Nr. 77
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Dienstag, den 4. Juli.
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Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(Fortsetzung).
Die verschiedentlichen namhaften Zahlungen, zu denen sich Erna herbeigelassen, hatte Hans ihr verschwiegen; auch die Höhe seiner Schulden, welche durch unsinnige Verschwendung in letzter Zeit und große Verluste im Spiel sich um mehr als das Doppelte gesteigert. Dagegen hatte er Leonore sein häusliches Elend in grellen Farben gemalt, ihr vollen Einblick in sein vergälltes Gemüth gegeben. Er möge um sein Leben nicht von Erna etwas verlangen, sagte er, sie lasse ihn schon bei jeder Gelegenheit fühlen, sie sei Frau vom Hause, er nur der Mann von ihrer Gnade. Das Dasein, welches er an ihrer Seite führte, stehe ihm bis zum Halse hinaus. Er hätte den ernsten Willen gehabt, ein anderer Mensch zu werden, gewissermaßen abschließen wollen mit der Vergangenheit, durch Ernas Nichtswürdigkeiten aber sei es ganz anders gekommen. Er hätte sein eheliches Leben mit den besten Vorsätzen begonnen. Ihnen treu zu bleiben, sei unmöglich. Erna treibe ihn mit ihrem Keifen zum Hause hinaus. Sie sei schuld daran, stürze er sich in wüste Zerstreuungen, um seine Sinne zu betäuben und sein Unglück auf Stunden zu vergessen.
Ob er es etwa vor seiner Verhetrathung besser getrieben habe? hatte ihn Leonore hart unterbrochen.
Er kam sich wie gerichtet vor bei dieser unerwarteten Frage und ihrem durchdringenden Blick. Das Herz sank ihm: auch hier keine Hilfe!
„Du verurtheilst mich um ein paar tolle Streiche," hatte er nach einer Pause mit dumpfer Stimme erwidert, „zu denen Andere mich verführten. Du kennst das Spötteln der Kameraden nicht, will man sich von einem Vergnügen ausschließen! Wer nicht mitmachen kann oder will, wird wie ein Geächteter, Ausgestoßener betrachtet. Ein Einzelner in der Schaar kann sich nicht zurückziehen. Mit den Wölfen muß man heulen, ob's Einem behagt, ist eine andere Sache! Habe ich an Dir gesündigt, sei zufrieden, Leonore: Du bist gerächt! Hättest Du für meinen Treubruch eine Strafe über mich verhängen sollen, so teuflische Rache hättest Du nicht ersonnen, nie ersinnen können, als über mich hereingebrochen ist. Den „Walther von Habenichts" muß ich mir bei jeder Gelegenheit bieten lassen und vor den Leuten will man es nicht zu einem Auftritt kommen lassen. Der Lärm und das Geklatsch in diesem Krähwinkel, witterten die Dienstboten erst, welche glückselige Ehe wir führen I — Ich schwöre Dir zu, Leonie, stürbe Tante Anna heute,
ich käme um meine Versetzung ein und ließe mich von ihr scheiden!"
„Hans, halt' ein!" rief Leonore. Sie wallte nichts mehr hören; sie hatte schon zu viel vernommen. Sie war ganz entsetzt über diesen stürmischen Ausbruch eines an Haß streifenden Grolls. Freilich waren seine Empfindungen gerechtfertigt! Ihr brauchte er nicht von der boshaften Gemüthsart seiner Frau zu sprechen; die kannte fie zur Genüge: sie schüttelte den flechtenbeschwerten Kopf. Erna war nicht die Frau, einen zur Umkehr Geneigten, Bereuenden zu fördern. Das Leben, das sie Hans bereitete, mußte ein unerträgliches sein. Und welche Scenen standen ihm erst bevor, ließen sich seine Gläubiger nicht länger vertrösten und gingen mit ihren Forderungen direct an sie? — Das durfte auf keinen Fall geschehen, das mußte verhindert werden! — Hans that ihr in innerster Seele leid. Welch' schwere Ueberwindung mochte es ihm gekostet haben, sich an sie zu wenden, die er seinem Egoismus geopfert? —
„Sorge Dich nicht weiter!" beruhigteste ihn. „Was sich irgend thun läßt, wird geschehen- Schlimmsten Falls könnte ich mit meinem Mann Rücksprache nehmen; er ist großmüthig und würde Dir, mir zu Liebe, feinen Beistand nicht verweigern. Vorerst will ich aber zu Tante Anna gehen und sehen, was sich bei ihr erreichen läßt. Ich hoffe das Beste, denn von mir kann sie nicht annehmen, daß ich aus Eigennutz komme. Es wird ihr Eindruck machen, wenn ich für Dich bitte! Auch das verhärtetste Gemüth hat einen weichen Punkt, bei dem es zu fassen ist! Sieht sie, welch' unerschütterliches Vertrauen ich in ihre Güte setze, kann sie nicht anders, als edel und großherzig handeln!" —
„Ach, warum mußte ich Dich verlassen, meinen guten Engel von mir stoßen! Könnte ich doch entschwundene Zeiten zurückzaubern, wie anders würde sich mein Geschick gestalten!" hatte Hans ausstöhnend gerufen. Ueberwältigt von Schmerz, Scham und Zerknirschung war er, Alles um sich her vergessend, vor ihr niedergesunken, sein Gesicht in ihre Hände bergend.
„Hans, steh' auf, ich bitte Dich, steh' auf! Das ziemt weder Dir noch mir!" hatte sie mehr gefleht als gebeten. Ihre Hände waren jetzt feuchtkalt, während die seinen brannten. Ein Sturm von widerstreitenden Gefühlen tobte in ihrem Innern. Sie riß sich von ihm los, als müsse sie sich selber entfliehen. In fliegender Hast durchmaß sie die letzte Strecke des dunklen Laubenganges. Tief aufathmend stand sie nun an, Ufer des Teiches und blickte zum Himmel auf, an dem schon der Abendstern mit mildem Glanze strahlte. Sein Licht goß Ruhe und Frieden in ihr bewegtes Herz. Auch Hans hatte sich mittlerweile gefaßt. Langsamen Schrittes holte er die Wartende ein und sie gingen, ruhigen Tones das Abkommen


