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Haltlos sanken ihre Arme am Bettrand herunter. Es war zu viel gewesen- Sie brach zusammen.
„Ich weiß es, habe es immer gewußt!" tobte er in aufloderndem Zorn, „Du liebst mich nicht, nahmst mich, weil ich reich und alt war! Du hoffst auf einen Anderen und wartest mit Schmerzen auf meinen Tod! Freue Dich nicht zu früh! Ich kann Dir noch einen Strich durch die Rechnung machen, der alle Deine Pläne zerstört!" Er riß heftig am Glockenzug.
„Franz," gebot er dem Eintretenden mit dem alten Commandoton, „Du gehst sofort zur Stadt mit beschleunigter Eile — die Sache leidet keinen Aufschub! Der Justizrath soll gleich in den Wagen steigen und einen Schreiber mit« bringen, Du steigst gleich mit auf! Er soll ohne Aufenthalt kommen, ich hätte es sehr eilig! Was stehst Du noch und gaffst? — Himmeldonnerwetter, soll ich Dir Beine machen?"
Der Diener stob hinaus und suchte schleunigst die Jungfer auf. Sie solle der armen Gnädigen beistehen; der Oberst thue, als stünde er vor dem Regiment und es ginge stracks in den Feind.
Dann lief er ins Gewächshaus- Der Gärtner solle sich ins Vorzimmer schleichen und dort bleiben. Man könne nicht wtffen, was passire, und er sei die kräftigste Mannsperson im Hause. — Das ging ihm noch vor seines Herrn Befehl, die Sorge um die gute Gnädige. — Als Justizrath Salzmann erschien, war der Oberst bereits gelassen. Er sprach fest und mit ruhiger Entschlossenheit und machte nicht im mindesten den Eindruck eines Zornerregten oder gar Fiebernden, sondern den eines Mannes, der kalten Blutes dem Unabwendbaren ins Auge blickt und mit größter Seelenruhe seine letzten Ver- fügungen trifft. Er war darauf sehr ruhig geworden und die Röthe war aus seinem Gestcht gewichen. Für seine Frau hatte er keinen Blick gehabt- Sie hatte sich mit Hülfe der Jungfer erhoben. Run im Vorzimmer Stimmen laut wurden, hieß er sie sammt ihrem Mädchen hinausgehen, bis er sie werde rufen lassen. In knapper Form setzte er darauf sein Testament auf. Zur Erbin seiner gesammten Hinterlassenschaft bestimmte er seine Frau mit der Klausel, er enterbe sie für den Fall einer etwaigen Wiederverheirathung und setzte ihr dann nur ein Pflichtteil aus. Sollte diese Anwendung ein treten, sei der Fiscus Universalerbe.
Der Justizrath machte große Augen, doch durste er keinen Widerspruch erheben und mußte thun, was seines Amtes war.
Nachdem sämmtliche Formalitäten erfüllt waren, ließ Strehlen seine Frau hereinbitten und ihr in Gegenwart aller Zeugen das Testament vorlesen. Ob sie Einspruch erhebe, fragte er darauf.
Sie schüttelte wortlos den Kopf.
Dann möge auch sie die Güte haben, ihre Unterschrift darunter zu setzen.
Sie that es.
Dankend entließ er die Herren.
Er wolle schlafen, sagte er dann, man möge sich ruhig verhalten oder, noch lieber, das Zimmer verlassen. Er wünsche nicht gestört zu werden, durch nichts, auch nicht durch die Einnehmezeit — das Zeug rette ihn doch nicht! Er kehrte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und war im Verlauf einer Viertelstunde eingeschlafen.
Leonore setzte sich auf Zeinen Stuhl nahe der Thür. So konnte sie im Spiegel jede seiner Bewegungen überwachen- Nach all' den Anstrengungen des vergangenen und des heutigen Tages machte sich eine tödtliche Abspannung bei ihr geltend. Sie schickte die Jungfer hinaus, die sich auf den Zehenspitzen heranschlich, sie zum Essen oder Trinken zu nöthigen. Sie konnte heute nichts genießen.
Gegen Abend kam der Geheimrath nochmals, um nach dem Kranken zu sehen und fand Strehlen noch schlafend. Er verordnete vorläufig nichts Anderes und hinterließ die Weisung, ihn in der Nacht herauszuklingeln, sollte der Oberst erwachen und sich schlechter befinden.
Franz und die Jungfer erboten stch, die Nachtwache zu
übernehmen. Die gnädige Frau solle sich ein paar Stundest im Fremdenzimmer schlafen legen, baten sie.
