Nr. 130.
1893.
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Samstag, den 4. November.
Herzenskämpfe.
. Roman von Theodor Schmidt.
-----7- (Nachdruck verboten.)
Erstes Capitel.
Es war an einem warmen Junitage. Draußen über den Wäldern von Bergsdorf ruhte die ganze Pracht eines schönen Sommers; die goldenen Sonnenstrahlen berührten fast zärtlich die Gipfel der hohen Bäume; die Wiesenblumen ver» breiteten einen köstlichen Duft; die Vögel ließen ihr munteres Lied erschallen und die geschäftigen Bienen schwirrten von Blume zu Blume und sammelten süßen Honig ein. Im Schatten der Wälder herrschte tiefe Stille, die nur durch das muntere Plätschern des kleinen Baches und das schwache Rauschen des Laubes unterbrochen wurde. Es war ein Sommerabend, wie die Poeten ihn besingen, voll Pracht, Dust und Harmonie, während sich drinnen in einem einfachen Häuschen von Bergsdorf eine Scene tiefsten menschlichen Kummers abspielte. Vergebens schauten die Rosen und Jasminblüthen zu den goldglänzenden Fenstern herein und neigten wie theilneh- mend ihre Köpfe; vergebens suchte der Duft von Schwarzdorn und frischgemähtem Heu, von einem sanften Zephyr getragen, einzudringen, vergebens sangen die Vögel und blühten die Blumen, vergebens schienen die süßen Stimmen der Natur von Liebe und Hoffnung zu flüstern, Alles, Alles war umsonst, denn da drinnen brach ein Menschenherz von Kummer und Weh.
Es war ein kleines, nur ärmlich ausgestattetes Zimmer, ohne Teppich, ohne Bücher, ohne Bilder, ohne jegliches Behagen — Alles sprach von kalter, trauriger Armuth. Auf einem rohen Holzschemel mitten im Zimmer saß eine vornehme Dame, reich in Sammet und schwere Seide gehüllt, eine Dame in der Blüthe ihrer Jahre, von stolzer, schlanker Gestalt und regelmäßigen, edlen Zügen, die deutlich die Spuren vergangener Leiden trugen. Die Dame war die Gräfin von Scherwiz. Sie war nicht schön zu nennen, aber in dem Ausdruck ihrer klaren Augen und dem Lächeln, das hin und wieder ihre Lippen umspielte, lag ein eigenthümlicher Reiz. Wenn je Stürme der Leidenschaft diese ruhigen Züge bewegt hatten, so war jetzt sicher nichts mehr davon zu bemerken; wenn je Spott, Haß oder Liebe in diesem Herzen gewohnt hatten, so waren sie jetzt todt.
Welchen Gegensatz zu dieser leidenschaftslosen Dame bildete die schöne Frau, die auf dem Fußboden kniete und die weißen, zarten Finger eines kleinen Kindes mit heißen, bitteren Thränen netzte. Eine dichte Maffe goldblonden Haares hing ihr wirr
und unordentlich über die Schultern herab, und ihr Gesich war trotz der tiefen Bläffe und bitteren Thränen wunderbar schön; trotz dem Liebreiz ihrer Züge, trotz der anmuthigen Würde, die sich in einer jeden ihrer Bewegungen kund that, war die junge Frau Magdalene Horst doch nur ein einfaches Landmädchen gewesen. Tief traurig und leidenschaftlich küßte sie die kleinen Händchen, küßte sie das Kind mit der Wärme innigster Liebe, mit der Leidenschaft wilder Verzweiflung.
„Meine kleine Martha," rief sie, „schau' mich an, daß ich Dein süßes Bild in meinem Herzen tragen kann; o, steh' mich an, mein Liebling!"
Die Kleine richtete ihre großen Augen verwundert auf das bleiche, bekümmerte Gesicht. Wie ähnlich sahen sich Mutter und Kindl Beide hatten dieselben schönen, veilchenblauen Augen, dasselbe goldblonde Haar, dieselben zarten, feingeschnittenen Züge, dieselbe weiße Stirn und dieselben rothen, leicht herabgezogenen Lippen-
„Fast bedauere ich, gekommen zu sein," sagte die Gräfin.
„Ich mußte Martha noch einmal sehen," erwiderte die Knieende mit flehendem Blick, „o, Sie können nicht wtffen, wie einem Menschen zu Muthe ist, dem das Herz in Stücke zerreißen will, wie mir! Ich muß wählen zwischen Mann und Kind; er ist in Kummer, in Roth und Elend —'sie findet eine Heimath und eine Mutter; — ich muß zu ihm, er bedarf meiner am meisten; und doch wäre der Tod mir minder bitter, als mein Kind verlassen zu müssen."
„Und doch ist es wohl das Beste," entgegnete die Gräfin, „das Kind wird bei mir Alles haben, was es glücklich machen kann."
„O, das weiß ich," schluchzte die Frau, „das weiß ich, sonst würde ich sie nicht verlassen. Aber wie werde ich mich nach dem Kinde sehnen, wenn seine Aermchen mich nicht mehr umschlingen, wenn seine warmen, weichen Lippen mich nicht mehr küssen. Wie soll ich leben, ohne feine süße Stimme zu hören!"
„Ich lasse Ihnen freie Wahl," antwortete die Gräfin ruhig, „noch ist es Zeit, Ihren Entschluß zu ändern."
„Quälen Sie mich nicht länger, Frau Gräfin," stöhnte die unglückliche Mutter, „Sie wissen, daß ich zu meinem Manne muß. Können Sie denn nicht begreifen, was es heißt, vielleicht zum letzten Mal in diesem Leben sein eigenes Kind zu sehen?"
Für eine kurze Minute zitterte es wie tiefer Schmerz über das ruhige Antlitz der Gräfin.
„Ich begreife es wohl," erwiderte sie sanft, „darum habe ich das Kind hergebracht; feien Sie versichert, daß ich es wie mein eigenes halten will."


