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„Soll ich bei meiner Schwester Monika ein gutes Wort für Sie einlegen?" fragte sie heiter. „Sie hat ein so viel sanfteres Temperament als ich, daß sie mit dem bedächtigen Trab Ihres dicken Braunen gewiß vollauf zufrieden ist."
Fräulein Monika wurde roth bis an die Stirn hinauf und sah verlegen vor sich nieder in den Schnee; als aber Doctor Asmus, wie es nach Edithas herausfordernder Bemerkung ja unvermeidlich war, um die Ehre bat, ihr den freien Platz in seinem Schlitten anbieten zu dürfen, legte sie ohne Zaudern ihre Hand in seinen Arm und ließ sich von ihm zu dem einfachen, kleinen Schlitten führen, der als der erste in der langen Reihe hielt.
Dann schickten sich auf eine nochmalige dringende Mahnung des Affeffors auch die übrigen Herrschaften zum Einsteigen an und wenige Minuten später ertönte von hinten her die schon etwas heiser gewordene Commandostimme des dürren Valentini:
„Bitte, Herr Doctor, lassen Sie uns abfahren!"
Schön und gebieterisch wie eine Fürstin saß Editha von Hasselrode neben ihrem Cavalier. All' ihre üble Laune schien verflogen, seitdem sie die Köpfe der edlen, ungeduldigen Pferde vor sich sah und seitdem sie die Gewißheit haben konnte, von allen anderen Thellnehmerinnen der Partie um ihren bevorzugten Platz beneidet zu werden. Als sich der Schlitten des Doctor Asmus in Bewegung gesetzt hatte, nahm Neukamp, obwohl er außerhalb der Reihe gehalten hatte und sich eigentlich als Letzter hätte anschließen müssen, einen günstigen Augenblick wahr, um sein Gefährt zu dem zweiten zu machen, und das harmonisch abgestimmte, silberne Geläut auf dem Rücken seiner Pferde erregte das Entzücken der Straßenjugend in so hohem Maße, daß sie mit lautem Hurrah daneben herliefen, bis Einem nach dem Anderen der Athem ausgegangen war.
Sie hatten die letzten Häuser des Städtchen» bald hinter sich gelassen, und zu ihrer Rechten wurden nun die langgestreckten, schmucklosen Gebäude einer durch ihre gewaltigen Schornsteine gekennzeichneten Fabrik sichtbar.
„Ich habe bisher nicht gewußt, daß Ihr Etablissement eine so große Ausdehnung habe," sagte Editha. „Wie viele Arbeiter sind denn darin beschäftigt?"
„Augenblicklich nicht mehr als sechshundert," erwiderte er leichthin. „Ich habe vor einigen Monaten, als ich die Fabrik von meinem Vorgänger übernahm, der schlechten Geschäftslage wegen nahezu die Hälfte der Leute entlassen müssen, und ich sehe mehr und mehr ein, daß diese Maßregel noch nicht ein» mal hinreichend war, um mich sür die Dauer der Krisis vor Schaden zu bewahren."
„Und die kleine Villa da drüben ist Ihre Wohnung — nicht wahr?"
„Ja! — Ein elendes Ding — nach meinem Geschmack wenigstens, und vermuthlich auch nach dem Ihrigen, mein gnädigstes Fräulein I — Aber ich habe mir bereits von einem unserer genialsten hauptstädtischen Baumeister die Entwürfe zu einem Neubau anfertigen lassen, und im Laufe des nächsten Sommers hoffe ich damit sowohl wie mit der Anlage eines großen Parkes, der sich bis an den Waldessaum erstrecken soll, fertig zu werden."
„Ah — Sie müssen mir gelegentlich die Pläne zeigen. Ich interessire mich sehr für solche Dinge."
„Ihre Theilnahme macht mich sehr glücklich, Fräulein Editha I Wissen Sie auch, daß es mir nur an Muth gebrach, Sie um Ihren Rath in diesen Angelegenheiten anzugehen? Ich habe eine so hohe Meinung von Ihrem Geschmack und Ihrem künstlerischen Verständniß, daß ich stolz darauf wäre, Ihren Beifall für meine Ideen zu gewinnen."
Sie lächelte ein wenig und aus den dunkeln Augen traf ihn ein Blick, um den ihn wohl alle Bewunderer der schönen Editha beneiden konnten. Dann blieb es eine kleine Weile still zwischen ihnen, bis Fräulein von Hasselrode mit einem leichten Stirnrunzeln sagte:
„Wie unerträglich schwerfällig der Gaul des Doctor» ist! — Es wäre abscheulich, wenn wir immer in diesem Schneckentempo hinter ihm drein trotten müßten. Lassen Sie uns doch
die Spitze nehmen, damit Ihre Pferde endlich einmal aus- greifen können."