Leonore fühlte sich so erschöpft, daß sie es auch that. Ihr Mann schlief ja anscheinend ruhig. Kurz nach Mitternacht erwachte jedoch der Oberst. Mit halblauter Stimme schwatzte er verworrenes Zeug durcheinander. Er glaubte sich in Venedig und in Rom mit seiner Frau.
Die erschrockene Jungfer wollte die Gnädige herbeirufen, aber Franz verhinderte sie daran und raunte ihr zu: „Gott sei Dank, sie schläft, die Aermste! Sie glauben nicht, Emma, er hat sie heute Morgen höllisch malträtirt mit seiner Eifersucht nach dem Tode! — Ich wäre bald dazwischen gesprungen," prahlte er.
Gegen Morgen beruhigte sich der Oberst.
Die beiden Krankenwärter beschlossen, ihrer Herrin zu verschweigen, daß der Oberst in der Nacht wieder aufgeregt gewesen sei. Sie würde schon am Tage noch genug mit ihm auszustehen haben, meinten sie.
Leonore hatte wie tobt geschlafen. Sie erwachte mit jähem Schreck. So lange hatte sie der Ruhe nicht pflegen wollen. Sie eilte ins Schlafzimmer-
„Der Herr Oberst schlafen noch wunderschön," log die Jungfer. Franz nickte stumm dazu-
Sie nahm Emmas Platz ein. Dem Himmel sei Dank, sie hatte nichts versäumt.
Im Lause des Vormittags sprach Frau von Schönholz mit vor, um zu erfahren, wie ihrem Vetter und seiner Frau das Gartenfest bekommen. Sie ließ sich von der Jungfer nicht abfertigen, noch zurückhalten; ihres Vetters Krankheit war doch nichts Gefährliches! Sie ging ins Schlafzimmer und setzte sich zu Leonore. Sie sollte ihr haarklein Bericht erstatten, wodurch das abscheuliche Rheuma wieder hervorgerufen worden. Sie wollte es nicht verstehen, daß sie über* flüssig sei, trotz der kurzen Antworten Leonorens. Sie wurde nicht müde, in leisem Flüsterton ein Thema nach dem anderen abzuhaspeln und erwähnte auch Hans. Leonore gedachte erschrocken ihres nicht eingelösten Versprechens. Vielleicht konnte sie morgen oder übermorgen auf eine Stunde weg; Ludwig schien ja seine Krankheit auszuschlafen.
Da fuhr der Oberst plötzlich jäh aus dem Schlaf in die Höhe.
„Du willst mir Dein Wort nicht geben?" stieß er zornig hervor. Seine Augen stierten dabei nach dem Bettende und die Fäuste ballten sich. „Du wartest voll Sehnsucht auf meinen Tod? Du willst auf meinem Grabe den Hochzeitsreigen tanzen?" lachte gellend auf. „Warte nur, es kommt Alles anders, als Du denkst. Nichts sollst Du haben von meinem Vermögen, Treulose, nicht», nicht», nichts, nur das Bouquet am Balcon. Siehst Du den rothen Blutstreifen in der Luft? — Der galt mir, ich weiß!" —
Frau von Schönholz hatte im jähen Schreck einen Schrei ausgestoßen und vermochte sich anscheinend nicht vom Stuhl zu erheben. Leonore war zu ihrem Manne gestürzt. Thrä« nenden Auges suchte sie ihn mit tausend Liebesworten zu beschwichtigen. Franz und die Jungfer standen ihr bei. In der Aufregung hörte Niemand den Geheimrath eintreten.
„Was haben Sie hier im Krankenzimmer zu suchen?" herrschte er mit halblautem Ton Frau von Schönholz an. Sie war bei seinen Worten mit einem Schlag Herr ihrer Nerven geworden und konnte vom Stuhle hochkommen. „Grobian!" zischte sie, „hat man ihn zum Hausarzt und giebt ihm alle Jahre sein schweres Geld, um sich solche Behandlung gefallen zu lassen. Wenn er nur nicht der Ge> scheiteste wäre im ganzen Land und ein Stück darüber hinaus!' Damit ging sie, im Vorzimmer mit der Jungfer ein Verhör anflellend. Drinnen konnte nicht Alles so stehen, wie es sollte. Sie wollte den Auslassungen Strehlens noch ein Weilchen lauschen. Es war zu interessant gewesen. Wovon hatte er geredet? — Von Enterben und Treulosigkeit. Da mußte etwas vorgefallen sein - eine scandalöse Geschichte!
(Fortsetzung folgt.)


