Ausgabe 
6.5.1893
 
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und

was

am

Fenster.

Sie erzählt ihre Geschichte, Excellenza, nennt ihre Woh­nung!" berichtete dann die Zofe.

Sie wollen über das Weitere ein anderes Mal sprechen I"

übersetzte Camilla getreu.

Die Blumenverkäuferin nahm dann ihren Knaben bei der Hand, ergriff ihren Korb und verschwand schnell im Gewühl der Passanten-

Frau von Eppinger fand heute ihren Schwiegersohn bei Tisch aufgeräumter denn je, er scherzte und lachte und schloß endlich das Tischgespräch mit den Worten:Was meinst Du, Alexandrine, wenn wir übermorgen an die Abreise nach unserm lieben Wien dächten? Ich glaube, Du bist jetzt gekräftigt genug, und meine Arbeit ist hier bis auf die Entzifferung der Inschrift eines Triumphbogens gethan?"

Alexandrine nickte nur flüchtig. Was ging in ihr vor ? Immer mußte sie wieder an die schöne Blumenverkäuferin denken und dabei war ihr zu Sinn gerade wie in dem Augen­blicke, als ihr Gilzingen abschrieb. Sie blieb den ganzen Tag verstimmt und nachdenklich.

In der Nacht erhob sie sich zitternd von ihrem Lager- Ihre Mutter schlief fest an ihrer Seite- Leise durchschritt sie das Gemach und war schon der Thür nahe, die sie von ihrem Gatten trennte, als sie gegen ein Fußbänkchen stieß. Die Mutter

Während dieser Zeit spielte sich eines Tages bei Doctor Löwe eine andere Scene ab. .

Der Redacteur hatte mit seiner Frau Beate eine Heute, komfortable Wohnung in der Belletage eines schönen Hauses der Sternstraße in Wien inne-

Ziemlich früh des Morgens, es war im Juni, trat dort der Lieutenant Victor von Eppinger ein und fand Beate allein. Ihr Gatte war schon nach dem Redactionsbureau gegangen.

Beate empfing den Cousin herzlich.

Der Tausend, Victor," scherzte sie,das rst einmal eine Ehre. Seit zwei Monaten hast Du uns Deinen Anblick nicht gegonn^chmolle Cousine," entschuldigte er sich,der

leidige Dienst! Ich bin von den Märschen noch ganz ange« rtriffpn V1

In der That, Du siehst nicht wohl aus, Cousin!"

Er murmelte etwas in den Schnurrbart und ging unruhig aus und ab.Wo ist Dein Mann?" fragte er dann nach einer Pause.

Er ist schon auf dem Bureau."

Ich möchte ihn gern sprechen!"

So gehe zu ihm; Du weißt ja das Redactions-Bureau.

Er schwieg und fing dann wieder an:Allerdings! Aber liebe Beate, Dein Mann ist zuweilen sehr streng; ich möchte lieber über die Sache mit Dir sprechen!"

Mit mir?"

Ja, Cousine. Ich habe gestern gespielt und - Unglück gehabt!"

O weh!"

|Ich habe zweitausend Gulden Ehrenschulden!'

erwachte und fragte:Alexandrine, geliebtes Kind, hat Dich die böse Krankheit so verstört, daß Du gar nachtwandelst?"

Schweigend und seufzend kehrte sie um, doch netzte sie diese Nacht die Kissen ihres Bettes mit ihren Thränen.

Fast heimlich, noch ganz frühe des andern Tages trat Lothar bei der Blumenverkäuferin in eine ärmliche Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft einer klassischen Ruine.

Sic transit gloria mundi 1 (So vergeht der Ruhm der Welt!) murmelte er und trat ein. Vor der Thür der Woh­nung hörte er schweigend die ganze Geschichte der Aermsteu. Ein Deutscher hatte Fioretta bethört und dann sitzen lassen. Die junge Frau beschrieb den Verführer so genau, daß Lothar ausrief:Guido von Gilzingen!"

Signor!" fuhr da die Italienerin auf.Das ist der Name- Ich konnte die harten Laute nicht behalten, Signor! Taufend Dank und möge die Mutter Gottes Euch segnen. Ja, er ist der Vater meines Carlo!"

