Ausgabe 
5.9.1893
 
Einzelbild herunterladen

e>

- 414 --

Es ist vorwärts gegangen mit Deinen Wünschen und Plänen, Frau Mutter, aber es ist noch nicht aller Tage Abend!"

Dem großen Gute mochte die Leitung eines Manne» wohl nothwendig fein," begann der Pastor von Neuem.Der furchtbare Schreck, welchen die Entdeckung Ihres Vergehens ihm verursachte, die Anstrengung, Sie vor den Ihnen drohen­den Gefahren zu schützen," der Pastor sprach langsam und beobachtete scharf die Haltung des Mannes, der neben ihm ging, indem er die Hände krampfhaft zusammenpreßte und den Kopf mit trotziger Gebärde aufgeworfen trug,waren Ihrem V iter zu viel geworden. Ein Schlaganfall traf ihn, durch den er lange krank darnieder lag, und als er sich erholte, wollte sich die alte, geistige Kraft nicht wiederstnden. Er hat mir Alles dies selbst erzählt in mancher Stunde, wo ich dem Lei­denden Trost zusprechen wollte, denn Sie wissen, daß ich zu jener Zeit noch nicht in Willnick war. Ihre Mutter mußte also die ganze Arbeit auf sich nehmen und sie that es mit Hilfe des geschickten, treuen Mannes, der schon zu Ihrer Zeit auf dem Hofe war. Mit gewissenhafter Pflichterfüllung stand er ihr zur Seite, er scheute nicht die Arbeit um geringen Lohn, und"

Bis hierher hatte Erich schweigend und finster zugehört, jetzt blieb er plötzlich stehen.Malte Hamann, der Aufseher und Verhetzer, den sie mir zum Wächter gesetzt hatte. O, ich weiß, wie er ihr Alles hinterbringen mußte, jede jugendliche Thorheit, die sie meinem Vater berichten konnte, jeden unüber­legten Schritt. Um Gotteswillen, Herr Pastor," rief er dann und streckte mit heftiger Bewegung beide Hände abwehrend gegen ihn aus,sagen Sie nicht, daß er der Schwiegersohn meines Vaters geworden ist!"

Er ist der Mann Ihrer Schwester Hertha," war des Pastors Antwort.

Kein Ausruf de» Zornes oder des Entsetzens kam von Erichs Lippen, aber er preßte die Zähne zusammen, daß der Pastor ihr Knirschen vernehmen konnte, während er stürmisch vorwärts drängte. So gingen sie den jetzt ansteigenden Weg empor, bis sie oben die Grenze des Waldes erreichten und auf das offene Feld heraustraten. Dort hemmte Erich seinen Schritt und der Pastor blieb ihm zur Seite stehen auf der Spitze des Hügels, von der man bei Tageslicht eine weite, freie Aussicht in das offene Land genoß- Es hatte längst aufgehört, zu regnen; der hier frisch daherstreichende Wind hatte die Wolken zerstreut, und die volle Mondesscheibe stand am klaren Himmel. Sie erleuchtete die freundliche Gegend. Rechts von ihnen, etwas im Hintergründe, denn sie waren schon darüber hinausgegangen, indem sie sich weiter nach links gehalten hatten, lagen die letzten Häuser Crumbachs, aus denen man noch freundliches Licht schimmern sah, im Vordergründe konnte man Willnick erkennen, und über die ganze Fläche zerstreut lagen wie dunkle Punkte die vereinzelten Gehöfte. Nicht weit von hier, am Fuße des Hügels, trennten sich die Wege beider Männer, der Pastor mußte sich dann links wenden, während Erich, geradeaus schreitend, den väter­lichen Hof bald erreichen konnte, auf dem sein Blick jetzt ruhte, als ob er ihn nie wieder abwenden wolle- Dabei zuckte es wie in verhaltenem Schmerz über sein Antlitz, dessen Züge der helle Schein des Monde» so schars und klar hervor­treten ließ, als ob man die innersten Gedanken des Mannes von der Stirn ablesen sollte, die er dem Beschauer unverhüllt darbot, denn er hatte den Hut abgenommen und hielt ihn in der Hand. Und einen ernsten Beobachters hatte er in dem Manne gefunden, welcher mit scharfem Blick sein Gesicht durchforschte, als ob er wie in einem offenen Buch seine Ge­danken in ihm zu lesen bemüht wäre. Plötzlich unterbrach er das Schweigen.Sie haben mit keinem klaren Wort Ihre Schuld mir gegenüber in Abrede gestellt," sagte er. Erich hielt noch immer die Augen auf die Bäume gerichtet, die sein Vaterhaus beschatteten, als er in müdem, leidenschaftslosen Tone antwortete:Würde Ihnen ein solche» mehr Gewähr bieten, al» was Sie bisher gesehen und gehört haben? Ich fürchte, es wäre nutzlos gesprochen."

