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„Der Herr ging allein," sagte ein Cigarrenhändler. „Er schien es nicht eilig zu haben, aber wohin er sich begeben wollte, das war mir räthselhaft. Ich sah ihn da drüben nach Mildenau einbiegen."
Hans Adam erschrak heimlich. Dieser Weg führte durch ein Tannengehölz.
Er dankte dem gesprächigen Berichterstatter und ging weiter; eine dunkle, folternde Ahnung trieb ihn vorwärts. Was wollte Willibald in Mildenau?
Es lebte dort unter armen Strandfischern Niemand, bei dem er eine Anleihe oder ein Geldgeschäft machen konnte.
Aber zwischen der Stadt und dem Dorfe lagen die Tannen — die Tannen. Sie ragten schon schwarz über den Schnee hervor; ste waren ganz nahe.
Ein Hund bellte vor dem einsam Gehenden, er sprang hinzu und verstummte dann auf ein Zeichen seines Gebieters. Das war der Revierförster; er kam jetzt mit der Flinte auf dem Rücken dem Baron entgegen.
Warum wohl Hans Adams Herz bei dem Anblick dieses unbekannten Mannes plötzlich so gewaltsam hämmerte? — Er wußte doch von dem Förster nichts, nicht einmal deffen Namen.
Und dann waren auf dem schmalen, verschneiten Wege die beiden Männer einander begegnet. Sie blieben halb und halb stehen, sie sahen sich an, es schien, als schwebe auf den Lippen Beider eine Frage, ein Wort, das gesprochen werden wußte und das doch von eigenthümlicher Scheu zurückgehalten wurde.
Endlich grüßte der Förster. „Herr Baron von Moldt, nicht wahr?"
Hans Adam fühlte, wie die Schläge seines Herzens aus» fetzten- „Der bin ich, mein Herr," antwortete er kaum verständlich.
„Darf ich mir eine Frage erlauben? Nicht aus Neugier natürlich! Gehen der Herr Baron nach Mildenau?"
„Des Weges wenigstens."
„Ach, dann hätte ich eine dringende Bitte. In den Tannen liegt
„Um Gotteswillen!"
Der Förster sah auf. „Haben der Herr Baron in der Stadt irgend welche Gerüchte erfahren? Wird Jemand vermißt?"
„Der Bankdirector Kelling — ja!"
„Ein junger, schlanker Mann? Braun, hübsch, mit kurzem Kraushaar und einer leichten Narbe auf der Stirn?"
„Ja."
Das war eine einzige, kurze Silbe, aber es kostete den Baron die schwerste Anstrengung seines Lebens, sie hervorzu- bringen. Ihm schwindelte.
„Dann ist er es," sagte der Förster. „Unter den Tannen liegt er mit durchschossener Brust ~ mein Hund hat die Leiche aufgespürt."
Seit Minuten wußte Hans Adam, was er hören würde, aber dennoch taumelte er unter der Wucht des Schlages. Seine Lippen blieben stumm.
„Gleich rechts am Wege unter den Schwarztannen liegt der Körper," fuhr der Förster fort, „ganz allein, denn mir begegnete bis jetzt Niemand, den ich als Wache zurücklassen konnte. Wenn der Herr Baron die Güte haben wollten — in einer halben Stunde bin ich mit einem Wagen an Ort und Stelle."
„Ja gewiß, gewiß."
„Dann will ich mich thunlichst beeilen."
Der Förster grüßte und ging mit langen Schritten davon ; auch Hans Adam wandte sich, um die Schwarztannen zu erreichen. Er war betäubt, wie halb bewußtlos.
Niemand begegnete ihm; es fielen wieder Flocken vom Himmel und ein scharfer Nordost wirbelte daher. Vom Gehölz herüber schrieen die Raben.
Der Baron sah nach allen Seiten. Niemand war in der Nähe und doch hatte der unglückliche Mann das Gefühl, als werde er verfolgt, als sei ihm ein unbekanntes Etwas auf den Fersen, schattenhaft, unbestimmbar, aber es war da und ließ sich nicht verscheuchen.
