158
nicht wieder in's Leben zurückzurufen war, so wollte er ans ihrem Tode auch für sich den größtmöglichsten Vortheil ziehen und Armgards Seelenzustand so rasch als möglich zu verwerthen suchen. Er war ein Mann der That, der nicht lange zu er« wägen und zu bedenken pflegte und dem auch in dieser Sache der Zufall trefflich zu Hilfe kam, indem derselbe die seinen Plänen wirklich gefährliche Tante Hanna, die einzige, welche Einfluß auf Armgard Holten besaß, des Denkvermögens beraubt hatte. Von der bevorstehenden Operation derselben hatte er noch gar nichts vernommen, da Doctor Peters ihm so viel als möglich aus dem Wege ging und er auch meistens sich in Edenheim, wo man ebenfalls nichts davon erfuhr, aufhielt.
Als der alte Arzt heute aus dem Stubenfenster der Mamsell Evers blickte, sah er Julius Steindorf mit der Gutsherrin Arm in Arm langsam dem Parke zuwandeln. Steindorf beugte sich zu ihr nieder und schien in eindringlichster Weise mit ihr zu reden. Armgard ging gesenkten Hauptes wie ein willenloses Opferlamm neben ihm, bis sie hinter den Bäumen des Parks verschwunden waren.
Wie war es dem glatten, in allen Künsten der Ueberredung geschulten Steindorf so rasch gelungen, ein solches Mäochen wie Armgard Holten trotz der ihn schwer anklagenden Vergangenheit auf's Neue für sich zu gewinnen.
Seit einigen Tagen erst hatte sie das Krankenzimmer mit den Wohnräumen wieder vertauscht und die Pflegerin entlassen, weil der Arzt sie für hinreichend genesen erklärte, um sich auf kurze Zeit der frischen und sonnigen Lust schon zu erfreuen.
Jetzt lieb sich auch Steindorf sogleich bei ihr anmelden, um ihr seine Glückwünsche zur Genesung auszusprechen und sich auch zugleich wegen seiner Eigenmächtigkeit, mit welcher er in ihrem Namen die Zügel der Regierung ergriffen, zu entschuldigen.
„Sie sind krank geworden, theure Armgard!" sagte er. „Und ich allein in meinet grenzenlosen Selbstsucht, welche Ihnen die arme kleine Lotta aufbürdete, trage die indirecte Schuld dieser Krankheit, — nein, reden Sie nichts dagegen, Sie sind die Selbstlosigkeit in Person, ich weiß es doch am besten, aber Gott hat mich hart gestraft, daß ich in meiner Verblendung heimkehrte, ja, es sogar wagte, Ihnen gegenüber zu treten. Nun wohl, ich kann dafür keine Verzeihung verlangen, hätte auch meinen Entschluß, sogleich nach Lottas Begräbniß abzureisen und nach Amerika zurückzukehren, unbedingt ausgesührt, wenn nicht Ihre Erkrankung mir die heilige Pflicht auferlegt, mindestens in dieser Zeit über Ihr Hab und Gut zu wachen. Und nun bin ich gekommen, um Abschied zu nehmen, gnädiges Fräulein!" setzte er nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimme hinzu, „dem gütigen Gott dankend, daß er Ihr Leben behütet und mir zu der alten Schuld nicht eine neue schwerere noch aufgebürdet hat."
Herr Julius Steindorf war ein ganz vortrefflicher Comö- diant und wenn Doctor Peters eine Ahnung davon gehabt, hätte er sicherlich diese aufregende Scene für seine Reconvales- centin um jeden Preis zu verhindern gesucht.
Von der Krankheit körperlich geschwächt, seelisch leidend und sich diesem verführerisch schönen Manne gegenüber durch den Tod seines einzigen Kindes schwer verpflichtet fühlend, mochte sie auch für Liebe halten, was im Grunde vielleicht nur Schwäche und ein krankhafter Wahn war.
„Wohin gehen Sie?" fragte sie leise.
„Nach Amerika zurück, vielleicht auch nach einem anderen Welttheil, — ich bin ein Heimathloser auf Erden geworden, seitdem der Tod alle Familienbande hüben und drüben zerrissen hat."
„Sie haben in Amerika Freunde und Bekannte."
„Was man so nennt, — ja, — Fräulein Armgard! — Doch wird drüben mich Niemand vermissen — keine Seele nach mir fragen, weil die Freundschaft sich nur so lange zu bewähren pflegt, als das materielle Interesse andauert, welches dieselbe geknüpft. Ich habe dort keine Liebe zurückgeloffen und was ich mit herübernahm —"
Er brach ab, beugte sich hastig über ihre Hand, welche er an seine Lippen zog, flüsterte kaum hörbar: „Leben Sie
wohl und recht — recht glücklich!" und wollte sich rasch entfernen.
