Ausgabe 
4.5.1893
 
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Donnerstag, den 4. Mai.

Liebe um Liebe.

Novelle von Carl Cassau.

(Fortsetzung).

Der Sanitätsrath nickte, trat an's Pult und schrieb das Verlangte.

Jetzt ergriff Lothar die Hand der unglücklichen Wittwe und sagte leise:Gnädige Frau, ich bin in der glücklichen Lage, das Deficit decken zu können, mein Freund Löwe holt bereits das Geld, aber ich knüpfe daran die Bedingung, daß Niemand erfährt, wer es war, der dieses that. So bleibt der Name Ihres unglücklichen Gatten in Ehren."

Frau von Eppinger schluchzte krampfhaft und erwiderte: Aber, Herr Doctor, ich bin nicht im Stande, Ihre Großmuth je vergelten zu können, ich werde nie in der Lage sein, die Summe zu ersetzen."

Wer hat denn das gefordert, gnädige Frau?" erwiderte Hiller großmüthig.

Ich bewundere Sie, Doctor, Sie find wie ein Engel!" rief der Sanitätsrath beinahe überlaut.

Und ich nehme das Opfer nicht an!" setzte Frau von Eppinger mit Thränen hinzu.

So wollen Sie lieber die Schande, das Unglück Ihrer Kinder?" fragte Lothar bitter.

Die unglückliche Frau verbarg ihr Gesicht in beiden Händen.

Wollen,Sie meine Hilfe annehmen, gnädige Frau?" fragte Hiller jetzt milde und seine Stimme vibrirte.

Sie nickte stumm unb reichte dem edlen Manne die Hand.

Und Sie geben Ihr Ehrenwort, niemals von der An­gelegenheit auch nur eine Silbe verlauten zu laffen?"

Ja!" antwortete sie fest.

Hiller nahm das Ehrenwort über diese Angelegenheit gleichzeitig dem Arzte ab und rief nun Jean-

Sie sind ein wackerer Mensch, Jean," sagte Hiller zu diesem.Geben Sie Ihr Ehrenwort, über den gewaltsamen Tod des gnädigen Herrn schweigen zu wollen?"

Ich gebe es, Eure Gnaden!"

Gut, Sie sollen dafür belohnt werden- Wo sind die Schlüffel zu dem Gewölbe der Bank?"

Hier im Pulte, Euer Gnaden!" Jean zeigte die Stelle.

Wo treffe ich den Kassirer der orientalischen Bank?" Herrn Jührden? Im Bankgebäude, Euer Gnaden!" Gut, Jean, laffen Sie vorfahren, sobald der Wagen zurück ist!"

Eben fährt er vor, Eure Gnaden."

Desto beffer, kommen Sie, Sanitätsrath."

Die Herren gingen, nachdem Lothar Frau von Eppinger nochmals aufgefordert, fest zu bleiben. Dann flüsterte er noch­mals heimlich mit Jean und stieg in seinen Wagen.

Nach der orientalischen Bank!" befahl er dem Kutscher.

Adieu, Herr Sanitätsrath!" rief er letzterem zu, welcher in einen anderen Wagen stieg.

Was mag er vorhaben? Umsonst wirft doch Niemand eine halbe Million weg!"

Schwer ward es der unglücklichen Wittwe, sich zu fassen, aber es mußte sein.

Jean betrieb indeß alle Vorbereitungen zur Bestattung des Tobten mit großer Energie. Er holte den Sarg herbei, legte den Tobten hinein, ließ ein Zimmer schwarz ausschlagen, den Sarg auf einen hohen schwarzen Katafalk bringen und ringsum Silberleuchter und hohe Blattgewächse aufstellen, so daß es schwer war, an die Leiche selbst zu gelangen.

Nun erst erfuhren Alexandrine, Beate und Victor die Trauernachricht, jetzt erst beweinte das ganze Haus den armen, angeblich vom Schlage jählings dahingerafften Herrn.

Inzwischen hatten Hiller, Löwe und der Kassirer Jührden eine harte Arbeit vor sich, um das Depositengewölbe und die Kasse der Bank, wieder in Ordnung zu bringen- Die Revision fand zwar eine halbe Stunde später statt, aber Alles ward in gehöriger Ordnung befunden und dann erst verbreitete sich das Gerücht vom Tode des Herrn von Eppinger.

Unermeßlich war der Schmerz Alexandrinens, als sie die Schreckensbotschaft erfuhr; sie wußte sich gar nicht zu fassen. Den geliebten Tobten sah sie nur aus einiger Entfernung, denn Jean verstand es, ohne Aufsehen zu erregen, Jedermann vom Katafalk in angemessener Entfernung zu halten. Victor erhielt die Nachricht eben, als er von den Anstrengungen der vorigen Nacht ausgeschlafen hatte und war ganz starr vor Schreck.

Inzwischen verbreitete sich aber dennoch das Gerücht von einem Kaflendefizit bei der orientalischen Bank und einem da­raus resultirenden Selbstmorde des Bankdirectors. Herr von Eppinger, hieß es, habe sich nur durch einen gewaltsamen Sprung aus dem Diesseits in das Jenseits der Schande ent­zogen.

Zu dem Rittmeister von Gilzingen gelangte das Gerücht, ais dieser eben seinen Goldfuchs Alt, ein Geschenk seines Vetters, eines Gutsbesitzers in der ungarischen Pußta, bestieg.

Wissen Sie es schon, Gilzingen?" fragte ein Kamerad.

Was soll ich wissen?" meinte Gilzingen ruhig.

Daß sich Ihr Schwiegervater in spe« Der Kame­rad machte das Zeichen des Erschießens.

Wie?" rief Gilzingen und erbleichte.