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Unterem flimmernden Sternenhimmel standen Vater und Sohn Hand in Hand; nur wenige Worte fielen noch zwischen ihnen, dann richtete sich Arthur plötzlich auf und sagte fest: „Ich will entsagen, Vater, um Theresens willen. Doch nun kein Wort weiter von der Angelegenheit. Hier meine Hand und mein Ehrenwort, daß ich meiner Liebe entsagen will wie ein Mann — morgen Abend reise ich tt6."
„Gott helfe Dir, mein Sohn," gab der Oberförster zurück und seine rauhe Stimme klang bewegt.
„Ich habe das Unglück kommen sehen von Anbeginn an," murmelte Arthur, als er hinter dem Vater die steile Stiege des Forsthauses empor schritt, „aber ich wollte blind sein und den schmalen Pfad nicht sehen, welcher Pflicht und Entsagung heißt! Gute Nacht, mein Vater!"
Droben am offenen Fenster seines Zimmers stand der junge Arzt noch lange in tiefes Sinnen verloren; er erblickte nicht die goldenen Sterne am Himmel und sah nicht die breiten Stlberstreifen des Mondlichtes über den Garten und die nachtdunklen Bäume dahinfließen; er kämpfte nur allein mit dem eigenen, heißen, rebellischen Herzen, welches diese unerbittliche Entsagung im Menschenleben so gar nicht begreifen wollte. Er sah sich aber im Geiste in die Kinderjahre versetzt und mit dem kleinen, blondlockigen Grafentöchterlein umherstreifen durch Feld und Wald, wie sie miteinander spielten, sangen, Entdeckungsreisen machten. Niemand hatte daran Anstand genommen, lächelnd begrüßte die sanfte Gräfin den Oberförsterssohn, wenn er nach beendeten Schularbeiten in's Schloß kam, wo die kleine Therese jauchzend ihm entgegenlief.
Dann hatten sich Beide jahrelang nicht gesehen; erst am letzten Weihnachten, als die junge Gräfin aus der Pension zurückgekehrt und er selbst zum Feste daheim war, begegneten sie sich im Walde, just an derselben Stelle, wo sie gestern sich von Neuem ihre Liebe gestanden!
Arthur seufzte qualvoll auf, wenn er daran dachte, wie die Liebe zu dem reizenden Mädchen nach und nach in ihm erwacht war und Wurzeln geschlagen hatte. — Nun sollte ja Alles mit einem Schlage aus und auf immer vorbei sein.
Der ganze heutige Abend trat ihm noch einmal deutlich vor die Seele, auch jenes Gespräch über Hypnotismus und — plötzlich prallte er, die Faust vor die Stirn schlagend, zurück, als sei ihm ein Geist erschienen. Welch' ein furchtbarer Gedanke! Aber — doch sollte es ein Ausweg sein, um der Geliebten nicht selbst das Unglück zu eröffnen!
Es wogte in der Seele des jungen Arztes ein grauenhafter Kampf in diesen stillen Nachtstunden. Dicker Schweiß rann ihm von der Stirn, ruhelos durchmaß er das Gemach oder lehnte, nach Äthern ringend, weit zum Fenster hinaus.
„Es ist ein Verbrechen," stöhnte er verzweifelnd, „fast so schlimm, als wenn ich den Dolch selbst in ibre Brust senkte und dennoch — es muß sein. Wir werden Beide unglücklich auch ohne diesen Gewaltschritt!"
Er rang die Hände, er wollte sie empor heben gen Himmel, aber kraftlos sanken sie herab.
„Ich kann es nicht," stöhnte er auf, „ich bin ein Verbrecher, ein Mörder an ihrem Glück, ihrem Frieden!"
Als endlich ein trüber, wolkenbedeckter Morgen graute, war der Kampf beendet. Bleich, entschlossen, mit reglosen Zügen stand Doctor Arthur Fels am Fenster und murmelte vor sich hin: „Ich werde es thun, denn ich weiß, daß die Geliebte sich völlig bedingungslos in meinen Willen ergibt. Nun kommt, ihr dunklen Mächte, nehmt mich hin! Ich habe es gewollt! — Mag das Geschick dieser Nacht uns Beide tödten; je eher, je besser ist es für uns!"
Die leidenschaftliche, aber hoffnungslose Liebe zu der Comteß hatte den jungen Arzt zu einer seltsamen That getrieben.
Am folgenden Morgen ließ sich Fürst Sereco mit einer gewissen Feierlichkeit bei dem Schloßherrn melden, der ihn sehr perbindlich empfing; Graf Weilern ahnte den Zweck des Be
suches und war überglücklich, so bald schon seinen geheimsten Herzenswunsch erfüllt zu sehen.