„Nein," rief sie fast leidenschaftlich, „gehen Sie so nicht von mir, Herr Steindorf! — Heimathlos und freudlos, sagten Sie nicht so? — Und das einzige Wesen, welches Sie liebte, durch meine Schuld — gemordet! Begreifen Sie, wie ich diesen Gedanken ertragen soll?'
Er kehrte zu ihr zurück, seltsam blaß und zitternd.
„Sie sind ein Engel an Güte, Armgard! ' sagte er halblaut- „Fürchten Sie doch nicht, von mir verkannt zu werden, oder einen ungerechten Vorwurf zu hören. Weshalb diese Selbstquälerei? — Mag die Weit darüber urtheilen wie sie will, mein Herz spricht Sie frei von jeglicher Schuld, fehlt von dem kleinsten indirectesten Versehen- O, mein Gott!" s tzte er in ausbrechender Verzweiflung hinzu. „Wie gern ich hier bliebe, kann ich nicht aussprechen —"
„Nun, dann bleiben Sie, mein Freund!" fiel Armgard ein- „Wer treibt Sie fort?"
„Die Bosheit der Menschen — man sagt bereits, daß ich Ihre Arglosigkeit ausbsute, meine Hand nach der reichen Erbin ausstrecke. — Das treibt mich fort. Sie dürfen mich nicht zurückhalten, Fräulein Armgard!"
Sie schwieg eine Weile, ihn unruhig anblickend, jener Abend bei Tanie Hanna, wo der Maler Reinhardt von ihm so Häßliches, sie tief Beschämendes berichtet, kam ihr in die Erinnerung zurück. Sollte der Maler, der ihr stets unsympathisch gewesen, die Wahrheit gesprochen oder ihn geflissentlich verleumdet haben? — Wer ihr darüber Ausklärung hätte geben können! Wie im Fluge jagten die Gedanken durch ihr Gehirn und seltsam — auch Tante Hannas Liebes- und Leidensgeschichte tauchte in den Hauptmomenten dazwischen auf.
„Worüber grübeln Sie so plötzlich?" fragte Steindorf, ihren unruhig-forschenden Blick bemerkend, endlich verwundert.
Aemgard schämte sich ihres Mißtrauens, zumal sie sich entsann, daß Reinhardt mit der Steindorf'schen Familie schon in früheren Jahren verfeindet gewesen war. War denn der arme Julius nicht damals noch so blutjung und zu der Verlobung mit ihr, der unschönen Erbin, von vornherein bestimmt gewesen, ohne daß man ihn um seine Einwilligung gefragt hatte? — Konnte er denn dafür, daß sein Herz ihrer schönen Cousine zuflog, und war es nicht die Schuld seiner Eltern ganz allein, daß der Arme jetzt heimathlos und verlassen war?
Armgard war also bereits so weit, seine Untreue und Falschheit zu entschuldigen und ihn als das Opfer väterlicher Despotie hinzustellen.
„Ich grübele darüber nach, weshalb die Menschen eine so große Lust zur Verleumdung besitzen," erwiderte sie deshalb traurig, „und kann es nicht begreifen, weshalb ein Mann, der sich seiner lauteren Absichten bewußt ist, dieser Verleumdung weichen soll.''
„Das heißt mit anderen Worten, daß ich derselben trotzen und hierbleiben soll?" fragte Steindorf, sie fest anblickend.
Sie senkte die Augen und wieder kam die Unruhe über sie, welche ihr einen physischen Schmerz in der Brust verursachte. Sie zitterte vor seinem Blick wie das Vöglein vor dem bezaubernden Blick der Schlange und hätte entfliehen mögen, um sich vor ihm zu schützen. Es war der innere Jnstinct der reinen Mädchenseele, welche wie Gretchen die Nähe des Mephisto, des unreinen Lügengeistes, ahnte.
W »Sie antworten mir nicht, Armgard?" fuhr Steindorf nach einer kleinen Pause leise fort- „Wünschen Sie, daß ich gehe?"
„Nein, bleiben Sie hier!" stieß sie fast gewaltsam hervor, sich fest aufrichtend, als wolle sie allen unheimlichen Empfindungen Trotz bieten. „Ich will der Welt zeigen, daß ich ihre Verleumdungen verachte und kein unlauterer Gedanke zwischen Ihnen und mir besteht. Sie dürfen nicht von hier fortgehen, mein Freund, bis Sie einen festen Plan für Ihre Zukunft gefaßt und Ihren Frieden, den Lotta mit in die Gruft genommen, wieder errungen haben,"
Steindorf küßte ihre Hände und gelobte treue Freundschaft. Sie sah seinen Triumphblick nicht und wiegte sich in dem