Sie haben recht," war die ruhige, feste Entgegnung,

welche ihm wurde,es bedarf dessen nicht. Erich Hagen, Sie rnd unschuldig!"

Erich zuckte zusammen, al» ob der Blitz in den Erd- >oden neben ihm gefahren sei, und wendete sich schnell zu seinem Begleiter. Emen Augenblick lähmte die Ueberraschung eine Zunge, jetzt aber scholl ein Ruf, fast de» Jubels, durch die Stille der Nacht, dann faßte er die Hand des Pastors und zog sie an feine Lippen.Gott sei Dank, ich glaubte, er habe mich ganz verlassen," waren die bebend hervor­gestoßenen Worts, und er legte den Arm um den Hals feine» Begleiters. Ein tiefes Stöhnen entrang sich dem gequälten Herzen, während er den Kopf gegen die Schulter des Pastors lehnte. Abgebrochene Worte kamen über seine Lippen.Diese Heimkehr, die ich ersehnt von der ich auf der einsamen Wacht geträumt habe, wenn die Wellen mir das Lied vom deutschen Vaterlands sangen und nun stehe ich beschimpft, entehrt, verstoßen o Gott, was habe ich gethan, daß Du mich so schwer straftest!"

Der Pastor legte seine Hand beruhigend auf da» ge­senkte Haupt des Gebeugten.Tragen Sie die Heimsuchung wie ein Mann, welcher weiß, daß die Hand des himmlischen Gärtners den jungen Baum ziehen muß auch durch manchen schmerzhaften Schnitt, damit er emporstrebe und Frucht bringe zum Wohle der Menschheit und zum Preise seine» Namen»-"

Aber es schien, als ob Erich augenblicklich nicht im Stande sei, Trost in diesen Worten zu finden. Er richtete zwar sein Haupt empor, aber der schmerzliche Ausdruck der Verzweiflung, welcher in seinen Zügen lag, schnitt dem Pastor tief in die Seele. Er faßte nach seiner Hand.Lassen Sie uns unseren Weg fortsetzen und kommen Sie für'» Erste mit mir, lieber Freund," sagte er mit herzlicher Theilnahme in der Stimme,wir wollen zusammen erwägen, welche Schritte Sie zu thun haben, damit das Wiedersehen mit Ihrem Vater" Er schwieg, denn diese Worte schienen Erichs Thatkraft aus ihrer augenblicklichen Erschlaffung geweckt zu haben. Er hob stolz den Kopf in die Höhe und ein zorniges Licht blitzte in seinen Augen auf.Nur ein einziger Schritt geziemt mir," rief er heftig,und ich werde ihn thun, so­gleich, noch ehe der Mond den Wipfel jener Bäume, hinter denen mein Vaterhaus verborgen liegt, erreicht hat. Es zieht mich mit Macht dorthin, wenige Minuten und ich schreite über seine Schwelle. Mein Vater soll die Wahrheit hören, er soll es vernehmen, wer mich verrieth und ihn betrog! Noch in dieser Nacht werde ich die Ketten brechen, die ihn fesseln, ich werde meiner Mutter ihr Unrecht in die Zähne schleudern, ich werde dem Manne, den sie in meine Stelle und Rechte gesetzt hat, die Wege weisen, ich werde"

Halten Sie ein, Erich Hagen," unterbrach der Pastor mit erhobener Stimme,in Ihrem fleischlichen Eifer nach Rache und Vergeltung sind Sie derselbe Mann, der zu semem Vater treten und sprechen wollte:Ich habe gesündigt im Himmel und vor Dir? Haben Sie vergessen, daß Gottes die Rache ist, und daß er vergelten will?" *

Und was verlangen Sie, daß ich thun soll?" tief Erich außer sich.Soll ich den Schimpf tragen, den die Bosheit mir angstthan hat, soll ich meinen Vater in dem Glauben lassen, daß sein einziger Sohn ein dem Zuchthaus entgangener Ver­brecher ist!"

Erich bebte an allen Gliedern und strebte wieder mit Eifer vorwärts, aber der Pastor ließ feine Hand nicht fahren- Ernst und mit Ueberlegerheit in Miene und Ton sagte er fest: Nein, das sollen Sie nicht, Erich Hagen, aber Sie sollen denken, ehe Sie handeln. Ihr Vater ist krank und schwach, eine Aufregung dieser Art könnte leicht die bedenklichsten Folgen für ihn haben, für ihn und auch für Sie, denn wie würden Sie es ertragen, wenn Ihr stürmischer, von rachsüchtigen Ge­danken eingegebenes Vorgehen den Tod des alten Mannes im Gefolge haben sollte, wenn Sie selbst Ihrem Leben die tiefste, unheilbare Wunde geschlagen hätten?"

Erich war sehr nachdenklich geworden. Sie hatten, letzt schnell vorwärts schreitend, die Stelle hinter sich gelassen, wo der Weg nach Grashagen sich abzweigte und er folgte in un-