Ausgabe 
5.1.1893
 
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Herr Baron gestatten wollten. Ich müßte einen Kathen (Hütte) bekommen und als Taglöhner auf Moldt bleiben dürfen."

Ruth sah ihn ermunternd an.Ich will mit meinem Schwager sprechen, Klaus, Du weißt, er schlägt keine Bitte ander« als aus zwingenden Gründen ab Den nächsten frei werdenden Kattzen bekommst Du sicherlich."

Juchhe!" rief aus voller Kehle der Bursche und wollte in alter Gewohnheit seine Tänzerin mit einem kräftigen Schwung durch die Luft wirbeln, dann aber besann er sich noch gerade zu rechter Zeit an das Unpaflende dieses Vor- haben» und stolperte über seine eigenen Füße, so daß Erich zugreifen und das Paar vor jähem Sturz bewahren mußte. Sie lachten alle Drei die lauteste Fröhlichkeit beherrschte die ganze bunte Ges llschast.

Am entgegengesetzten Ausgange der großen Tenne stand eine Dame, deren Züge mit denjenigen Ruths eine unverkenn- bare Aehnlichkeit zur Schau trugen, Baronin Molot, die ältere Schwester der jungen Dame. Auch sie trug das altdeutsche Costüm, aber über demselben einen Mantel aus Schwaneupelz; selbst unter dieser dichten Hülle schien sie jedoch zu frösteln; ihr zartes, blasses Gesicht zeigte deutlich, daß sie sich krank und matt fühlen mußte, wenn auch v elleicht in diesem Augenblicke weniger als sonst wohl. Der Baron hatte ibr in einer der Pausen des Tanzes die Hand gereicht und sie mit seinen schönen, lachenden Augen freundlich angesehen.

Später tanzen wir Beide, Cilli."

Ein trügerischer Purpur färbte momentan ibr blasses Ge- ficht-Meinst Du, daß ich es wagen könnte, Hans?"

Man kann Alles, was man will!"

Dann entführte ihn der Tanz und die junge Frau sah ihm glänzenden Blickes nach. Wie schön war er, wie weit überragte er in jeder Beziehung alle anderen Herren der Ge­sellschaft.Hans!" flüsterte sie unhörbar, voll tiefer, inniger Zärtlichkeit.Mein Hans!"

Eine schlanke, weiße Frauenhand legte sich leicht auf ihre Schulter und eine Stimme sagte im Ton zärtlichen Vorwurfs: Baronin, wie konnten Sie sich dem Zugwind so aussetzen! Kommen Sie schnell fort!"

Cäcilie wandte beinahe verwirrt den Blick.Adele! Weshalb gerade in diesem Augenblick die ängstliche Warnung? Ich war so glücklich!"

Ihre Gesellschafterin trat einen Schritt zurück. Groß und sehr schlank, eine Brünette mit dem Teint und den Augen einer Südländerin, war sie auf gesucht einfache Weise ganz in ein schattenhaftes Grau gekleidet und selbst an diesem Fest- abende ohne Schmuck.

Ich verstehe nicht, gnädige Frau," antwortete sie im Tone des Erstaunens.

Cäcilie reichte ihr gütig die Hand.Mir träumte, Adele! Ich hielt mich für gleichberechtigt nut Andern, für gesund mein Mann hatte mich um einen Tanz gebeten."

Den Sie aber nicht bewilligen dürfen, Baronin."

Die junge Frau nickte.Doch, ich wage es unter jeder Bedingung. Mein armer Hans! Überall steht die kranke Frau al» tzmderniß auf seinem Wege! Er, der die Freuds und den äußern Glanz so sehr liebt, muß beständig Rücksichten nehmen. O, wie mich das schmerzt, Adele!"

Die Gesellschafterin brachte schon ein Flacon zum Vor- schein.Sie sollen sich nicht so aufregen, Baronin- Das schadet Ihnen!"

In den Augen der jungen Frau schimmerten klare Thränen.Bin ich denn todtkrank, Adele? Sehe ich aus wie Eine, die bald sterben wird? Sagen Sie mir die Wahrheit!"

Thorheit, Baronin. Sie haben Fieber, Ihre Hände glühen es wäre besser, Sie legten sich zu Bette. Fräulein Aßmann ist ja da, um die Honneurs der Wirthin wie immer"

Ja, ja, wie immer I" unterbrach voll Bitterkeit die junge Frau.Wie immer! Aber heute nicht. Ich will tanzen. O ja, ich will tanzen."

