Ausgabe 
5.12.1893
 
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Ich will's der Wohlthätigkeitslotterie vom Frauenverein spenden, Papa. Es freut mich, daß es Dir gefällt, Blumen sind meine ganze Passion."

Nun, wie ist Dir der gestrige Abend bekommen, Therese? Fürst Sereco ist doch ein charmanter Mann."

Das kann ich nach der ersten Begegnung noch nicht be« urtheilen," antwortete das junge Mädchen beklommen, ohne den sie beobachtenden Vater anzusehen.Der Fürst hat mich zum Gesang jedenfalls vorzüglich begleitet und ist offenbar hoch begabt."

Ja, mir gefällt er ganz außerordentlich und denke nur, Du hast es ihm schon an dem einen Abende angethan."

O, Papa, ich bin nicht so eitel, das zu glauben," er­widerte das junge Mädchen erröthend.Ein.Mann, der so viel in der großen Welt gelebt und erlebt hat, kann doch wohl kaum Gefallen an einem jungen Ding vom Lande wie ich finden. Das sind so weltmännische Redensarten."

Das lehre Du mich nicht unterscheiden," brauste Graf Weilern auf,ich weiß nur die Thatsache, daß Fürst Sereco bei mir um Deine Hand geworben hat und"

Und daß Du ihn abwiesest," fiel das junge Mädchen, bleich vor Aufregung und mit flammenden Augen ein.Wie kann ich denn diesen, mir noch völlig fremden Herrn schon lieben, da ich ihn doch nur einige Stunden kenne? '

Das ist dabei ganz gleichgültig," gab Graf Weilern heftig zur Antwort, und der Stuhl, worauf er gesessen, fiel polternd zur Erde, als der Graf in die Höhe sprang.Ich gab dem Fürsten Sereco in Deinem Namen das Jawort, denn es ist eine glänzende Partie für Dich, die sich vielleicht nie wieder bietet und ich fetze voraus, daß Du den schuldigen Ge­horsam nicht bei Seite setzen wirst, sondern Dich ebenfalls be­reit findest, ihn zu heirathen."

Niemals, mein Vater, ich kann es nicht," entgegnete Therese so laut und fest, daß sie vor der eigenen Stimme er­schrak,ich liebe den Fürsten nicht und kann deshalb seinen Antrag nur dankend ablehnen."

Thörichtes Mädchen," tobte jetzt Weilern,was soll das heißen? Glaubst Du, ich werde diesem Eigensinn folgen? Nimmermehr. Mein Wunsch ist unweigerlich und so lange bleibst Du auf Deinem Zimmer, bis Du einwilligst."

Das kann ich nicht mein Herz ist nicht mehr frei," antwortete Therese zitternd, aber kaum hatte sie in tiefster Bewegung diese Worte herausgestoßen, als sie erschrak, denn sie hatte das tiefste Geheimniß ihres Herzens entdeckt und preisgegeben I

Oho, nun weiß ich Bescheid," erwiderte der Schloßherr hohnlächelnd,und nun erst recht wirst Du Fürstin Sereco. Meinst Du, ich litte es, daß Du eines bürgerlichen Arztes Weib und die Schwiegertochter meines untergebenen Ober­försters würdest? Nimmermehr! Die neue Mode, wo Stamm­baum und Wappenschild achtlos bei Seite geworfen werden, sobald eine vorübergehende Leidenschaft auflodert, mache ich nicht mit und ich kann Dir nur rathen, Arthur Fels nicht in die Lage zu bringen, daß ich ihn wie seinen Vater nächstens aus dem Schlosse werfe."

Vater, das wirst Du nicht thun l" flehte Therese.

Sol Wer hindert mich daran? Der anmaßende Mensch, der gestern so unverschämt meinen hohen Gast behandelte, ist mir sehr zuwider und ich verbiete ihm einfach mein Haus."

Aber unsere Liebe kannst Du nicht verbieten, Vater," sprach Therese feierlich, während die zarten Wangen erglühten, wir werden uns immer treu bleiben, auch wenn die ganze Welt sich zwischen uns aufthürmte."

Schöne Romanträume," höhnte Graf Weilern ingrimmig, Du kannst ja Deinem Geliebten ein treues Andenken bewah­ren, auch wenn Du Serecos Weib bist. Die Gedanken sind zollfrei, jedenfalls bitte ich mir aus, daß Du.gehorchst."

MemalsI" rief sie außer sich. Da stürzte der jähzornige Mann zu ihr hin, packte sie an den Schultern und riß sie zu Boden.

