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1803,
Nr. 40
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Donnerstag, den 6. April.
Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
Doctor Peters setzte seine Brille auf und übersah, einen Schritt vom Fenster entfernt, das Terrain. Er schüttelte hohnvoll lächelnd den Kopf, blickte dann noch einmal hin und lachte laut auf.
„Das ist ja der leibhaftige Marschall Vorwärts!" brummte er, der Mamsell, welche mit leichenblassem Gestcht unverwandt hinstarrte, die Hand auf die Schulter legend. „Hätt's von der aber doch nicht gedacht! — Da kenne Einer die Weiber aus. — Na, gesagt hab' ich's dem armen Kerl, dem Marbach, schon damals, als er so um Pfingsten herum angekommen war, aber geglaubt hab' ich's im Innern doch nicht. Was soll man dazu sagen, Mamsell Evers, alte Liebe scheint bei Euch Frauen nie einzurosten und ob sie diesen nimmt oder einen Anderen, bleibt sich am Ende gleich."
„Nein, nein, Herr Doctor, das bleibt sich nicht gleich," schluchzte die Wirtschafterin, „ich kann ihr diese Schwäche, welche das Unglück ihres Lebens sein wird, nie vergeben. Dieser Mensch, der sie damals vor zehn Jahren dem Gespötts preisgab —"
„Ach Unsinn, sie hat die Heirath mit der Anderen damals ja selbst bei den Alten durchgesetzt," fiel der Doctor ärgerlich ein.
„Weil sie ein solch' Herze und grundgütiges Wesen ist. Ich weiß es beffer, was sie gelitten hat über die beiden falschen Geschöpfe. Und wenn ich's nun ansehen muß, wie sie blindlings in ihr Unglück hineinrennt, und sich von diesem gleisnerischen Juvas —"
„Na, na, so schlimm wird er nicht sein, obwohl ich keine Sympathie für ihn habe und meine Hochachtung für Fräulein Holten bedeutend schwindet."
„Ach, liebster Herr Doctor, wenn Tante Hanna gesund und ihr zur Seite wäre, könnte es nicht geschehen. Sie würde ihm den Sieg schon aus der Hand winden."
„Ja, das ist ein Unglück, meine Liebe! Ich wollte dem Fräulein eigentlich mittheilen, daß unsere Hanna morgen am Kopf operirt werden soll. Unter diesen Umständen wird sie wenig Jnteresie augenblicklich dafür haben, also wollen wir es ihr verschweigen."
„Gewiß, ich mag Tante Hannas Namen nicht in Gegenwart dieses Menschen aussprechen," sprach die Mamsell, mit der geballten Hand gegen das Fenster drohend, „sie konnte ihn
nicht aurstehen. — Aber, Herr Doctor, ist die Operation sehr gefährlich? — Wenn sie nun daran stirbt?"
„Das müffen wir wie bei jeder anderen Operation ris- kiren, so ist sie auch nur lebendig tobt Na, Mamsell Evers, ich will die Rückkehr des erlauchten Paares lieber nicht abwarten, sondern gleich abfahren," setzte er spottend hinzu. „Gott befohlen, meine Beste!"
Er schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, während Mamsell Evers rasch sich die Siyen wusch, um die Spur der Thränen zu vertilgen.
Es Halts sich in der That ein seltsames Verhältniß zwischen der jungen Gutsherrin und ihrem einstigen Verlobten gebildet, seitdem das schreckliche Ereigniß im Hohlwege vor ihren Augen sich zugetragen und sie sich in einem krankhaft gesteigerten Wahn die indirecte Schuld daran zugemessen hatte, mindestens insofern es den Tod der kleinen Lotta betraf.
Während ihrer Krankheit war Steindorf sofort in Eden- Heim erschienen, was auch ein Jeder wegen des Begräbnisses seines Kindes für selbstverständlich hatte halten müffen. Daß der junge Herr indessen auch nach demselben aus dem Gute erschien und bei Kleinem anfing, den Gebieter herauszukehren, ja, sich sogar in der Nähe einquartierte, um stets bei der Hand zu sein, die Interessen der erkranten Gutsherrin wahrzunehmen, das erfüllte nicht nur den Verwalter und die Mamfell Evers, sondern alle Untergebenen des Gutes mit stillem Groll, obgleich es Niemand wagte, ihm offen entgegenzutreten. Wußte man es doch nicht genau, wie Fräulein Holten mit ihm stand und ob er nicht im Geheimen schon mit ihr verlobt war. Wenn Mamsell Evers ihm trotz alledem häufig genug ihr unverhohlenes Erstaunen über seine Anwesenheit und seine unbefugte Einmischung kund gegeben hatte, so mußte sie sich doch im Innern sagen, daß dieser Mann unmöglich so auftreten könnte, wenn Fräulein Armgard ihm nicht in irgend einer Weise das Recht dazu gegeben hätte.
Und doch irrte sie sich hierin, wie nur wiffen; Steindorf handelte einzig nach einem bestimmten Plan und setzte in richtiger Erkenntniß des weiblichen Charakters mit voller Bestimmtheit den Schluß voraus, daß Armgard Holten ihn trotz alledem und alledem noch immer liebte und es nur eines kühnen Zugreifens von seiner Seite bedürfe, um sie die Seine zu nennen.
Warum wäre sie denn sonst nach ihrem ersten Zusammentreffen am Rhein vor ihm geflohen? Sie kannte ihre Schwäche und schämte sich derselben. Steindorf folgte ihr deshalb auf dem Fuße, um das heiße Eisen sofort zu schmieden. Er war freilich ein eingefleischter Egoist, hatte aber seine Kleine zärtlich geliebt, weshalb der Schmerz um den grausamen Tod auch sicherlich ein aufrichtiger war. Aber da sie doch nun einmal