„Die Fahrstraße ist zu schmal, Fräulein Editha! — Ich kann nicht an ihm vorüber, wenn ich nicht Gefahr laufen will, uns umzuwerfen oder einen Zusammenstoß herbeizuführen."
Sie kräuselte die Oberlippe und sagte mit einem merklichen Anfluge von Spott:
„Wollen Sie mir die Zügel geben? — Ich fürchte mich nicht vor einer solchen Katastrophe."
Neukamp antwortete nichts; aber er biß die Zähne zusammen und trieb die Pferde, indem er sie seitwärts lenkte, zu schärfster Gangart an. Als ein geübter Fahrer hatte er die Situation vollkommen richtig beurtheilt. Da Doctor Asmus die Mitte der Fahrstraße hielt, schien es sür den Zweispänner des Fabrikbesitzers fast unmöglich, an ihm vorüber zu kommen, und gewiß war es allein der ungewöhnlichen Geschicklichkeit des Letzteren zu verdanken, wenn die beiden Gefährte nur leicht aneinander streiften, ohne sich gegenseitig ernstlichen Schaden zuzufügen. Immerhin war der Stoß, den des Doctors Schlitten bei dem gefährlichen Wagniß erhielt, ein sehr fühlbarer, und Monika, dir wohl an ein unabwendbares Unglück glauben mochte, stieß einen Schreckensruf aus, indem sie zugleich in dem unwillkürlichen Verlangen nach Schutz angstvoll den Arm ihres Begleiters umklammerte.
Der junge Arzt, der durch das tollkühne Beginnen des Anderen ebenfalls aufs Höchste überrascht sein mußte, warf, indem er sein Pferd zur Seite riß, einen zornigen Blick zu dem im Fluge vorbeisausenden Schlitten hinüber; aber wenn er vielleicht ein unwilliges Wort auf den Lippen gehabt hatte, so war es die lächelnde, triumphirende Miene Edithas ge- wesen, welche ihn verhindert hatte, es auszusprechen. Jetzt wußte er ja mit einemmal, daß sie allein die Schuld an dem verwegenen Manöver trug, und diese Gewißheit machte ihn verstummen.
/ „Verzeihen Sie, Herr Doctor!" sagte Monika leise und beschämt, als die Gefahr vorüber war. „Ich war gewiß sehr thöricht, mich zu ängstigen; aber ich habe leider nicht die muthige Natur meiner Schwester."
„Sie brauchen sich dessen wahrhaftig nicht zu schämen, Fräulein Monika," erwiderte er, und e» war eine Bitterkeit in seinen Worten, deren Ursache seine schüchterne, junge Zuhörerin nicht begriff. „So lange es noch nicht die eigentliche Bestimmung der Frau ist, sich als Amazone hervorzuthun, wird man voraussichtlich fortfahren, gewisse andere weibliche Tugenden höher zu schätzen, als die Tugend der persönlichen Tapferkeit."
Die Entfernung zwischen dem Schlitten Neukamps und dem {einigen vergrößerte sich rasch — um so rascher, als Doctor Asmus viel eher darauf bedacht schien, seinen Braunen zurückzuhalten, als ihn anzutreiben. Es war, als sei es ihm peinlich, die feinen Umrisse von Edithas Köpfchen vor sich zu fehen und als wünsche er den Beiden einen möglichst großen Vorsprung zu lassen.
Der Ton seiner Antwort schien Monika den Muth zu weiteren Gesprächen genommen zu haben; denn sie verhielt sich ganz still, bis ihm selber die Unhöflichkeit seines hartnäckigen Schweigens zum Bewußtsein kommen mochte. Nun bemühte er sich, eine Unterhaltung in Fluß zu erhalten, indem er seine Begleiterin auf alle Halbwegs interessanten Dinge aufmerksam machte, an denen sie vorüber kamen, und er konnte sich kaum eine andächtigere und dankbarere Zuhörerin wünschen, als es ihm Monika von Hasselrode war. Er kannte die Gegend und ihre Bewohner offenbar sehr genau, obwohl er bei seiner Jugend die ärztliche Praxis unmöglich schon lange ausüben konnte. Fast aus jedem Dörfchen und fast von jedem Gehöft, das sie passirten, wußte er etwas zu erzählen, das wohl des Anhörens werth war, weil es nicht nur die Schärfe der Beobachtungsgabe, sondern auch das humane Wohlwollen verrieth, mit welchem der Erzähler hier seine Studien gemacht hatte. Monika beschränkte sich denn auch zumeist darauf, still seinen Worten zu lauschen; aber wenn sie einmal eine Frage oder eine Bemerkung einwarf, so gab dieselbe sicherlich Zeugniß für


