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„Ja, ja, Kaffendefizit, Alles verloren I"
„Was sagen Sie, Kamerad Braga! Ist das wahr?"
Dieser erzählte nun Alles. Einige Augenblicke stand der Rittmeister wie vom Donner gerührt, dann stieg er wieder von seinem Pferde ab, eilte die Käsernentreppe hinauf, setzte sich in seinem Zimmer an den Schreibtisch, warf einige Zeilen auf einen Briefbogen, couvertirte, adressirte an Alexandrine von Eppinger, steckte den Brief in seine Attila, schwang sich auf das Pferd und ritt davon, indem er sich der Billa Eppinger von der Hinterseite näherte.
In der Billa wußte Gilzingen gut Bescheid. Das Pferd gäb er einem Diener zum Halten, er selbst trat durch eine Seitenthür ein und wartete auf den blonden Diener Bertram, der stets seine Correspondenz mit Alexandrine in der letzten Zeit besorgt hatte.
„Bertram," rief er halblaut, im Halbdunkel der Treppe stehend, „Bertram, hierher!"
Der Gerufene erschien.
„Ah, Sie sind es, gnädiger Herr!"
„Ja ich! Was ist geschehen?"
Bertram fühlte einen Doppelgulden in der Hand.
„Der gnädige Herr ist tobt," flüsterte er.
„Dummkopf, das weiß ich. Mehr, mehr!"
„Hm! Um sechs Uhr war der Bankdiener Klöppel hier und meldete eine Kaflenrevision für zehn Uhr. Gegen sieben Uhr ertönte im Zimmer des Herrn ein Schuß. Man hat uns Alles verheimlicht, aber es war ein Fahren, ein Eilen, ein Geflüster. Dann kamen der Sanitätsrath Stephani, Doctor Löwe und Doctor Hiller. Die Leiche ließ Jean gleich äufbahren, es hieß, ein Schlag habe ihn getroffen, den armen Herrn!"
„Weiter!"
„Was weiter? Ein Kaffendefect von einer halben Million Gulden ist da. Julie, die Zofe der gnädigen Frau, hat es in einem Briefe gelesen, den der gnädige Herr kurz vor seinem Tode an die Gnädige geschrieben."
„Eine halbe Million Gulden? Hm, hm! Da bleibt wohl sür die Familie nicht viel mehr übrig?"
„Nichts, gar nichts, gnädiger Herr. Arm wie die Kirchen« mäuse sind die Leute nun."
Gllzingen sann eine Weile nach und murmelte für sich: „Schicklicher wäre es vielleicht, wenn ich persönlich bei Alexan- drinen — doch nein, nein —!"
Er zog den Brief hervor und befahl dem Diener: „Gib ihn dem Fräulein, Bertram. Adieu!"
Gilzingen ging auf den Hof zurück, setzte sich auf sein Pferd und jagte davon.
Alexandrine weilte in Trauerkleidern im Boudoir und las ein Dichterwort, welches ihr neulich schon ausgefallen war. Es lautete:
„Der Schmerz darf Dich wohl beugen, doch ganz brechen
Darf keinesfalls er jemals Dein Gemüth;
Er wird sich einstmals an Dir selber rächen, Leidst Du, daß er die Seele niederzieht!
Trag philosophisch-würdevoll die schwere Last, Die Du nun einmal erdgebor'n zu tragen hast!"
Sie fand darunter, was sie bisher übersehen, den Namen Lothar Hiller. Wie kam es, daß sie gerade an ihn heute gedacht hatte? Ach ja, gestern Nacht noch hatte ihr armer Papa Hillers Namen so warm ausgesprochen, ihn als das Ideal eines männlichen Characters hingestellt. Wie sagte er doch? Ein Felsen im Aufruhr des tobenden Meeres sei Hiller. — Und sie? Sie hatte sich Guido von Gilzingen erwählt. Ob sie die richtige Wahl getroffen? Aber wo blieb er jetzt in ihrem Unglück? Die Botschaft mußte ihn längst erreicht haben. Sie war ganz allein. Die Mutter hatte sich eingeschloffen, Victor war ausgegangen, Beate zum Doctor Löwe gerufen.
Es erklangen Schritte; das mußte Guido von Gilzingen endlich sein. Ja, jetzt suchte das rankende Epheu die feste Stütze der starken Eiche!
Es klopfte, aber es war Bertram.
Einen Brief brachte er! Guido kam nicht einmal selbst! Jetzt, wo sie den herbsten Verlust des Lebens erlitten?