Die Gesellschafterin schwieg; ihre Gebieterin hörte ohne-

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dies nicht mehr auf Das, was sie sagte. Cäcilien» Augen glänzten unnatürlich, sie ließ den Mantel von den Schultern gleiten, und als jetzt drinnen die Reihen sich auflösten, begab sie sich mit den übrigen Damen in den Salon, dessen Glas­wände entfernt worden waren. Palmen und Orangen standen in den Ecken, aus den Treibhäusern waren in aller Eile blühende Gewächse Herbetgeschafft worden, ein weißes, mildes Licht durchfluthete den großen Raum, in dessen Mitte verschie­dene Paare schon jetzt ohne Musik zu tanzen begannen. Das lange Warten war so unangenehm und da kamen ja auch die Husaren schon herbei.

Eine Hälfte der flotten blauen Jungen musicirte drüben auf Fulterkistm und Leiterwagen, die andere im Salon unter dem Rauschen exotischer Pflanzen. Mehr und mehr Gäste waren hinzugekommen; man gruppirte sich ganz zwanglos wie immer auf Moldt, wo die Etiquette dem Frohsinn weichen mußte, so oft der Baron ein Fest gab und unter den Fröh­lichen der Fröhlichste war. Man sah seine hohe, elegante Gestalt überall, er musterte dar Eis in den Champagnerkübeln, begrüßte die Scatspieler in den Nebenzimmern und plauderte mit den älteren, nicht mehr tanzenden Damen- Wer ihn sah, war entzückt; selbst Männer, die seinen Leichtsinn, seine opti­mistische Auffassung durchaus verurtheilten, konnten es doch nicht über sich gewinnen, ihm zu zürnen.

Maus," hatte er seiner Frau gesagt,den ersten Tanz mit Dir, das ginge ja wohl nicht!"

Sie sah es ein.Nimm einen Schnellwalzer, Hansi!" Fühlst Du Dich denn recht kräftig heute Abend?" Ja. Ich will einmal mit Dir dahinfliegen je toller, desto besser. Hansi, wir haben seit Jahren nicht zusammen getanzt."

Das kommt noch Alles wieder," tröstete er, ohne seine Frau anzusehen. Die forzchenden Blicke durchmusterten den Saal und beinahe ungeduldig wandte er den Kopf, als sie leise flüsternd seinen Namen nannte.

Hansi!"

Nun?" fragte er.

Sie kämpfte mit Thränen.Sieh' alle diese Frauen und Mädchen an, Hansi! Sie sind gesund und den Ihrigen eine Freude nur ich bin immer krank, Dir so recht eine Last, eine drückende Bürde- Hast Du mich trotzdem noch ein klein wenig lieb, Hansi?"

Er lachte.Aber Cilli, jetzt eine solche Frage! Natür­lich habe ich Dich lieb, Du thörichte kleine Maus Nachher in der Ecke bekommst Du einen Kuß. So, bist Du jetzt zu­frieden, Liebste?"

Aber selbst während dieser Rede suchten seine Augen im Saale herum; er ließ auch der jungen Frau keine Zeit, ihm zu antworten.

Sieh' da, Frau Consul Bürklin! Ah, eine superbe Toilette!"

Tanze zuerst mit ihr, Hansi!"

Das will ich auch!"

Durch den Saal rauschte eine Dame, deren Schönheit Aller Blicke auf sich zog. So mochten vor zwei Jahrhunderten in Deutschland die Königinnen bei festlichen Gelegenheiten er­schienen sein, ganz in Purpur und Weiß, mit Puffen und weit­bauschigen Falten überall, mit einer Coiffure aus Straußen­federn und Perlenschnüren, langwallend die Schleppe und von Silber die Kelten am zierlichen Täschchen. Ein Flüstern ent­stand ringsumher, halb Bewunderung verrathend, halb bitteren Neid. Wahrlich, eine Königin war die schöne, reizende Frau.

Schwarzes Haar und schwarze Augen, klein und zierlich die Figur, eine Hand, wie die eines zwölfjährigen Mävchens, ein Lächeln voll Geist und Anmuth zugleich, so präsentirte sich die junge Wittwe, der alle Männerherzen entgegenflogen. Frau Bürklin war auf Moldt schon einige Male gewesen; sie und die Baronin begrüßten sich wie alte Bekannte und dann kam der erste Tanz, bei dem der Schloßherr mit der schönen Königin durch den Saal flog.

Nur die Hälfte der anwesenden Paare tanzte zugleich;