Unterchaltungsblatt 31111t Greszenev Anzeigev (Genevnl-Anzeigev)
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Nr. 2.
1893.
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Donnerstag, den 5. Januar.
„Jetzt, meine Herrschaften!"
Wie ein bunter Strom ergoß sich die Schaar der Gäste n den Wirthschastshof des Schlosses. Hier stand das Dienst« personal, Bauernmädchen mit weißen Schürzen und blitzenden Goldhauben, Burschen in blauen Jacken und federgeschmückten spitzen Füzhüten. Ein Hurrah begrüßie den Schloßherrn, dessen ganzes Gesicht vor Vergnügen lachte.
„Na, komm', Liese," redete er die Großmagd an, „wir Beide eröffnen den Ball. Du wolltest ja doch schon längst gern einmal mit mir tanzen, gestehe es nur ein."
Und als das Mädchen verschämt an der Schürze zupfte, umfaßte er es und wirbelte als Erster mit ihm in die Tenne hinaus. Der Großknecht drehte unterdeffen den sprossenden Schnurrbart, er schob bald eine Schulter vor, bald die andere und seufzte schwer. ....
„Ja, wenn das gnädige Fräulein erlauben wollten — „Kannst Du auch wirklich tanzen, Klaus?"
„Ich? Ich? — Ja, das Fräulein verzeihen, aber ich stand doch drei Jahre bei den Garde-Ulanen!"
Ruth lachte fröhlich. „Nun, dann komm' nur her, wir wollen den Beweis gelten lassen."
Sie und Erich wechselten einen lächelnden Blick, dann flog auch dies Paar unter den Klängen der Musik davon und «ach ihm alle übrigen. Jede Magd bekam ihren Tänzer, jeder Knecht seine Dame. Nach dieser ersten Tour sollte dann das Schloßgesinde bei Bier und Kuchen sich selbst überlassen bleiben.
Erich tanzte nicht. Er sah mit erleichtertem Herzen, daß selbst die kleine Gänsehirtin ihren Caoalier gefunden hatte, und daß es daher für ihn keine Pflicht mehr zu erfüllen gab. Seine Blicke beobachteten das schlanke Mävchen im Arm des Großknechts, die blonden, schweren Zöpfe und das süße, rosige Antlitz. Ruth lächelte — gewiß hatte der ehemalige Garde« Ulan eine recht naive Frage gestellt.
Jetzt hielten die Beiden ganz in seiner Nähe einen Augen« blick inne und nun hörte er, wie Klaus sagte: „Ja, ich meine nur, warum denn die Damen so wunderlich angezogen sind? Gerade wie auf alten Großmutter-Bildern!"
Ruth und Erich tauschten einen lachenden Blick. „Fmdest Du mich denn nicht hübsch, Klaus?" fragte belustigt das junge Mädchen.
„O — wunderschön. Schöner noch als die Betty ich hab'« ihr auch schon selbst gesagt und sie nickte ganz freund« sich dazu."
„Das ist nett von Betty. Wahrscheinlich gedenkst Du, sie zu heirathen, Klaus. Ist es nicht so?"
Der Knecht wischte mit dem Handrücken bte großen Tropfen von der Stirn. „Ach," stammelte er, „wenn es der
Dämon Gold.
Original-Roman von W. Höffer.
(Fortsetzung).
Ein sanfter, schüchterner Mädchenantlitz, rosig und frisch wie ein Maimorgen, sah jetzt dem Gutsherrn von Dornau ent» gegen. Ruth hatte ihn bemerkt und kam die Stufen herab-
„Wie schön, daß Sie die Einladung nicht vergessen haben, Herr Wolsram! Jetzt werden Sie mich gleich mit dem Groß« knecht als zweites Paar in der Scheune tanzen sehen."
„Dieser glückliche Bursche! Aber wenn bann später die Reihe an uns kommt, bars ich um ben ersten Tanz bitten, nicht wahr, Fräulein Aßmann?"
„Gewiß! Aber ich dachte, daß — daß —"
„Nun?"
„Daß Sie nicht mehr tanzen würden, Herr Wolfram. Nehmen Sie er nur um Gotteswlllen nicht übel, vielleicht hätte ich —"
Er mochte plötzlich die Farbe gewechselt haben; dar junge Mädchen sah ihn ganz erschrocken an. „Ach, nun sind Sie böse I Und wenn Sie wüßten, wie lieb ich Sie habe, wie —"
„Lieb, Fräulein Aßmann? Lieb, sagen Sie?"
„Gewiß, wer hat meiner armen Mutter nach Papas Tode über alle Schwierigkeiten hinweggeholfen? Wer hat ihr fßfctcs —"
„Kind, Kind, was Sie da Alles hervorsprudeln. Also der erste Tanz ist mein?"
„So viele Sie wollen. Aber dann dürfen Sie nicht mehr
^Wer sagt Ihnen denn, daß ich es jemals war? Beichten Sie mir jetzt Alles, Fräulein Aßmann. Ich bin in Ihren Augen ein Greis, ein alter Herr, mit dem man recht schonend umgehen muß, nicht wahr?"
Sie sind mein Vormund, ein Mann, den ich unendlich hochschätze, zu dem ich ein unbeschränktes Vertrauen hege. Ich glaube, wenn eines Morgens die Sonne nicht wieder aufginge, ich würde zunächst an Sie denken: Herr Wolftam schafft Rath; wen er beschützt, der ist wohl geborgen."
Er schien antworten zu wollen, aber dennoch kam über seine Lippen kein Ton. Die warmen Worte des jungen Mädchens mochten ihn berührt haben wie eine eisige, todeskalte $at%n diesem Augenblick kam der Baron durch das Schloß auf die Terrasse hinaus. Der große Saal wurde ausgeräumt und die Glaswände bei Seite geschoben; mit Pauken und Trompeten fetzten in der Scheune die Husaren zum Walzer em-


