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Thränen standen der geprüften Frau in den Augen, als sie entgegnete: „Das Glück, welches ich mir so oft gewünscht, es sollte wirklich über uns kommen? — Was sagt Alexandrine dazu?"
„Gnädige Frau," flüsterte er, „ich liebe sie seit Jahren, hatte aber nicht den Muth, mit ihr zu reden. Ich dachte, das Mutterherz sollte ihr den Weg zeigen."
Sie reichte ihm die Hand und erwiderte: „Ich will es, ich will es, mein lieber Sohn. Vielleicht naht bald die Stunde!"
„Aber noch Eins, gnädige Frau. Alexandrine muß sich frei entscheiden; nie darf sie von dem Gelds erfahren; denken Sie an Ihr Versprechen!"
Sie nickte zustimmend.
Von jener Stunde an sah Alexandrine Lothar oft prüfend an, dann wieder stand sie vor dem lebensgroßen Oelbilde des treuen Vaters und flüsterte: „Ein Fels im Meer! Ja, das mag er fein! Papa liebte ihn. O, geliebter Vater, wenn Du wüßtest! Der, den ich liebe, verachtet mich, und der mich liebt, den achte ich nur! O des Zwiespaltes im Herzen!"
Eines Morgens stand dann Lothar festlich gekleidet vor ihr; ruhmgekrönt, von der halben Residenz vergöttert, bot er ihr feine Hand. Wie ein Märchen aus der Jugendzeit klangen ihr feine Worte. War sie ein Dornröschen, das wohl hundert Jahre geschlafen, bis der Prinz kam und sie weckte? Und da stand er mit treuem Aufblick der Sphinxaugen und klar tönte die Frage in ihr Ohr: „Alexandrine, geliebtes, hohes Frauenbild, willst Du mein treues Weib werden?"
Nun lag er zu ihren Füßen und da war es ihr, als trete der Papa aus den Rahmen des Oelgemäldes und flüsterte „Sage ja, er ist ein Character, eine Stütze im Sturme des Lebens!"
Da beugte sie sich zu ihm nieder und sagte zärtlich: „Wenn Sie mich Ihrer würdig halten, Lothar, ich will mich gewiß bemühen, Ihnen eine treue Gattin zu sein!"
„Bitte, sprechen Sie nicht so, Alexandrine; Ihr Ja hebt mich auf den Gipfel des irdischen Glückes!"
Nun legte sie mit einem Aufblick zum Bilde des Vaters ihre Hand in die seinige, er steckte ihr einen kostbaren Diamantenring an den Finger und küßte sie mit den Worten auf die Stirn: „So bist Du mein, stolze Brünhild, Zauberin Circe! Und bei Gott, ich will Dich hegen als mein höchstes Kleinod!"
Frau Bella, die eben htnzutrat, durfte nun segnend ihre zitternden Hände auf Beider Haupt legen-
Andern Tages sprach man in der Kaiserstadt nur von der Verlobung der stolzen Alexandrine von Eppinger mit dem bürgerlichen Dichter Lothar Hiller.
„Aber der Dichter adelt den Menschen in ihm!" setzte man fast überall hinzu.
III.
Der gepackte Reisekoffer des glücklichen Bräutigams war von Hillertshausen bereits nach dem Hause'der Braut geschafft. Rach der Trauung sollte ein Diner von fünfzig Gedecken in Jeans Hotel „zum weißen Schwan" stattfinden und mit dem Abendzuge wollte das junge Paar eine längere Reife nach Italien antreten.
Die Trauung war vorüber. Die Braut faß stille an der Seite des fröhlichsten, glücklichsten Bräntigams, den man je gesehen. Doctor Löwe brachte den Trinkspruch auf die Neuvermählten aus, der mit den Worten schloß: „Möge, was Amor, der kecke, verwundet, Hymen nun heilen; hoch lebe, dreimal hoch und glücklich das junge Paar!"
Und nun folgte Toast auf Toast, darunter der sehr launige des Sanitätsraths Stephani, dann war die Fröhlichkeit allgemein. Mitten int höchsten Wogengange der Freude, gerade, während der Schriftsteller-Verein Lothar eine Ovation mit Fackel, Musik und Ansprache darbrachte, verschwand das junge Paar. Doctor Löwe antwortete für den Freund und gab den Gefühlen des Dankes Ausdruck, das Fest aber nahm ungestört seinen Fortgang. Von der Mutter und dem Bruder hatte Alexandrine schon heimlich Abschied genommen, jetzt half ihr Beate in die Reisekleidung und küßte sie zum Abschied auf die Stirn mit den Worten: „Das Glück sei mit Dir!"