Und Ihr wißt nicht, wo er wohnt?"

Nein, Excellenza I"

Ich will es Euch sagen: Er lebt in Wien. Könnt Ihr lesen, Fioretta?"

Ja, Signor!" p,

Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuch.Hier ist seine Adresse!" , . Ä

Lothar zog einen Beutel voll Gold hervor und sagt»: Hier sind tausend Lire in Gold, Gold gilt überall- Zieht nach Wien, sucht ihn auf, zwingt ihn, Euch Wort zu halten. Seid Ihr in Wien, so schreibt mir, aber sucht mich nicht persön­lich auf!"

Ich werde es so machen!" entgegnete die Italienerin-

Auf Euren Brief werde ich zu Euch kommen, Fioretta, und dann zahle ich Euch die gleiche Summe wie heute!"

O, Excellenza ist ein Engel!" rief die arme Person.

Er lächelte und meinte:So hoch versteige ich mich nicht- Adieu!"

Als er ging, murmelte er leise vor sich hin:Nun, Guido von Gilzingen, jetzt kann der Kampf um ihre Liebe beginnen. Du oder ich!" ,, _ lt. ...

Tags darauf reiste Lothar mit feiner Gattin und feiner Schwiegermutter heimwärts.

Langsam genaß Alexandrine. Lothar widmete ihr jede i Stunde, die er nicht am Arbeitstische zubrachte. Dann miethete er ein Boot und bald saßen alle drei in der Gondel und ath- meten die köstliche Seeluft ein. Bald blühten die Rosen wieder auf Alexandrinens Wangen und die Reise konnte fortgesetzt werden. Man zog durch Italien und kam endlich auch nach der Siebenhügelstadt Rom.

Lothar miethete eine Privatwohnung an einem freien Platze, die sehr bequem und comfortabel eingerichtet war. Die Wunder der einstigen Weltmetropole fesselten Geist und Sinne der Rei- senden, ihre Augen schwelgten in der Schönheit der Antike, ihre Brust athmete höhere Lebenslust.

Lothar machte des Morgens Studien zu einem Roman aus der Kaiserzeit, während Frau von Eppinger und Alexan­drine dann das Zimmer hüteten.

Eines Tages kehrte Hiller früher als gewöhnlich aus den Museen und Ruinen der ewigen Roma zurück. Dicht vor dem geöffneten Fenster, an dem Alexandrine und ihre Mutter saßen, hatte sich auf der offenen Straße eine junge Frau placirt, eine echte Italienerin, die für den Typus weiblicher, landesüblicher Schönheit gelten durfte. Sie war ärmlich, aber rein und sauber gekleidet und neben ihr stand ein Knabe von etwa vier Jahren von fast idealer Schönheit.

Die Frau bot Blumensträußchen aus. Die Straße führte nach dem Corso und ein ununterbrochener Menschenstrom zog hier gegen Mittag vorbei. Jene Frau war unermüdlich, den Vorübergehenden ihre Blumen anzubieten:Sträußchen, Ihr Herren, nicht theuer!"

Camilla, Alexandrinens Zofe, batte diesen oft wiederholten Ausruf der Blumenverkäuferin aus der italienischen Sprache längst übersetzen müssen.

Jetzt kam Lothar daher- Er war augenscheinlich in tiefe Gedanken versunken; aus diesen rissen ihn aber die melodischen Ausrufe der jungen Frau.

Er verstand den Ausruf sofort, denn er sprach das Italie­

nische fast vollständig.

Mutter, ich habe Hunger und Durst!" rief das Kind der Blumenverkäuferin dazwischen.

Lothar seufzte mitleidig und zog die Börse. Alexandrine sah Gold in feiner Hand blitzen und bei der Frau verschwin­den. Ein Stich ging ihr durch's Herz. War es Eifersucht? Lange und schnell sprachen Lothar und die Italienerin mit einander und Alexandrine verstand nur die Namen Fioretta

Carlo. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen.

Camilla," rief sie,komme schnell, übersetze mir 'mal, mein Gatte mit der schönen Blumenhändlerin spricht!" Wohl, Excellenza!" antwortete die Zofe und sie horchte