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Es war gerade fo, als streiften Frauengewänder dicht an meiner Thüre vorbei. — Ich wollte rufen — aber die Müdigkeit übermannte mich von Neuem. — Vernahmst Du etwas?"
„Nein, Liebe. Das war eine Täuschung, die Dir Deine überreizten Nerven bereiteten. Mir würde sogar das Summen einer Mücke nicht entgangen sein und ich kann Dir die Versicherung geben, daß sich nichts regte und rührte."
„Nun, desto besser!" erwiderte Rafaels, tief ausftufzend. „Auf mir lastet es noch wie die Nachwirkung eines häßlichen Fiebertraumes. Doch die Mutter scheint sich ja wohler zu befinden, und so werde auch ich diesen Anfall einer mir sonst ganz fremden Nervosität schnell bekämpfen."
IV.
In der That konnte der Arzt eine bedeutende Befferung constatiren, wenn er auch hinzufügte, bis zur völligen Genesung würden voraussichtlich noch Wochen vergehen.' So ganz unbesorgt mochte er indeß nicht gewesen sein. Sein geistreiches Gesicht sah blaß und leidend aus, und tiefe Schatten unter den Augen erzählten von einer schlaflos verbrachten Nacht.
„Bleiben Sie heute noch bei uns? ' fragte Rafaele.
„Nein, in P. gibt es so Manchen, der dringend meiner Hilfe bedarf," lautete die kurze Erwiderung. „Aber gegen Abend komme ich wieder. Was ich thun kann, um meiner verehrten Freundin die Gesundheit so bald als möglich wieder zu geben, soll geschehen."
Er erschien nun täglich in Clauswitz, fing aber späterhin an, mit seinen Besuchen auszusetzen und fand an einem schönen, sommergleichen Herbsttage seine Patientin so wohl, daß er ihr erlaubte, das Lager zu verlassen. Denn die thätige Frau sehnte sich danach, ihre gewohnten Beschäftigungen wieder aufnehmen zu dürfen.
„Ich weiß recht gut, daß Alles drunter und drüber geht, während ich hier liege," sagte sie, „und würde viel schneller genesen, wenn ich einmal nach dem Rechten sehen könnte."
„Ich finde keine Nothwendigkeit, Sie länger in diesem Zimmer fest zu halten," erwiderte der Arzt, „muß aber vor zu großer Anstrengung warnen."
Das war ein Jubel, als die geliebte Mutter zum ersten Male wieder durch die lang verwaisten Räume schritt und dabei versicherte, sich ganz wohl und kräftig zu fühlen-
Die beiden Mädchen eilten in den schon herbstlich gefärbten, aber immer noch in üppiger Schönheit prangenden Garten hinab, um einen Strauß zu pflücken, und Frank, der erst mit dem späteren Zuge nach P. zurückkehren konnte, begleitete sie-
Unterdessen ging Frau von Waldau von Gemach zu Gemach und begrüßte jeden Gegenstand wie einen alten, lang entbehrten Freund. An dem Schreibtisch angekommen, machte sie Halt. Es war nun Zeit, wieder ein wenig Ordnung in die seit Wochen vernachlässigten Angelegenheiten zu bringen. Sie schloß auf- Da lagen noch alle Briefe in Päckchen zusammengebunden, daneben die musterhaft geführten Bücher und quittirten Rechnungen. Nun, Gott sei Dank! Hier gab es wenig Arbeit. — Ja — aber wo befand sich denn die kleine Kassette aus oxidirtem Silber, die so bedeutende Geldbeträge barg? — In dieser Ecke war seit Jahren ihr Platz gewesen — und nun fehlte sie I —
Die wiedergenesene Frau traute kaum den Augen. Sogar während ihrer Krankheit hatte sie sich überzeugt, daß der Schlüssel an dem rechten Platze verborgen sei. Sollte Rafaele aus irgend einem Grunde das Kästchen weggenommen und anderweitig verwahrt haben?
Frau von Waldau öffnete das Fenster und rief ihre Tochter, welche, beide Hände voll Blumen, herbeieilte und froh erregt rief: „Sich' nur, wie köstlich sich unsere Rosenbäumchen noch einmal schmückten. Jetzt binde ich einen reizenden Strauß für Dein Zimmer."
„Ganz recht, mein Kind. Doch zuvor beantworte mir eine Frage. Wo stelltest Du die Kassette hin?"
„Ich?" stammelte das Mädchen. „Ich habe sie gar nicht berührt. Dein Schreibtisch blieb bis zu dieser Stunde verschlossen."
