Ausgabe 
4.3.1893
 
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Schneller wurden Hans Adams Schritte, immer schneller. Er ging nach Moldt, zuletzt lief er beinahe.

In seinem Zimmer sonderte er stundenlang ganze Stöße von Papieren, verbrannte Einiges und steckte Anderes zu sich, dann nahm er aus dem Schrank das wenige darin vorhandene Geld. Zuletzt schrieb er einige Zeilen und legte das Blatt offen auf den Tisch.

Ich verreise für längere Dauer. Demnächst erhaltet Ihr weitere Nachrichten. Hans Adam."

Dann ließ er das Pferd satteln und ging aus dem Hause seiner Väter, ohne zurückzusehen, aber mit fest aufeinander, gebissenen Zähnen und mit einer Verzweiflung im Herzen, die jeder Schilderung spotten würde.

Ein Jahr war vergangen. Wieder lag Schnee auf Weg und Stegen, wieder heulten die Novemberstürme und trieben das Meer in hohen Wogen auf den Strand.

Ein neues massives Kirchlein schmückte das Dorf, neue hübsche Fischerhäuser standen fertig in gesicherter Höhe, aber die Gerüste und Maschinen der Bernsteingräberei waren ver- schwunden und auf Moldt wohnten andere, fremde Menschen. Der Commerzienrath Liffauer hatte das Schloß im Concurs erstanden und mit einem hübschen Gewinn wieder verkauft; er war jetzt auch verheirathet, höchstwahrscheinlich, um der Welt zu zeigen, daß er ja nicht zu warten brauche, bis Eine, die man des Mordes verdächtigte, ihn erhören werde.

Diese selbst, die sanfte, damals nach kurzen Formalitäten aus der Haft entlassene Ruth, lebte seitdem in dem Hause, das einst die Stätte ihrer glücklichen Kindheit gewesen. Die Pastors- leute hatten sie voll Liebe bei sich ausgenommen und später zog auch noch eine Tiefgebeugte mit in das Haus, dessen Wände vielen Kummer, aber auch viele treue Freundschaft und herzinnige Zuneigung umschlossen.

* Willibalds alte Mutter war gestorben; der schwere Schlag raffte die letzten Lebenskräfte der unglücklichen Frau hinweg, so daß der Tod zum Erlöser wurde, wie so oft. Frau Willi­bald stand nun ganz allein und Ruth beeilte sich, sie an ihr Herz und in ihre Fürsorge zu nehmen.

Der früh verwittweten jungen Frau war ein süßer Trost vom Schicksal Vorbehalten; sie wiegte in ihren Armen einen kräftigen Knaben, des Vaters Ebenbild, einen Segen, der auch auf Ruths einsames Herz seinen Einfluß übte. Sie hatte den kleinen Burschen aus der Taufe gehoben, sie theilte mit der Mutter desselben alle Sorgen und Freuden an seiner Wiege.

Fast täglich kam Wolfram in das Haus und brachte durch sein Erscheinen die einzige Abwechslung in das Stillleben des- selben. Er wurde immer gern gesehen, immer herzlich will­kommen geheißen, aber seine Frage; von der damals zwischen ihm und Ruth die Rede gewesen jene entscheidende, bedeut­same Frage hatte er nicht ausgesprochen.

_, Im Anfang sah er nur zu wohl, daß das junge Mädchen heimlich spähte, daß sie, so oft er kam, eine Nachricht von dem Verschollenen erwartete, dann aber erstarb auch das; und Ruth sagte einmal, als diese Gelegenheit es mit sich brachte:Hans Adam ist todtl Ich glaube es bestimmt."

»Weshalb?" hatte Erich gefragt und das eine Wort erstrckte ihn fast.

Ruths Wangen überzogen sich mit dem dunkelsten Purpur. Weil er nie geschrieben hat," setzte sie abgewandten Blickes hinzu.

Erich verstand das Unausgesprochene.Weil er nie Geld verlangt hat. -- Das war es, was Ruth dachte.

Aber er schwieg barmherzig.

tc laxn nach länger als Jahresfrist ein Tag, an dem Erich bei seinem gewohnten Besuch noch ernster und schweig. sam°r ersch:-n als bisher, er blieb auch kürzer und als er sich verabschiedete, legte er in Ruths Hand einen verschlossenen

Es kanrüber seine Lippen kein Wort, er ließ sich auch durch die Bitte des iungen Mädchens nicht zurückhalten, son­dern ging fort, ohne von dem Inhalt des Schreibens irgend etwas erfahren zu haben.

