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Wahne, daß zwischen ihr und Julius Steindorf von nun an eine wunschlose, reine Freundschaft wie zwischen Männern de» stehen könne. Der Schlaue ließ sie in diesem „tollen" Wchn, wie er es im Innern verächtlich nannte, er näherte denselben bis zur gelegenen Stunde, wenn das Korn reif zur Ernte war, wie er meinte.
Das neue Attentat im Gebirge, dem Marbach und Rein» Hardt zum Opfer gefallen, erfuhr sie auf des Arztes Befehl noch immer nicht, sah sie doch noch keinen andern Bekannten bei sich als Steindorf, den neuen Herrn von Evenheim, wie die Gutsleute ihn heimlich mit stillem Groll und erklärlicher Furcht nannten.
Heute nun, als Dr. Peters und Mamsel Evers das junge Paar im Garten beobachtet hatten, schien das Korn für Herrn Julius reif zur Ernte zu sein.
Armgard machte zum ersten Male einen ordentlichen Spaziergang im Garten, bei welchem der junge Herr natürlich den Begleiter abgab. Er bot ihr seinen Arm an, den sie anfangs mit scheuer Befangenheit ablehnte, bis ihre Schwäche sie end- l ch dazu zwang.
„Sehen Sie, theure Freundin, daß die Frau der Stütze doch bedarf?" scherzte Steindorf, ihren Arm durch denseinigen ziehend und sargt an sich drückend.
Armgard fühlte, wie ihr bei dieser Berührung alles Blut gewaltsam zum Herzen drang. — War das wirklich die alte Liebe, welche unter der Asche der Vergangenheit in unver- cknderter Gluth wieder auflorderte? — Sie wußte das beklemmende Gefühl nicht zu deuten, das sie zu ihm hindrängte und dann wieder in Furcht und Widerstreben abstieß. Schwer athmend wollte sie sprechen, ihn bitten, sie ins Haus zurück- zuführen, — und vermochte doch keinen Laut hervorzubringen, da ihr die Kehle wie zugeschnürt war. Sie fühlte sich in ihrer Schwäche so willenlos, daß sie hätte aufschreien mögen vor Zorn über die eigene Hilfslostgkeit. Unwillkürlich drängte sich in diesem Augenblick das ernste offene Gesicht des jetzigen Besitzers von Rotenhof vor ihren inneren Blick, und es war ihr, als müsse sie sich zu ihm flüchten oder auch vor Scham in die Erde versinken.
Da tönte die melodisch-schöne Stimme des Mannes, den sie einst so leidenschaftlich geliebt, dicht an ihrem Ohr, der wehmüthige verschleierte Klang derselben, durch welchen eine tiefe Trauer sich hörbar machte, drang unwiderstehlich in ihr Herz, der berauschende Zauber seiner unmittelbaren Nähe schien sie mit einem unentrinnbaren Netz zu umgeben und entsetzt fühlte sie ihr Loos besiegelt.
Wie er ihren hilflosen Zustand geschickt benutzte, sich zärtlich vor den Augen der Gulsangehörigen zu ihr niederbeugte und sie dann in den Park führte, um das letzte bindende Wort ihr abzuschmeicheln. Sie war jetzt jedem fremden Blick entzogen, allein mit ihm, und zitterte an seinem Arm wie ein gefangenes Vögelchen.
Dort stand noch eine der alten Bänke, wie einst vor zehn Jahren. Steindorf führte sie mit rasfinirter Ueberlegung nach derselben hin und nöthigte sie, sich hier auszuruhen. Ec wußte genau, was er that, war dies doch dieselbe Holzbank, auf der er dem Kinde als Primaner eine Liebeserklärung gemacht und sich vermessen hatte, um ihretwillen mit der ganzen Welt sich zu duelliren. Diese Bank war nie erneuert, doch stets in ihrer alten Form und Farbe erhalten, während überall sonst eiserne Bänke angebracht worden waren. Der schlaue ©teilt» borf hatte dies längst bemerkt und als stille Pflege der Erinnerung auch ganz richtig gedeutet, — er kannte das Frauenherz genau und lächelte spöttisch, wenn man von einer conse- guenten Festigkeit und männlichen Kraft desselben sprach.
„Das echte Frauenherz hält selbst die unwürdigste Liebe noch fest, und ist derselben für immer verfallen, darin ist es eonsequent", pflegte er dann zu sagen, „Ausnahmen gibt es nicht."
Und hier schien ein frivoler Ausspruch wieder recht zu behalten, wie er triumphirend überzeugt sein durfte.
