Ausgabe 
5.1.1893
 
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die Uebrigen standen in langer Reihe bei einander. Hans Adam sah wie trunken in die Augen seiner Dame.

Wer jetzt Flügel hätte!" raunte er, nur ihr verständlich.

Und eine Tarnkappe ach!"

So schlecht gefällt es Ihnen an meiner Seite, Herr Baron?"

Sein Arm umschlang sie fester.Als hätten Sie mich nicht verstanden!" gab er in unsicherem Tone zurück.

Ich verstehe Sie je länger desto weniger, Herr Baron!"

Das klang beinahe scharf, aber es entmutigte ihn nicht. Möglich", antwortete er.Auf einem andern Sterne, in einer Welt, wo es weniger Gesetzesparagraphen und nicht so viele moralische Anwandlungen gibt, würde ich vielleicht in dieser Beziehung mehr Glück haben."

Sie treiben also jetzt Astronomie?"

Ja, gnädige Frau. Es sind zwei schwarze Sterne, die ich studire!"

Anna lachte.Hüten Sie sich vor falschen Schlüffen, Herr Baron- Ein einziger Jrrthum verwirrt das ganze Exempel. Aber jetzt sind wir an der Reihe," setzte sie dann rasch hinzu.

Hinter diesen Beiden tanzten Erich und Ruth.Herr Wolfram", sagte halblaut das junge Mädchen,wissen Sie nicht einen Ort, an dem Schätze verborgen liegen? Kennen Sie keinen Zaubervers, der den Zwergen gebietet, uns über Nacht Gold und Edelsteine auf den Herd zu legen? Ich könnte solch' ein braunes Koboldvölkchen so gut gebrauchen."

Ein behagliches Lächeln trennte Erichs Lippen.Wirklich, Fräulein Aßmann?" sagte er.Und darf man fragen, wozu die ersehnten Schätze denn eigentlich verwendet werden sollten?"

Ruth seufzte.Hans Adam hat Sorgen!" flüsterte sie. Sehen Sie nur, wie blaß er ist."

Ach! Deswegen!"

Nur für ihn. Was dachten Sie sonst?"

Nichts! Nichts! Schade, daß die Zwergbekanntschaften fehlen!"

Das weiß man doch nicht gewiß. Leben keine in den Mauern von Dornau, Herr Wolfram?"

Ihm schlug das Herz in der Kehle. Es war unmöglich, das Bedeutsame des Tones geflissentlich zu überhören; er mußte antworten.

Keine, gnädiges Fräulein!"

Schade!" brach sie aus.Ich hatte mir das Alles so schön zurecht gelegt. Hans Adam sollte nicht mehr heimlich seufzen."

Er wandte sich ab- Erschien da vor den Blicken seines Geistes ein Gespenst, das er schon häufig zu sehen glaubte und dessen Existenz er in ruhigen Augenblicken doch für undenkbar hielt?

Wir sind an der Reihe, Herr Wolfram!"

Die Paare wogten und wirbelten durcheinander; es waren weit über hundert Personen zugegen. Man nahm die gebo­tenen Erfrischungen am Buffet stehend ober sitzend, wie es gerade kam, in größeren oder kleineren Gruppen, allein und zu zweien, je nachdem. Dann befahl der Baron einen Schnell­walzer, er streckte seiner jungen Frau beide Hände entgegen, und wenn er sie jetzt zärtlich ansah, so war das keineswegs erkünstelt. Er trieb gern mit der Welle und haßte nichts so sehr, wie große Aufregungen.

Komm, Maus!"

Sie zitterte am ganzen Körper, aber sie erhob sich doch und flog wie einst vor Jahren mit Dem, den sie liebte, in Windeseile dahin.Schneller! Noch schneller, Hansi! Das ist für's ganze Leben zum letzten Male!"

Thorheit, CM- Es geht ja prächtig!"

Er fühlte, daß sie schwer in seinen Armen lag, er trug ste fast völlig, aber doch konnte er es nicht über sich gewinnen, sie zu warnen. Arme kleine Maus! Sie war ein so gutes, liebevolles Geschöpf; einmal in einem unbewachten Augenblick küßte er sie.

Wie hübsch Du bist, Cilli! Eine wahre kleine Schön­heit!"