Auf den Tannenzweigen lag dichter Schnee, Alles weiß, weiß wie Todtenkleider, und hier im Walde so eigen still, so einsam. Oben in den Gipfeln rauschte der Wind, unten am Boden schwieg Alles.
Da standen die Schwarztannen. Von der entgegengesetzten Seite führten Fußspuren hinein: die eines Mannes und die eines Hundes.
Hans Adam ging der Fährte nach, selbst jetzt noch wie im Bann, mit weit offenen Augen und ohne folgerichtige Gedanken. Sonderbar! — Gerade er sollte Todtenwache halten. Gerade er.
An einer bestimmten Stelle war der Schnee aufgewühlt — und da unter den Stämmen lag etwas Dunkles, Regungsloses. Hans Adam ging unwillkürlich langsamer; et sah starr auf das unheimliche Etwas.
Und dann wurden die Umrisse deutlicher. Ein menschlicher Körper, ein Kopf, ein bleiches, stilles Antlitz.--
Hans Adam blieb stehen, ein Zittern hatte sich seiner bemächtigt, eine Erregung, die er nicht meistern konnte.
„Willibald!" klang es in leisem Tone von seinem Lippen, halb unbewußt, wie aus übervollem Herzen: „Willibald!"
Aber keine Antwort kam zurück. Ach, was hätte wohl der erschütterte Mann dahingegeben, um jetzt Willibalds Stimme zu hören-
„Das wollte ich ja nicht," stammelte er. „Daran dachte ich nicht."
Und plötzlich näher tretend, warf er sich auf die Kniee, um schluchzend mit beiden Armen den Tobten zu umfassen. Er weinte unaufhaltsam.
Von den weiß überpuderten Aesten lugten die Raben und huschten mit schwerem Flügelschlag durch das Gezweig. Keine Stimme erklang in der Nähe, kein menschlicher Fußtritt störte die Einsamkeit.
Hans Adam erhob sich und streifte mechanisch den Schnee von den Kleidern. Es war ihm leichter um's Herz geworden, er hatte die Elaflicität seines Wesens wiedergefunden und ein bestimmter Entschluß trat in festen Umrissen vor seine Seele.
Er schauderte- Gleich einem Abgrund that sich'S vor ihm ans.
Neben Willibalds herabgesunkener Hand lag noch die Pistole; der Schnee umher war roth gefärbt. In das Herz hatte die Kugel getroffen; keine Spur eines Todeskampfes lag auf dem stillen, bleichen Antlitz.
Hans Adam dachte an das Haus unter dem rankenden Grün; es war ihm, als müffe er flüchten vor dem Bilde. Nie — nie wollte er es wiedersehen.
Und dann bellte wieder der Hund des Försters; es kam ein Wagen, Uniformen schimmerten durch die Tannenäste — man begrüßte respectvoll den allgemein beliebten Gutsherrn von Moldt.
Eine Amtsperson constatirte die Thatsachen, dann hob man den Leichnam vom Boden auf.
„Adieu, Willibald, adieu."
Hans Adam sprach die Worte nur im Gedanken, aber tief aus dem innersten Herzen heraus.
Dann bot ihm der Herr vom Gericht einen Platz in seiner Droschke an. Das Gefährt hielte draußen vor den Tannen, sagte er.
Hans Adam dankte ihm.
Der Wagen setzte sich in Bewegung. Hans Adam hatte ein Gefühl, als gingen die Räder ihm über das Herz — ach, Willibald, Willibald! -
Er wandte sich ab, der unglückliche, hartbestrafte Mann, er sah nicht mehr hinüber zu den Einzelheiten des traurigen Zuges. Das Gerücht hatte nun Flügel bekommen, es flog von einer Lippe zur anderen, auch zu der bleichen jungen Frau mit dem erschreckten fragenden Blick, zu der alten Mutter, die nur den einen Sohn gehabt, ihr Lebensglück, ihr Alles--
Der Zug mit dem Tobten mußte vorüber an dem grün- umsponnenen Hause--wenn nun die Frauen am Fenster
standen! --
Ob, über das bodenlose Unglück!