Sinnend öffnete Alexandrine den Brief, las ihn und sank todtenbleich in's Sopha zurück. Als sie nach einigen Minuten wieder erwachte, lag ihr ganzes Leben wie zerstört vor ihr. Sie weinte nicht, sie jammerte nicht, sie kniff nur die Lippen zusammen und las nochmals den Brief, welcher lautete:
„Gnädiges Fräulein!
„Unsere heimliche Verbindung war ein Traum. Da ich Ihnen in Ihrem Unglück nichts bieten kann, gebe ich Ihnen Ihr Wort zurück. Sie sind frei! Genehmigen Sie den Ausdruck meiner Hochachtung.
Guido v. Gilzingen."
Verächtlich warf sie das Papier in den Ofen. Nur einmal stampfte sie mit dem niedlichen Füßchen den Teppich, dann murmelte sie: „Ein Felsen im Meer? — Ein Rohr im Winde! Pfui, Guido, ich verachte Dich!"
Sie wanderte ruhelos hin und her und zermarterte ihr Gehirn über den Grund seines Rücktrittes; denn die wahre Ursache ahnte sie nicht.
Die nächsten Tage waren schreckliche für die Eppinger'sche Familie. Zuerst kam das Begräbniß des Todten mit schlimmen Stunden, deren bitterste diejenige war, in welcher beflorte Träger mit befliffener Amtstrauermiene den reich decorirten Sarg fortschleppten; dann folgten die Condolenzbesuche, die neue Ordnung der Dinge endlich traf tief in das Herz der Leidtragenden.
Doctor Löwe und Hiller ordneten die Geschäfte des verstorbenen Bankdirectors mit dem Bankier Selbiger und retteten dabei aus den Papieren ein Kapital von 60,000 Gulden. Die Villa am Ring verkauften sie und dieser Erlös, verbunden mit jenem Kapital, gaben einen Fonds, dessen Zinsen der Familie ein bescheidenes Auskommen gestatteten.
Nun ward von Eppingers ein kleines Häuschen in der Vorstadt gemiethet, wohin sich die Famflie zurückzog. Da dieses der bekannten Neigung der Frau von Eppinger für Einfachheit und Zurückgezogenheit entsprach, fiel es Niemandem schwer, denn auch Alexandrine war es in ihrem geheimen Schmerze so recht und Victor ließ Alles gewähren, da er wohl sah, daß so Alles zum Besten gelenkt wurde- Das Mobiliar wurde meistens versteigert, die Dienerschaft entlassen. Jean erhielt 2000 Gulden zur Etablirung eines kleinen Hotels. Pferde und Wagen fielen auch unter den Hammer des Auctio- nators und die Familie nahm so wenig Besuche an, als sie solche abstattete, wozu die Trauer hinreichenden Vorwand gab.
Inzwischen erließ die orientalische Gesellschaft einen Nachruf sür ihren „treuen Director" und ließ ihm einen herrlichen Granit-Obelisken über seiner Ruhestätte errichten. Auch erhielt die Wittwe des Bankdirectors durch den Verwaltungsrath eine jährliche Pension von 1000 Gulden zugebilligt.
Lothar Hiller war ein rechter, echter, treuer Freund des Hauses von Eppinger geworden. Eben hatte er seinen „Kleomenes" beendigt und erntete für denselben außer neuen Lor- beeren auch ein Honorar, welches den sür Eppinger beglichenen Betrag wohl ziemlich decken mochte.
Frau von Eppinger wagte es eines Tages gegen den täglich im Hause verkehrenden Freund wieder einmal die Geldfrage zu berühren, indem sie ihm ihre Pension anbot, wodurch in einer Reihe von Jahren doch ein Theil der großen Summe getilgt werden könne.
Lothar erröthete bei dieser Verhandlung und entgegnete: „Gnädige Frau, ich schätzte mich damals glücklich, Ihnen den Dienst leisten zu können; an eine Abtragung dachte ich nicht.'
„Aber ich kann doch nicht lebenslang Ihre Schuldnerm bleiben!"
Er erröthete stärker und sagte sanft: „Das sollen Sre auch nicht, gnädige Frau. Ich erbitte mir dafür von Ihnen ein — Kleinod!"
Es zog wie ein Sonnenstrahl über das vom Kummer entstellte Gesicht der Frau von Eppinger; sie ahnte das jetzt Kommende und fragte: „Und das wäre?"
„Die Hand — Ihrer — Tochter — Alexandrine!"