„Der Weg hat Sie angestrengt, theure Armgardt!" sagte er, ihr besorgt in die Augen blickend, „Sie sehen angegriffen
aus. — Ach, diese Bank!" setzte er plötzlich erregt hinzu, „ist es wirklich noch dieselbe, wo wir als Kinder so — glücklich waren?"
„Er isi dieselbe", erwiderte Armgard mühsam, „Sie haben recht, wir waren glückliche, aber recht unerfahrene Kinder."
„Die Erfahrung pflegt eine strenge Lehrmeisterin zu sein, mir ist sie es in der That gewesen. O, Armgard, kennen Sie die Reue? — Nein, Sie haben ja kein verlorenes Glück zu beweinen, kein Unrecht zu bereuen. Jene Episode meines Leben», an welche diese Bank mich gerade jetzt recht grausam erinnert, war für Sie nur eine kindische Thorheit, und zog um Ihr Leben keinen verhängnißvollen Kreis. Wie hätten Sie mich sonst kampflos aufgeben können?"
Armgard blickte ihn mit stillem Borwurf an und wollte sich erheben. Sie fühlte, daß er sie mit Vorbedacht nach diesem Platz geleitet hatte, und ihr Stolz bäumte sich noch einmal gegen diesen Mann auf, der sie mit jenen Künsten wieder umstrickte, an denen einst ihr Lebensglück zu Grunde gegangen war. Der Warnruf des alten Reinhardt drang ihr höhnend in's Ohr, aber es war zu spät, die Todtenhand seines Kindes hatte gewaltsam das Band wieder geknüpft, gegen das ihr Stolz sich ohnmächtig erwies. (Fortsetzung folgt )
Die Manze in der Wolkssage und im Wokksrnärchen.
Von Dr. W. Wallus.
--(Nachdruck verboten.)
Märchen und Sagen sind die erste Poesie des Kindes und des Volkes. Wenn der sprachliche Sinn und die Erfahrung des Kindes noch nicht so weit gereist sind, daß es die Dichter verstehen kann, so versteht es doch schon die Märchen, welche das Mütterchen ihm schlicht erzählt, und lauscht mit Entzücken dieser Art von Dichtung — ein Zeichen, wie sehr die Poesie von N-tur in der Menschenseele wohnt. Wenn ein Volk noch wenig vorgeschritten ist in der Ausbildung der Kunstformen, wenn es noch roh und wild ist, so glaubt es mit besonderer Vorliebe an überirdische höhere, geheimnißvolle Dinge und schafft dichtend die Sage.
In Märchen und Sage spielt die Phantasie mit großer Kraft, sie zaubert im Geiste das Höhere, Schönere, welches die Welt nicht bietet. Märch.n und Sagen sind nicht bloß Spielereien, sie sind ein wahrer Trost, eine Erbauung für Kinder wie für Völker — welches Volk würde gern auf alle sagenhafte Ueberlieferung verzichten, welcher Mensch würde wünschen, in der Kindheit nie beim Märchen geschwärmt zu haben? Beides gehört zur glücklichen Existenz.
Aber ohne alle Erfahrungen vermag auch die Phantasie nicht zu schaffen; sie vergrößert, verschönt, färbt, schmückt aus, aber sie muß doch zuerst einen Stoff anderswoher kennen, ehe diese Dichterarbeit beginnen kann. Woher nehmen Kinder und unentwickelte Völker die Stoffe und die Mittel zur Ausschmückung ihrer Poesie? Aus dem Menschenleben, vor Allem aber aus der Natur l Das Kind interessirt sich sofort für die Blümchen, die so bunt sein Auge erfreuen, das Volk findet und sucht viel Geheimnißvolles in der Pflanzenwelt. In der That bleibt Geheimniß genug in dieser Seite der Natur immerdar! Auch wenn die Menschen eine Stufe der Nuturkenntniß erreichen, etwa wie unsere Gelehrten und Forscher sie besitzen, auch dann noch erkennen die wahrhaft Einsichtigen jederzeit an, daß wir zwar viel wissen, daß aber noch Alles voll ist von Geheimnissen, daß viele Geheimnisse nie gelöst werden können. Nur die obeiflächlichen Geister glauben, Alles sei erklärt, in Wahrheit wird die Grenze, wo das Dunkel beginnt, durch die Forschung nur hinausgeschoben, aber das Licht kann nie bis an das Ende bringen und alle Grenzen zerstören.
Die Phantasie des K rdes und des Volkes stellt sich Vieles falsch vor — gewiß, da sie Vieles noch nicht so kennt wie die Forscher, aber sie greift auch oft kühn in die tiefsten Geheimnisse hinein und erklärt poetisch das, was die Wissenschaft nie


