Ausgabe 
4.5.1893
 
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Der gefährliche Kandwerksöursche.

Humoreske von R. Zenner.

In der geräumigen Wirthsstube des GasthofesZum Grünen Baum" im Städtchen Krauthausen gings an einem heißen Julitage laut und lustig zu. Der reiche Bauer Schwuppke aus dem etwa vier Stunden von Krauthausen gelegenen statt« lichen Psarrdorfe Kipsheim traktirte die an der langen Tafel Sitzenden, wozu sich der trotz seines Reichthums ein bischen geizige Bauer wohl oder übel hatte verstehen müssen. Denn es war in Krauthausen Viehaurstellung für den Bezirk gewesen, welche Schwuppke mit einem Gespann Prachtochsen, sowie mit einigen ausgezeichneten fetten und dickwolligen Hammeln beschickt hatte und für beide Thierklaffen war unserem Bauer der erste Preis zugefallen; außerdem waren ihm die preisgekrönten Thiere von dritter Seitö sofort um eine hohe Summe abgekauft wor­den. Schwuppke hatte also in Krauthausen ehrende Auszeich­nungen und ein tüchtiges Stück Geld eingeheimst, da mußte er schon imGrünen Baume" einmal den Nobeln spielen, so schwer ihm dies auch ankam. Aber er durfte sich jetzt nicht lumpen lassen und so waren denn auf sein Geheiß ein paar Dutzend Flaschen von dem merkwürdig säuern Moselwein und dem nicht weniger säuernBordeaux" des Baumwirths auf der Tafel angefahren worden und der Grundsatz:Sauer macht lustig!" kam auch hier zur Geltung, denn immer neues Gelächter erscholl in der Tafelrunde, welche sich an dem vom reichen Schwuppke so generös gespendetenBrauneberger" und St. Julien" des Baumwirths delektirte.

Hart neben der aus dem Hausflur in die Wirthsstube führenden Thüre stand ein kleiner Tisch, an welchem ein Hand­werksbursche mit seinem kleinen Bündel neben sich saß und wacker einem Stück Brod mit Käse zusprach, zu welchem äußerst frugalen Mahle der junge Mensch ein Glas Dünnbier trank. Von Zeit zu Zeit sandte der Bursche, der sich durch einen recht pfiffigen Gesichtsausdruck auszeichnete, einen verlangenden Blick nach der großen Tafel hinüber, wo inzwischen Schwuppke auch etwas kalte Küche hatte auftragen lasien. Schließlich brummte der Bruder von der Landstraße vor sich hin:

Na ja, da schlagen sich die da drüben ihren Bauch mit allerhand guten Sachen voll und Unsereins darf zugucken! Wenn es doch nur einem der Kerls einfiele, mir 'ne Schinken­semmel und einen Schluck Wein zu spendiren aber Gott bewahre, an so einen armen Teufel, wie mich, denkt gar kein Mensch! Wenn ich wenigstens den Tisch abklopfen dürfte, ein paar Groschen kriegte ich wenigstens zusammen, aber hier stehts ja groß und breit angeschlagen, daß alles Betteln und Hausiren streng verboten ist, auch möchte ich mich nicht gern vom Büttel erwischen lasien. Na, denn nicht!"

Der Handwerksbursche erhob sich, bezahlte mit lauter Pfennigen seine geringe Zeche, hob das Felleisen auf und ver­ließ den Gasthof, um die Straße nach dem nächsten Städtchen, Namens Hollenberg, einzuschlagen, wo der Wanderer ein Unter­kommen für die Nacht und vielleicht auch Arbeit zu finden hoffte. Glühend brannte die heiße Sonne des Julinachmittags von dem im reinsten Blau glänzenden Himmel herab und schien den dicken Staub förmlich zu erhitzen, welcher die breite, nach Hollenberg führende Chauffee bedeckte und bet jedem Tritte des Wanderburschen in Wolken ausflog.

Uff", murmelte derselbe jetzt, stehen bleibend und mit einem blau- und rothgeblümten Taschentuche sich den Schweiß von der Stirn trocknend,das wird noch eine schöne Tour die drei oder vier Stunden bis Hollenberg werden, und natürlich läßt sich kein Wagen sehen, der mich vielleicht mitnehmen könnte."

