Nr. 53
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Untephalttrngsblatt 311m Gietzener* Anzeiger (General-Anzeiger)
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Samstag, den 6. Mai.
Liebe um Liebe.
Novelle von Carl Cassau.
(Fortsetzung).
Um Mittag erreichten die Reisenden Venedig und nahmen im Hotel San Marco Quartier.
Alexandrine hatte Venedig noch nie gesehen. Wie staunte sie über die Lagunenstadt! Lothar war in krankhafter Ausregung, er ließ Alexandrine gar nicht zur Ruhe kommen; von einem Ausfluge ging es zum andern, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, bis sie endlich erklärte, sie könne nicht weiter.
Nach dem Souper, welches einsilbig verlief, schlug Lothar einen anderen Ton an.
„Alexandrine," sagte er weich, aber fest, „so geht es nicht fort, ich reibe mich auf und bin des Todes. Höre mich! — Ich bin kein tragischer Character, sondern ein einfacher, gerader Mann, der nicht zu heucheln versteht. Alexandrine, ich habe bereit» seit mehreren Jahren zu Dir wie zu einem Engel aufgeblickt, ich liebe Dich noch heute in derselben Weise, aber Du — Du hast mir nicht Dein ganzes Herz geschenkt! In Deiner Seele lebt noch das Bild eines anderen Mannes, jenes Guido von Gilzingen —"
„Lothar," schrie sie nun, „Du hast die Briefe gelesen? Es war Unrecht von Dir!"
„Ein böser Zufall warf sie mir zum zweiten Male in den Weg. Als Dein Gatte hatte ich das Recht und sogar die Pflicht. Ich sah nur einige Tropfen von dem Gift, welches jene Briefe enthielten. Doch genug, ich warf sie in's Meer!"
„Wo sie auch am besten ruhen," entgegnete Alexandrine bitter.
„Und Du denkst nicht mehr an ihn? Antworte mir wie vor Gottes Angesicht, Alexandrine, vor Gott, der den Meineid straft!"
Sie schlug die Augen nieder.
Seine Stimme klang umflort, als er wieder das Wort nahm: „Alexandrine, ich will Dich nicht halb, ich will Dich ganz besitzen. Dort sind Deine Zimmer, hier die meinigen! Eine» Tage», wenn sein Bild in Deiner Seele erloschen, poche an diese Thür und rufe: Lothar, ich bin da; hier hast Du mich ganz! — Dann werde ich Dir öffnen und Dich in meine Arme schließen. Gute Nacht!"
Er ergriff den Leuchter und verschwand im Gemache nebenan.
Lange stand sie starr und regungslos wie das Steinblld der Niobe da, dann griff sie nach dem Herzen und schritt finster
in ihr Gemach. Ruhelos wanderte sie auf und ab; dumpf schlugen die Glocken auf San Marco zwölf Uhr und fiebernde Gedanken quälten ihr Haupt. Sie wollte ihm Alles gestehen, sich vor ihm beugen, ihm sagen, daß sie den Elenden vergessen wolle, der ihre Jugend benutzt, sich geschickt in ihr Herz zu schleichen, daß sie ihn vielleicht gar nicht geliebt. Im weißen Nachtkleide schritt Alexandrine durch das Vorzimmer, zagend nahte sie sich der Thür. Sie klopfte leise, Niemand antwortete; sie öffnete leise Lothars Zimmer — es war leer; sein Bett stand unangerührt.
Da stieß sie einen entsetzlichen Schrei aus und fiel schwer
fällig zu Boden.
Als Alexandrine erwachte, fand sie sich im Bette wieder und daneben eine junge Dame, welche sich ihr in gebrochenem Deutsch als Camilla, ihre neugeworbene Zofe und Pflegerin, zu erkennen gab. Und da stand auch Lothar neben einem fremden Herrn. Es war der Arzt.
Als sie sprechen wollte, winkte ihr Lothar freundlich wie immer zu: „Nicht jetzt, nicht jetzt, theure Alexandrine, Du bist schwer krank. Ruhe, Schlaf und Arznei werden Dir hoffentlich bald Deine Gesundheit wiedergeben. Ich wache über Dich,
schlafe!"
Sie schloß wie ein gehorsames Kind die Augen und schlief wieder ein.
Als sie nach heftigen Fieberträumen, in denen sie ost Lothars Blld zu erblicken vermeinte, wieder zu sich kam, saß neben ihrem Bette — die Mama und Camilla, ihre Zofe, ging geschäftig hin und her. Bald erschien auch Lothar. >
Er schien ihr schöner, vornehmer, edler als sonst.
Herzlich beglückwünschte er die Genesende zu einem neuen Leben, dann überließ er den Platz am Bette wieder der Mutter. Noch brach die Eisrinde um Alexandrinens Herz nicht; sie schwieg beharrlich, aber die kluge Frau sah sogleich, wie hier die Sachen standen. In einer vertraulichen Stunde gestand Alexandrine dem Mutterherzen Alles.
„Es war eine Sünde von mir," bekannte sie nun, „em schweres Unrecht, daß ich ihm die Hand zum ewigen Bun^ mit halbem Herzen reichte, während in der anderen Hälfte noch der Verräther Guido saß!" ,, r., r
„Du wirst ihn vergessen und Lothar gewiß lieben lernen; er ist ein edler, ein sehr edler Mann. O, wenn ich reden dürste, Alexandrine! Wenn ich Dir sagen könnte, rote hochherzig, wie edel Lothar ist!"
„Was willst Du mir verheimlichen, Mama?"
„Ach nicht»!" „ r ,
Frau von Eppinger seufzte schwer auf und ern anderes Thema ward angeschlagen.


