte er wie ein Kind und rief: «Mei» Vater ein Dieb, ein Selbstmörder? O schreckliches Loos!"

Jetzt legte Doctor Löwe die Hand auf Victors Schultern und sagte:Das ist nun vorbei! Sie werden nie darüber sprechen, auch gegen Lothar nicht, Sie werden aber auch nicht mehr spielen, Victor?"

Nie und nimmer! Und das Geld, Cousin, das Geld, wer ersetzt es dem Schwager?"

Wer? Niemand!"

"Barmherziger Gott!" rief Victor schaudernd.Eine halbe Million hat Hiller für uns geopfert!"

Er gelobte nochmals heilig Besserung und stürzte fort.

Als Doctor Löwe wieder zu Beaten kam, küßte er sie zärtlich und sagte:So, meine Kleine, der ist curirt für immer; die Lectton war nur etwas zu traurig, aber ich konnte sie dem Leichtfuß nicht vorenthalten!"

Aber wir mußten ihm doch helfen!"

Natürlich, sein Vater hat Dir Gutes gethan, also war es unsere Pflicht, Victor zu helfen."

Denselben Abend meldete eine Depesche die Heimkehr der Familie Hiller dem Löwe'schen Ehepaare an.

Endlich war der freudige Tag der Ankunft Hillers da. Frau von Eppinger bezog ihre Wohnung wieder, das junge Paar aber fuhr nach Hillershausen hinaus, wo es die Diener- schäft festlich empfing.

Als die beiden Ehegatten dort allein waren, machte Lothar ein ernstes Gesicht und begann:Alexandrine, in der Fremde hat die Vermittelung der Mama Manches möglich gemacht, was hier unmöglich ist. Laß uns offen sein: ich bin der Alte gegen Dich, aber Du kannst es noch nicht vergessen, daß ich es war, der diesen Elenden von Dir gerissen. Es bleibt bei dem, was ich Dir in Venedig sagte. Dort sind Deine Zimmer! Hier sind die meinigen! Thue, was Du willst, nur bedenke, daß Du meinen Namen trägst!"

Seine Stimme zitterte, als Alexandrine mit gesenkten Blicken kein Wort der Erwiderung fand. Fast schien er ein solches zu erwarten, aber wenn er ihr den Tod gedroht, sie hätte jetzt nicht reden, nicht gestehen können, daß sie schon in Venedig vor seiner Thür um seine Liebe gebettelt, in Rom bereit gewesen war, ihre Thorheit zu gestehen.

Er war leise hinausgegangen, ebenso leise kehrte er zurück und legte ihr ein Portefeuille mit zweitausend Gulden auf den Tisch.

Dein Nadelgeld, Alexandrine:" sagte Hiller.Bedarfst Du mehr, so habe die Güte, es mir zu sagen. Noch Eins! Ich möchte nicht bei Dir int falschen Verdachte stehen: In jener Nacht zu Venedig, wo ich Dich krank an der Erde fand, war ich in den Canal hinausgefahren, um das heiße Blut zu kühlen."

O Lothar!" entgegnete sie, im Begriff, ihm Alles, Alles zu sagen, aber der Stolz fesselte ihre Zunge.

Seufzend ging Lothar auf sein Zimmer.

(Fortsetzung folgt.)

Der gefährliche Kandwerksbursche.

Humoreske von R. Zenner.

(Schluß.)

Hu, hu!" ertönte es plötzlich an der Seite des Bauern mit einer schrillen Stimme und erschrocken wandte er sich jetzt dem neben ihm sitzenden Handwerksburschen zu. Aber entsetzt fuhr Schwuppke zurück, so daß ihm fast die Zügel aus der Hand gefallen wären, als er feinen Fahrgast anblickte, denn derselbe schnitt eine gräuliche Fratze, rollte grimmig die Augen und fletschte förmlich die Zähne, welche sich bei dieser Gelegen­heit als sehr kräftig entwickelt erwiesen.

Um Gotteswillen, Mensch, was habt Ihr denn?" rief Schwuppke aus, angstvoll auf seinen Begleiter starrend.

Nichts, nichts", erwiderte der Angeredete mit dumpfer Stimme, streckte aber die Zunge heraus, stieß dann wiederum ein markerschütterndes:Hu, hu!" aus und schnappte mit den Zähnen ganz richtig nach der großen Nase des Fuhrwerksbe­sitzers, so daß derselbe aufs Neu'e ganz entsetzt zurückfuhr, während die blühende Röthe seines Gesichts vor Schreck in ein fahles Bleich umMug.

-Seid Ihr denn verrückt?" keuchte Schwuppke, indem ihm fdjier der Angstschweiß auf die Stirn trat.

Verrückt?" lautete die Gegenfrage des unheimlichen Reife-