Ruth eilte in ihr eigenes Zimmer, sie schloß die Lhttr und sah unverwandt auf die Adresse des Briefes. Hans Adams Handschrift!

Aus Neapel war der Stempel und an sie selbst der Brief gerichtet.Per Adresse des Herrn Wolfram auf Dornau" hatte Hans Adam hinzugefügt.

Es dauerte lange, ehe Ruth das Siegel erbrach dann fiel ihr zunächst ein Zeitungsausschnitt entgegen; die Notiz, welche er enthielt, lautete wörtlich:

Die gefeierte Prima Ballerina unserer Bühne, Signora Camilla, bleibt, wie wir heute den Lesern versichern können, uns und der Kunst erhalten. Ihre Vermählung mit dem deutschen Baron v. Moldt wird an den bestehenden Ver­hältnissen vorläufig nichts ändern."

Wieder trat das Blut in die Wangen des jungen Mäd« chens, heiß und stürmisch wie vorhin.Eine Tänzerin! Großer Gott, eine Tänzerin!"

Dann las sie den Brief-

Wünsche mir Glück, kleine Ruth," schrieb Hans Adam, denn mein Schicksal hat eine unerwartet günstige Wendung genommen. Welche Anstrengungen es kostete, um bis jetzt standesgemäß aufzutreten, darüber laß mich schweigen, um­somehr, als nun Alles gut ist. Meine kleine zärtliche Camilla besitzt in ihren Elfenfüßchen ein Kapital, das binnen Kurzem nach Millionen zählen dürfte. Ich komme dann mit ihr in die Heimath zurück, kaufe Moldt von Denen, die es jetzt besitzen, und lasse die Bernsteingräberei, sowie die Zuckerfabrikation im Großen betreiben. Der Erfolg wird ein ungeahnter sein. Meine kleine Frau schickt Dir un> bekannter Weise ihre besten Complimente und auch ich grüße Dich in altgewohnter herzlicher Liebe. Dein Hans Adam."

Das Blatt sank in denSchooß hinab und Ruth sah vor sich hin, ohne zusammenhängend zu denken, aber doch auch ohne Schmerz, still, viel stiller, als sie selbst für möglich ge- halten haben würde. Mochte Hans Adam das Glück seines Lebens gefunden haben: sie war es, die ihm das aus Herzens« gründ wünschte.

Im Morgenlichte zerflattern die spielenden Fäden des Traumes. Vielleicht war er süß und schmeichelnd, vielleicht kehrt Aehnliches im Leben nie wieder; aber höher und höher steigt bis zum Mittag die Sonne, und die Wirklichkeit des wachen Tages tritt in ihr Recht.

Als später Wolfram den Brief seines Jugendfreundes las, da sahen er und Ruth einander an, und sie lächelten Beide.

Hans Adam hatte nichts gelernt und nichts vergessen.

An diesem Tage wurde Erichs Frage noch nicht gesprochen aber doch bald danach.

Als Ruth mit ihrem Bräutigam allein war, konnte sie ihm offen in's Auge sehen und aus Herzensgrund versichern: Ich habe Dich innig lieb, Erich. Bist Du nun zufrieden?"

Er küßte ihr das Wort von den Lippen.

Bis zum Frühling blieb Ruth im Predigerhause, dann wurde eine sehr stille Hochzeit gefeiert und fort ging es auf die Reffe, von der das junge Paar erst nach Wochen zurück- kehren wollte.

Am Abend der Ankunft auf Dornau, zu sehr später Stunde, waren alle Dienstboten und Taglöhner des Gutes im besten Sonntagsstaate versammelt, um bei der großen Ehren­pforte vor dem Hause die heimkehrende Herrschaft mit allerlei kleinen Huldigungen zu begrüßen. Besonders sollte geschossen werden. Die meisten Männer trugen Gewehre und eine höchst vergnügte Stimmung beherrschte den ganzen Kreis.

Wenn jemals ein Mensch verdient hatte, so recht glücklich zu sein, dann war es ihr Gebieter, das wollten sie ihm an diesem Abend beweisen. Er sollte sehen, wie sehr sie ihn liebten.

Dichtgedrängt umstanden Alle das Haus. In einer Viertel­stunde konnte der Wagen auf den Hof rollen.

Der Wagen hielt, und Schießen und Jubeln begrüßte die Heimkehnnden. Wie glücklich er aussah, der junge Ehemann, wie stolz er seine Frau den Leuten vorstellte!

Das ist Eure Gebieterin, meine Freunde! Habt sie lieb wie mich selbst und Alles wird gut sein,"