Samstag, den 5. August.
Antevhaltnngsblatt zuin Gietzenev Anzeigen (Gensvcrl-Anzeigev)
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Das goldene Kalb.
Novelle von Reinhold Ortmann.
-------- (Nachdruck verboten.)
I.
Der lange Astestor Valentini, besten Magerkeit noch niemals so auffällig gewesen war, als heute, wo ihm der vom Amtsrichter ausgeliehene Pelz in abenteuerlichen Falten um die dürren Glieder schlotterte, hatte seit dem letzten Examen keinen so sauren Tag mehr gehabt, wie diesen. Seit seiner Versetzung nach W. war er bei jeder pastenden Gelegenheit ein so unermüdlicher Apostel des Ruhmes gewesen, den er stch in der Hauptstadt als Arrangeur von Theater-Vorstellungen, Bällen und Picknicks erworben haben wollte, daß man die Anordnung und Leitung der für den heutigen Nachmittag geplanten Schlittenpartie unmöglich hatte einem Anderen übertragen können, als ihm. Nach seinen Schilderungen früherer Groß- thaten war man ja berechtigt, sich auf etwas ganz Außerordentliches gefaßt zu machen, und die geheimnißvollen Andeutungen, mit denen der Herr Astestor während der letzten Woche um sich geworfen, schienen nur danach angethan, diese Erwartungen noch um ein Beträchtliches zu erhöhen. Nun aber drohten ihn seine Feldherrntalente schon vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung kläglich im Stich zu lasten und es hatte ganz den Anschein, als ob ihn ein tückischer Zufall um all' seine Lorbeeren als genialer Vergnügungsmarschall bringen wolle.
Wohl waren die Schlitten zum lauten Ergötzen der ge- sammten Jugend von W. mit gewaltigem Schellengeklingel pünktlich zur festgesetzten Stunde vor der kleinen Villa des penstonirten Obersten von Hastelrode, die man zum Rendezvous bestimmt hatte, vorgefahren; aber fast gleichzeitig mit ihnen war aus dem Hause des Herrn Bürgermeisters Steinkirch die niederschmetternde Kunde eingetroffen, daß die Familie wegen plötzlichen Unwohlseins der Frau Bürgermeisterin zu ihrem Bedauern an dem Ausfluge nicht theilnehmen könne. Was diesen Schlag für den Astestor Valentini zu einem so furchtbaren machte, war der Umstand, daß es bei den Steinkirchs nicht weniger als vier erwachsene Töchter gab und daß jede der hübschen jungen Damen einem Cavalier zugetheilt worden war, der nun natürlich auf andere Weise versorgt sein wollte. Anfänglich hatte der bedauernswerthe Astestor noch gehofft, das Unheil durch die Kraft seiner Beredsamkeit abwenden zu können. In einem besonders verführerisch aussehenden Schlitten war er nach dem Hause des Bürgermeisters gefahren, um wenigstens einige der weiblichen Familienglieder für diese Partie zu
retten. Aber er hatte sogleich alle Hoffnung aufgegeben, als das sechzehnjährige Fräulein Käthe Steinkirch, das ihm mit rothgeweinten Augen entgegengekommen war, unvorsichtigerweise verrathen hatte, daß die Krankheit der Mama durch das Nichteintreffen der in der Hauptstadt bestellten neuen Kleider verursacht worden fei. Ohne alle weiteren Ueberredungsversuche war er da zu der harrenden Gesellschaft zurückgekehrt und hatte mit dem Geberdenspiel eines geschlagenen Generals erklärt:
„Ich würde sie bewogen haben, zu kommen, selbst wenn sie auf dem Sterbebette gelegen hätten — ohne die neuen Kleider aber, besten bin ich gewiß, würde auch ein BataAon Soldaten nicht im Stande gewesen sein, sie hierher zu schleppen."
Man war also genöthigt gewesen, sich in das Unabänderliche zu finden, und nachdem die wiederholten Versuche des Assessors, aus eigener Machtvollkommenheit eine anderweitige Vertheilung der Paare vorzunehmen, jedesmal an dem Widerspruch einiger Betheiligten gescheitert waren, rief er endlich in Heller Verzweiflung:
„Nun, meine Herrschaften, so bitte ich Sie denn, sich ganz nach Ihrem Belieben zu placiren. Aber bald, wenn es gefällig ist: denn wir haben schon mehr als eine halbe Stunde von unserer kostbaren Zeit verloren."
Allgemeiner Beifall begrüßte diesen Act der Entsagung, und es war offenkundig, daß die junge Welt untereinander sehr bald über die zweckmäßigste Vertheilung der Plätze einig werden würde. Die ganze Gesellschaft befand sich noch in dem kleinen verschneiten Vorgarten der Haffelrode'schen Villa, und die holde Straßenjugend von W., die durch das seltene Schauspiel in hellen Haufen angelockt worden war, drückte sich die rothen Nasen an dem kalten Eisengitter platt, um die hübschen Damen in den kleidsamen, knappen Pelzjäckchen oder den gleich dicken Riesenschlangen bis zur Erde niederfallenden Boas recht genau betrachten zu können. Die meiste Bewunderung über erregte unverkennbar Fräulein Editha von Hastelrode, die ältere Tochter des Obersten, die mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester Monika eben erst aus dem Hause getreten war.
Sie war hoch und schlank gewachsen, eine echt aristokratische Erscheinung, und das dunkelblaue, mit Streifen vom Pelz des Silberfuchses besetzte Tuchkleid, das — nach englischer Mode gearbeitet — beinahe faltenlos ihre vornehme Gestalt umfloß, gab ihr in den Augen des wenig verwöhnten Klein- stadtnachwuchses etwas wahrhaft königlich Gebieterisches. Auch das kleine kecke Barett von dem nämlichen Pelzwerk nahm sich auf dem reichen dunklen Haar vortrefflich aus und schien die eigenartige, stolze Schönheit des mit vollendeter Regelmäßigkeit geblldeten Antlitzes noch wirkungsvoller hervorzuheben. Es war kein Wunder, wenn neben dieser prächtigen Erscheinung die