In diesem Augenblicke tauchten auf der Landstraße in der Richtung von Krauthausen her dichte Staubwolken auf, die einen von zwei stattlichen Braunen gezogenen offenen, soge­nannten Preschwagen umgaben. In dem Wagen aber saß Herr Schwuppke, der sich auf der Heimfahrt befand und höchst eigenhändig kutschirte, da er seinen Knecht zur Besorgung ver­

schiedener Angelegenheiten noch in KrauthMsen zurückgelaffest hatte.

Der Felleisenritter schaute auf das näherkommende Geschirr und deffen Führer und rief plötzlich aus:

Donnerwetter, das ist ja der reiche Protz aus dem Grünen Baum", der so viel zum Besten gab! Wenn ich den: Menschen nur in aller Geschwindigkeit irgendeinen Streich spielen könnte, der Kerl mit seinem dummen, rothen, dicken Gesichte hat mich gleich von Anfang an geärgert, na, vielleicht- findet sich was! Jedenfalls muß er mich aber mitnehmen, da laß' ich nicht locker!"

Unterdesien war Schwuppke mit dem Geschirr in der Nähe des Handwerksburschen angelangt und mit flehender Stimme rief nun dieser:

Ach bitte, bitte, lieber Herr, nehmen Sie mich doch ge­fälligst mit, ich kann bei der Hitze kaum noch vorwärts, und Sie haben doch zwei Pferde vor dem Wagen!"

Hm", erwiderte Schwuppke, die Zügel anziehend und sah sich den Bittsteller mit einem musternden Blicke an,wo wollt Ihr denn eigentlich hin?"

Nach Hollenberg, lieber Herr!"

Nach Hollenberg?" meinte der Bauer und strich sich mit der Rechten über das fette Kinn,da könnt Ihr allerdings bis zur Schänke in Kümmelhain mitfahren, von dort biege ich nach Kipsheim ab, während ihr auf der Chaussee weitergeht, dann seid Ihr in einer halben Stunde bequem in Hollenberg. Das ist aber eine große Strecke bis Kümmelhain, ich kann Euch bis dahin nicht umsonst aussitzen lassen, ich will's jedoch billig machen und wenn Ihr eine Mark zahlt, so steigt herein in den Wagen." ,

Topp", sagte der Handwerksbursche und warf ohne Weiteres sein Felleisen in den Wagen, um dann selber nach- zuklettern und an der Seite Schwuppke's Platz zu nehmen, es gilt, Sie bekommen in der Kümmelhainer Schänke eine Mark von mir für das Mitnehmen, als Unterpfand haben Sie ja einstweilen mein Felleisen da, das ich nicht für dreißig Mark weggeben möchte." t ,

Der Bauer nickte, wippte mit der Peitsche und in etwas schwerfälligem Trab setzten sich die Pferde wieder in Bewegung. Der aufgestiegene Paffagier blickte eine Zeit lang wie nach- denklich in die vor Hitze ordentlich zitternde Ferne hinaus, dann legte sich ein schalkhafter Zug um die frischen Lippen des jungen Menschen und verstohlen blickte er seinen Nachbar von der Seite an. Schwuppke, der ein beleibter Mann war, schien offenbar unter den sengenden Sonnenstrahlen sehr zu leiden, denn während er mit der Linken Zügel und Peitsche festhielt, trocknete er sich mit der Rechten, welche ein mächtiges leinenes Taschentuch schwenkte, fortwährend das dicke schweißtriefende Gesicht, dabei immer pustend und stöhnend.

Seht Ihr", Hub er nach einer Weile an, ohne sich jedoch zu seinem Gefährten herumzudrehen,wie's da drüben schwarz aufsteigt? Wir werden ein tüchtiges Gewitter bekommen, was nach dieser imfamen Schwüle auch wahrhaftig Roth thut, ich glaube, ich vergehe, wenn diese Gluth noch lange andauert."

(Schluß solgt.)

Vermischtes.

Ein praktischer Mann. Wirth (zum Küchenchef): Heute ist der Braten furchtbar zähe. Machen Sie deshalb die Portionen kleiner, damit es nicht so sehr auffällt."

Boshaft.Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?" Nein, ich danke; der Tabak macht mich dumm I"Was Sie sagen! Dann waren Sie wohl früher ein starker Raucher?'

Ein neues Wort. Student A.:Ich habe gestern mein Doctor-Examen glücklich bestanden." Student B.: Ach, also daher Deine rigorosige Laune!"

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.