„Vielleicht wurde Magda durch irgend etwas veranlaßt?" „O nein I Davon kann nicht die Rede sein, sie würde mich sofort benachrichtigt haben, übrigens lag auch durchaus keine derartige Nothwendigkeit vor. Du hattest uns ja reichlich mit Geld versehen."
„Wie erklärst Du Dir denn aber dieses Verschwinden? — Könnte Jemand von den Dienstleuten den Schlüssel genommen haben?"
„Nur die alte Katharina war ein einziges Mal allein bei Dir, während Du schliefst,, aber höchstens aus zehn Minuten."
„Sie dient mir seit zwanzig Jahren und ich habe keinen Grund, ihre Ehrlichkeit zu bezweifeln."
„Der Aufbewahrungsort des Schlüssels ist ja auch nur mir und Magda bekannt. Wir beobachteten Beide strenges Stillschweigen."
„Dessen ungeachtet wurde ein Diebstahl begangen und mir ist eine sehr beträchtliche Summe verloren, auf deren Wiedererlangung ich wohl kaum hoffen darf."
„Mein Gott, Mama, dieser Vorfall scheint so unfaßbar, daß Du »sich vollständig rathlos siehst," sagte Rafaele und fügte, von der Sorge ergriffen, die Aufregung könne der Mutter schaden, hinzu: „Setze doch den Doctor von dem räthsechaften Verschwinden in Kenntniß und frage, was da zu thun sei."
„Du hast recht," erwiderte Frau v. Waldau.
Frank und Fräulein v. Bodenstein wurden gerufen-
„Was sagen Sie dazu, weither Freund, daß man mich während meiner Krankheit auf raffinirte Weise bestohlen hat?" rief die alte Dame Ersterem entgegen. „Das oxidirte Kistchen fehlt, sammt seinem Inhalt!"
Die Nachricht mochte ihn sehr überraschen. Erst nach secundenlangem Schweigen antwortete er: „Hier muß doch wohl ein Jrrthum walten. Vielleicht wiesen Sie selbst der Kassette einen andern Ort an und erinnern sich jetzt dessen nicht mehr."
„Nein, nein!" rief sie ungeduldig. „Verlieren wir nicht die Zeit mit derartigen, gänzlich unmotivirten Äermuthungen. Ich besitze ein vortreffliches Gedächtniß und die geistige Klarheit verließ mich auch während meines leidenden Zustandes nicht. Mein Eigenthum ist in den Händen eines Diebes. Zu erklären vermag ich mir freilich die Sache nicht, da ja nur die beiden Mädchen zu dem Schlüssel gelängen konnten."
Magda, die Nervöse, Leichterregte, brach in Thränen aus.
„Dieser Vorfall ist mir ungemein peinlich," schluchzte sie- „Aber theures Kind, wie können Sie sich gekränkt oder beunruhigt fühlen? Sie haben ja nicht das Mindeste mit der fatalen Angelegenheit zu thun," tröstete die alte Dame.
„O doch! — Es sieht aus, als hätte ich mich in leichtsinniger Weise Ihres Vertrauens unwerth gezeigt und das so streng anbefohlene Schweigen gebrochen, oder sonst eine sträfliche Unvorsichtigkeit begangen. Und doch kam weder ein Wort über meine Lippen hinsichtlich des Schlüssels, noch verließ ich das Zimmer während Ihres langen und tiefen Schlafes, als ich die Pflicht zu wachen übernommen hatte. Darauf aber, daß die Müdigkeit mich nicht überwältigte, vermöchte ich einen Eid abzulegen. Nur Katharina blieb kurze Zeit bei Ihnen, während ich Rafaele Bericht erstattete. Doch auch sie war nicht allein, denn zurückkehrend traf ich bereits Doctor Frank, der sie nun fortschickte und mich mit den nöthigen Verhaltungsmaßregeln versah, welche ich eifrig befolgte. Ich schloß kein Auge, bis der Morgen dämmerte und meine Freundin eintrat."
„Und ich sand Magda lesend."
„Ich denke ja auch nicht im Entferntesten daran, Euch Beide einer Nachlässigkeit anzuklagen," versicherte Frau von Waldau. „Aber um den Urheber des Vergehens zu entdecken, muß ich doch nach Allem und sogar nach dem Geringfügigsten forschen. — Hielt sich denn vielleicht in diesem Salon Jemand allein aus?"
„Auch dar nicht oder doch Niemand, auf den einV'rdacht fallen könnte," erklärte Rrfaele. „Alle Besuche wurden ab« gewiesen. Nur wir selbst waren zeitweilig hier und am Abend Deiner schweren Erkrankung Herr von Degenfeld, der auf Nachrichten, Dein Befinden betreffend, wartete."
(Fortsetzung folgt.)