Alexandrine stieg in den schon bereiten Wagen und Lothar wollte eben neben ihr Platz nehmen, als die junge Frau zu- sammenschreckend flüsterte: „Lothar, mein Theurer, ich habe meinen Fächer, Dein erstes Geschenk, auf dem Schreibtisch ver- geffen!"
Lothar eilte schon die Treppe hinauf. Auf dem Schreib- tisch in Alexandrrnens Zimmer brannte noch der sechsarmige ftlberne Armleuchter. Lothar suchte nach dem Fächer auf dem Tische, dem Divan, aber er war nicht zu finden. Da gewahrte sem scharfes Auge, daß der Schreibtisch gar nicht verschlossen war. Zwar war das Schloß eingedreht, aber in der Eile vorstehend gelassen, hat es nicht fassen können. Sollte sie den Fächer in den Schreibtisch hineingelegt haben? Lothar riß die Schublade auf; richtig, da blitzten die Diamanten, womit der Fächer besetzt war, und daneben lag ein Päckchen Briefe mit rothem Seidenbändchen umwickelt. Die Dienerin könnte so in- discret sein, die Briefe zu lesen, dachte Lothar. Er steckte sie daher ein, eilte die Treppe hinab, reichte Alexandrine den Fächer und stieg in den Wagen.
Das Gespann flog davon und Lothar gab der jungen Gattin jetzt das Packet mit den Worten: „Du hattest Deinen Schreibtisch nicht verschlossen, Alexandrine, der Fächer lag darin und dies Packetchen Briese. Die Dienstleute sind so neugierig. Hier nimm!"
Sie war flammend roth und brachte kaum die Worte: „Ich danke Dir, Lothar!" hervor.
Sie barg dann die Briefe in der Tasche ihres Reisemantels. Sollte sie die Briefe aus dem Coupeefenster werfen? dachte dann Alexandrine. Man könnte sie finden, auch stand ja ihr Name darauf. Nein, aber auf der nächsten Station sollten sie vernichtet werden.
Aber die Reise ging direct mit dem Schnellzuge bis Triest, die Coupees waren voll besetzt. Müde lehnte Alexandrine sich zurück, sie hatte die beiden letzten Nächte fast schlaflos verbracht, auch Lothar war zuletzt eingenickt. Erst mit dem Morgen traf das junge Paar in Triest ein und mußte sich beeilen, einen Platz auf dem Dampfschiffe nach Venedig zu erhalten.
Eine zahlreiche Reisegesellschaft verhinderte auch hier eine intimere Annäherung zwischen den Neuvermählten, obwohl Lothar für seine Gattin in der Kajüte einen bequemen Platz suchte, da aus dem Verdeck eine heiße Luft wehte. Die Bewegung des Schiffes wiegte Alexandrine wieder schnell in Schlummer und Lothar nahm zu ihren Füßen auf einem Klappstuhl Platz. Der Reisemantel Alexandrinens war der Hitze wegen längst beiseite gelegt und jetzt von der Bewegung des Dampfers allmälig herabgeglitten. Wieder lag das Packetchen Briefe vor Lothar. Schleuderte es ihnc ein günstiges Schicksal zum zweiten Mal in den Weg oder war es eine Versuchung bei dem Beginne seines Eheglückes? Rasch wie der Gedanke hatte Lothar die Schnur gelöst, welche die Briefe verband und den ersten Brief aufgerissen. Worte der Liebe standen darin. Ha! Und die Unterschrift? Fast konnten die zitternden Hände Lothars das Blatt nicht halten. Da stand es: Guido von Gil« Singen.
Lothar hatte ein Gefühl, als ob man ihm eine Degen« pitze in das Herz stoße.
Scheu sah er Alexandrine an. Sie schlief fest.
Es war ein entsetzlicher Zustand. Aber der willensstarke Mann hatte die Zügel der Herrschaft über sich selbst schon wiedergefunden. Laut aufschreien hätte er mögen, aber er biß ich die Lippen blutig. Leise erhob er sich und schwankte die Kajütentreppe hinauf, dann lehnte er sich auf die Brüstung des Schiffes und schon hatte das gefräßige Meer das Packetchen mit den Briefen verschlungen.
„Fahre dahin, schöner Traum meiner Liebe!" murmelte Lothar dabei. „Sie hat mir nicht aus innerster Seele die Hand gereicht. — Aber habe ich's nicht selbst verschuldet? Ich tonnte die Zeit nicht erwarten und noch gehörte aus der Carnevalszeit der Thorheit ihr Herz ihm, meinem bösen Dämon. Zoll für Zoll muß ich mir erst dieses Herz erobern. Hoffent- ich kommt einst diese Zeit!"
(Fortsetzung folgt.)