Liebst Du mich, Hansi? Ich bin eifersüchtig auf Alle, die Dich nur ansehen, die ein Wort von Dir erhalten. Du gehörst mir allein."

Und er lachte sorglos. Hans Adam dachte nur, wenn er gerade große Pläne schmiedete, über die gegenwärtige Stunde hinaus.

Baronin!" warnte die leise Stimme der Gesellschafterin- Baronin! Um GotteswillenI"

Cäcilie winkte abwehrend.Lasten Sie mich, Adele! Ich will jetzt nichts hören!"

Wieder drehten sich die Paare; minutenlang klopfte das Herz der jungen Frau in ungestümer Seligkeit.Man kann Alles, was man will!" hatte Hans Adam gesagt.

Alles?--

Diese seltsame Hitze in der Brust, dieser Mangel an Luft, sie trug es doch kaum. Ihre Augen waren geschlossen.

Hansi ich ersticke!"

Wir wollen aushören, Schatz."

Eine schnelle Wendung brachte ihn und sie au» der Reihe der Tanzenden. Ihr Kopf lag an seiner Brust, der Äthern keuchte, die Hände griffen krampfhaft nach einem Stützpunkt.

Rufs Adele, Hansi!"

Die Gesellschafterin stand schon neben ihr. Dies Mäd­chen mit dem verschloffenen Wesen und dem unhörbaren Schritt schien Alles zu sehen, an allen Punkten zugleich sein zu können- Der Baron athmete auf, als er sie bemerkte.

Fräulein Malten! Was wären wir ohne Ihre un­ermüdliche Sorgfalt? Wahrhaftig, ich bin Ihnen lebhaft ver­bunden." (Fortsetzung folgt)

Krankenöesuche.

Frau N. hat eine schwere Halsentzündung und liegt fiebernd im Bett Der Arzt hat Ruhe anbefohlen und der Patientin das Sprechen verboten. Herr N-, welchen seine Pflichten in's Bureau rufen, hat dem Dienstmädchen streng angefagt, jeden Besuch abzuweisen, um unnütze Störung zu ver­meiden.

Lautes Klingeln und darauf folgendes barsches Reden schreckt Fran N. aus leichtem Schlummer. Bald wird die Thür zur Schlafstube aufgeriffen und Frau B die Nachbarin, tritt ein, hochroth und mit allen Zeichen der Erregung.

Solch' keckes, junges Ding will mir die Thür weifen. Sie fürchtet wahrscheinlich, daß ich komme, um nach dem Rech­ten zu sehen- Ja, ja, so ein Mädchen hat gar kein Gefühl und läßt den Kranken verkommen. Aber sagen Sie, meine liebe Frau N-, sind Sie schon lange krank? Heut' Vormittag sah ich den Wagen des Doctors X. vorfahren und da eilte ich sofort an's Treppengeländer. Mein Schrecken, als ich den Arzt bei Ihnen klingeln hörte! Ich tief sofort zu Frau A. hinüber, um mich zu erholen. War Frau A. noch nicht bei Ihnen? So, so, das begreife ich nicht. Es ist doch Pflicht, sich um feinen Nächsten zu bekümmern. Aber wo thut's denn weh? Im Halse? Das ist schlimm, sehr schlimm- Was hat denn der Arzt verordnet? So, so. Da weiß ich etwas viel Besserer. Meine Kinder leiden oft am Halse und ich nehme nie einen Arzt- Hausmittel sind am besten. Die ganze Medicin taugt nichts. Leiden Sie denn öfters daran? Thut das Sprechen weh, wirklich weh?" Nicht einen Augenblick ruht der Mund von Frau B., sie erzählt und fragt in einem Zuge.

Noch einmal ertönt die Klingel. Aber das Dienstmävcheu scheint den Widerstand gegen den Besuch aufgegeben zu haben.

Entschuldigen Sie nur, meine verehrte Frau N, daß ich mich erst jetzt nach Ihrem Befinden erkundige," tritt Frau A. lebhaft und liebenswürdig wie immer ein.Ah, meine gute Frau B-, da sind Sie ja auch."

Selbstverständlich," betont Frau B. in empfindlichem Tone,mich findet man nicht bei Freud, sondern bei Leid."

Gewiß, gewiß, Sie sind ja durch ihre liebevolle Theil- nahme bekannt," bemüht sich Frau A- die Beleidigte zu ver­söhnen-