Sag' es noch einmal und ich vergesse, daß ich meine

Tochter vor mir habe," keuchte er wüthend,ich will Dich lehren, zu gehorchen."

Ich kann nicht, Vater," rief Therese verzweifelnd und umklammerte seine Kniee,habe Erbarmen"

Nein, Du mußt gehorchen," schrie der Graf und schleu­derte das unglückliche Mädchen von sich, daß sie mit dem blonden Köpfchen an das Sopha schlug.Du bist nicht mehr meine Tochter, wenn Du Dich weigerst, den Fürsten zu hei­rathen. Ich fluche Dir!"

Wie ohnmächtig lag Therese am Boden, die Augen ge­schlossen, und nur ein feiner rother Blutstreif drang zwischen den blonden Haarsträhnen hervor.

Der Graf stand einen Moment ganz betäubt vor der am Boden liegenden Tochter, dann riß er an der Klingel und herrschte das eintretende Stubenmädchen an:Sehen Sie nach der Comteß, sie ist gefallen, und sagen Sie der Frau Gräfin Bescheid."

Zur selben Stunde stand Doctor Fels vor der Gräfin, todtenbleich, aber fest entschlossen."

Ich komme, gnädige Frau, um Abschied zu nehmen," begann er mit vibrirender Stimme,nach schwerem Kampf habe ich überwunden."

Bewegt bot ihm die Dame die schlanke Hand.Armer Arthur, zum letzten Male muß ich Sie so nennen; ich fühle mit Ihnen, glauben Sie mir, daß ich es weiß, was Ihnen dies Wort der Entsagung gekostet hat."

Gott hat gesehen, welche Nacht ich durchwacht," stöhnte der junge Mann voll dumpfer Qual,aber wozu nochmals den Dolch in die Wunde stoßen, Frau Gräfin? Erlauben Sie mir nur Eins: Abschied von Therese zu nehmen."

Einen Moment schwieg die Gräfin, dann blickte sie traurig empor und sagte leise:Was werden Sie sagen, Herr Doctor, wenn ich Ihnen dies verweigere? Aber es ist besser fo. Wollen Sie mein armes Kind noch unglücklicher machen?"

Ach, Frau Gräfin, haben Sie Erbarmen! Reißen Sie uns nicht auseinander ohne ein letztes Wort, einen Händedruck. Denken Sie an das lange, öde Leben, welches von heute an vor uns liegt; es ist so wenig, um was ich Sie bitte."

Der Mensch kann viel ertragen, Herr Doctor Fels, wenn er muß," bemeikte die Dame ernst,und ich fordere von Ihnen nur das, was ich einst selbst gethan. Damals, als mein jetziger Gemahl um mich warb, gehörte mein Herz und mein Schwur bereits einem Anderen, einem entfernten Vetter, den ich in der Residenz kennen gelernt hatte. Mein guter Vater war damals schon längst tobt, meine Mutter, eine vortreffliche, aber un­beugsam strenge Frau, hatte eine Partie zwischen mir und Graf Weilern geplant, der meinen Reichthum brauchte, um sein stolzes Wappenschild zu neuem Glanze zu bringen. Ich liebte ihn nicht, sein leidenschaftliches Wesen ängstigte mich und als ich eines Tages zufällig Zeuge wurde, wie er sein Lieblings­pferd auf die roheste Weise züchtigte, stieg diese Furcht vor ihm säst bis zur Abneigung.

Aber was meine Mutter sich vorgenommen, mußte ge­schehen. Sie nahm mich vor und es gab eine heftige Scene, die trotz allen Vorstellungen mit meiner energischen Weigerung endete. Nun wurden andere Hebel gegen mich in Bewegung gesetzt Gott vergebe es Denen, die es thaten! Mein Vetter erhielt einen Brief, worin ihm mitgetheilt wurde, ich fei mei­ner Zusage überdrüssig und bäte, mich davon zu entbinden, da sich mir eine in jeder Weise glänzende Partie böte. Meine Mutter hatte in dem Briefe noch einige bittere Bemerkungen eingeflochten über dasEinfangen der reichen Verwandten" und über den Triumph des armen Offiziers bei diesem ge­lungenen Streich, die den unglücklichen Empfänger rasend machten. Er setzte sich nieder und schrieb mir einen Abschieds- !>rief, den ich unter bitteren Thränen zerriß, ehe ich zur Mutter ging, um ihr zu sagen, daß ich Graf Weilerns Gattin werden wollte. Erst Jahre darauf erfuhr ich den ganzen Zu« ämmenhang, als schon das Grab über meiner Mutter sich ge­schlossen hatte. Und doch kann ich noch heute nicht ihrer ge-