Der Graf war nicht reich, obschon er in angenehmstem Wohlleben seine Tage zubrachte und auch die Seinen in dem Glauben ließ, ein großes Vermögen zu besitzen. Da er nun genau wußte, über welche Reichthümer der Fürst Sereco verfügte, so erschien ihm schon aus diesem Grunde Theresens Verheirathung mit dem Fürsten sehr wünschenswerth.
„Mein bester Graf," lächelte der Serbe verbindlich, „ahnen Sie den Zweck dieser feierlichen Morgenvisite?"
„Nicht so ganz, Durchlaucht," gab der Graf Weilern, etwas unficher die Lüge aussprechend, zurück, „doch freue ich mich natürlich ganz besonders, Ihnen in irgend etwas dienen zu können."
„Nun denn, verehrter Freund, Sie sehen vor sich ein Opfer von Gräfin Theresens schönen Augen. Ich habe mich in wenigen Stunden sterblich in das reizende Mädchen verliebt."
„In der That, das wäre sehr schmeichelhaft für meine Tochter —"
„Und ich bin gekommen, lieber Graf," fuhr der Serbe leidenschaftlich fort, „um Gräfin Theresens Hand von Ihnen zu erbitten."
„Durchlaucht, Sie Überraschen mich," stieß Weilern mit gut gespielter Bewegung auf. „Was soll ich zu der so plötzlichen Eröffnung sagen?"
„Ja sollen Sie sagen, lieber Graf," lachte der Fürst, warf sich behaglich in einen Fauteuil und kreuzte die Beine übereinander, „und dann halten wir Hochzeit und ich entführe mein liebreizendes Weibchen in die weite Welt."
„Therese ahnt noch nichts von Ihrem Antrag, Durchlaucht," erwiderte der Graf Weilern verbindlich. „Geben Sie mir Zeit, daß ich das Mädchen vorbereite; in drei Tagen sollen Sie Ihr Jawort haben."
„Ich kann ohne Comteß Therese keinen Tag meines Lebens mehr glücklich sein," seufzte der Fürst- „Das liebliche Mädchen hat mich ganz bezaubert. Ich werbe übrigens nur um Ihre Tochter, lieber Graf, und verzichte ausdrücklich auf jede Mitgift, denn ich habe selbst mehr Gold, als ich brauche."
„Ich will sogleich zu Therefen gehen, Durchlaucht, und wenn Sie wollen, feiern wir schon morgen Verlobung," rief jetzt Weilern glückstrahlend.
„Mir recht! Die Hochzeit soll ebenfalls bald sein, ich will nicht lange warten. Auf Wiedersehen, Herr Graf, bringen Sie mir bald die Erlaubniß, meine Braut zum ersten Male umarmen zu dürfen."
Graf Weilern schritt doch etwas unbehaglich gestimmt hinüber nach dem Zimmer seiner Tochter, um ihr den Antrag des fürstlichen Gastes mitzutheilen. Es war ihm doch klar, daß die ganze Angelegenheit gar nicht so glatt sich abwickeln werde, als Serecos Paschanatur sich dies vorstellte.
„Sie muß," murmelte der Graf dann finster vor sich hin, „und cs ist gut, daß diese Partie sich gerade jetzt bietet, sonst könnte sich zwischen Therese und dem jungen Arzt noch ein Verhältniß entspinnen. Meine Frau ist zu schwach dem Mädchen gegenüber."
Therese saß malend an der Staffelei, als der Vater in ihr Zimmer trat; ein scharfer Stich ging ihr durch das Herz bei seinem Anblick — denn sie errieth sofort die ganze Situation. Was war zu thun? Diesem jähzornigen, herrischen und wenig liebevollen Vater gegenüber hatten weder sie noch die Mutter je eine Ansicht zu haben gewagt, sondern sich stets schweigend seinem autokratischen Willen gebeugt. Nun aber, wo ihre Liebe, ihr Lebensglück auf dem Spiele standen, da bäumte sich doch ihr ganzes Innere auf zum passiven Widerstände.
„Guten Morgen, Papa," sagte sie, sich beklommen erhebend, um ihm entgegenzutreten, „das ist ja ein seltener Besuch in meinen vier Pfählen, den man doppelt ehren muß. Bitte, setze Dich doch zu mir und erzähle mir, was Dich herführt."
„Guten Morgen, Therese," erwiderte der Graf freundlich. „Ach, wie hübsch Du malst! Wer soll denn dieses Rosenbouquet bekommen?"


