- 60 -
Vermischtes.
Der Hamburger Nothstandsausschutz hat seinen ersten Bericht veröffentlicht. Danach sind baar 3 319 000 Mk. eingegangen. Hiervon entfallen 1 196 000 Mk- auf Hamburg und 1 415 800 Mk. auf andere Orte des Deutschen Reiches. Vom Auslande gingen aus Amerika 324169 Mk- und aus Großbritannien 161 569 Mk. ein. Außerordentlich bedeutend war die Menge von Lebensmitteln, namentlich Kartoffeln, ferner die Lieferungen an Wäsche und Kleidungsstücken. Von dem Baarbetrogs steht noch reichlich eine Million Mark zur Verfügung.
* * *
Von Kaiser Friedrich. Gelegentlich der Hochzeit zu Sigmaringen ist eine Episode aus dem letzten französischen Kriege erzählt worden, die ein intereffantes Erlebniß des verstorbenen Kaisers Friedrich und des Fürsten Leopold von Hohenzollsrn zum Gegenstands hat. In dem zum Lazareth verwandelten Schlöffe zu Versailles war eine junge Dame als Vorsteherin thätig, die als sechs Jahre altes Mädchen Spielgefährtin der Prinzen und Prinzessinnen der fürstlichen Familie zu Sigmaringen gewesen ist. Während der Belagerung von Paris besuchte der damalige Erbprinz Leopold von Hohen- zollern öfter das Schloß, um sich nach dem Befinden der Verwundeten zu erkundigen. Hierbei traf er die Vorsteherin, Fräulein Hedwig, die in ihrer Unterhaltung manche Jugenderinnerung bei dem Prinzen erweckte. Eines Tages hatte der Erbprinz wieder das Lazareth und in diesem den zum Wäschemagazin eingerichteten Raum betreten, als die Vorsteherin auf ihn zutrat und in scherzhafter Weise zu ihm sagte: „Königliche Hoheit, das kann ich aber unmöglich gestatten, daß Sie so oft unser Magazin betreten und durch Ihre Unterhaltung meine Damen von der Arbeit abhalten. Wenn Könizl. Hoheit hier bleiben wollen, dann müffen Sie auch mit arbeiten." — „Aber was soll ich denn machen?" versetzte der Prinz, „von diesen Arbeiten verstehe ich gar nichts! Wenn Sie durchaus verlangen, daß ich helfen soll, so will ich eine Binde säumen, denn Charpie zu pflücken ist doch zu langweilig." Die Vorsteherin riß darauf ein Stück Leinwand zurecht und reichte dies .dem Prinzen mit einer eingefädelten Radel. Als der Erbprinz die Binde fertig hatte und gegangen war, hüllte die Vorsteherin diese in ein Papier, um sie als Andenken aufzubewahren. Tags darauf kam der Kronprinz, „unser Fritz", begrüßte die Vorsteherin und sagte: „Gestern ist der Erbprinz von Hohenzollern hier gewesen! Der Prinz hat sich über Sie beschwert! Sie haben den armen Prinzen gezwungen, zu nähen, und ihm nicht einmal einen Fingerhut gegeben. Er hat sich derart die Finger zerstochen, daß er nicht einmal eine Zeitung halten kann. Zeigen Sie doch einmal, was er genäht hat; ich bin wirklich neugierig, seine Arbeit zu sehen!" „Sehr gern", entgegnete die Vorsteherin. „Aber solche kostbaren Arbeiten zeigt man nicht unentgeltlich. Dort steht meine schwarze Büchse und in die müffen König!. Hoheit erst etwas für meine Verwundeten hineinwerfen." „Und wieviel muß ich zahlen?" fragte der Kronprinz. „Wenigstens fünf Silbergroschen!" Unter Lachen erwiderte der Kronprinz: „Glauben Sie, daß ich als Familienvater ein solcher Verschwender bin, und, um die Knutelet des Erbprinzen zu sehen, fünf Groschen ausgeben werde?" Als der Kronprinz die Binde sah, bemerkte er: „Ich hätte gar nicht geglaubt, daß der Erbprinz so geschickt im Nähen sei; er hat seine Arbeit sehr gut gemacht; ich werde die Binde mitnehmen." Als die Vorsteherin hiergegen äußerte, daß sie die Binde als werthvolles Andenken aufzubewahren gehofft, versprach der Kronprinz, die Arbeit am nächsten Tage wiederzubrtngen. Am darauffolgenden Abend erschien ein Hoflakai im Schlosse und überbrachte der Vorsteherin auf Befehl des Kronprinzen ein kleines Packet, in dem sich die Binde befand. Als sie diese aber auseinander rollte,
entfiel ihr eine Anzahl Goldstücke und ein Menu der Kaiser!. Tafel. Auf die Rückseite desselben hatte der Kronprinz folgende Zeilen geschrieben: „Mein Fräulein! Soeben habe ich an der Kaiser!. Tafel die Arbeit des Erbprinzen gezeigt und für Ihre Verwundeten gesammelt. Nehmen Sie die kleine Summe von mir an. Friedrich Wilhelm." Die damalige Vorsteherin des Lazareths, Fräulein Hedwig, ist längst gestorben, die Binde jedoch nebst dem Schreiben des Kronprinzen werden als liebe Andenken von den Erben aufbewahrt.
Darum. Herr: „Warum geht eigentlich Ihr Herr, der Baron von C, nie am Eröffnungstage der Jagd auf sein Revier?" — Diener (verschmitzt lächelnd): „Well er an diesem Tage noch nichts beim Wildprethändler kaufen kann!"
Literarisches
„Hausschatz -es Wiffens." Von diesem im Verlage von W. Paulis Nachf. H. Jerosch in Berlin W. 57 erscheinenden groß angelegten Werk, dessen Zweck die weiteste Verbreitung der zur allgemeinen Bildung unbedingt erforderlichen Kenntniffe aus den Gebieten der Natur- und Menschenkunde ist, liegen uns jetzt die Lieferungen 5—9 vor. Von der Reichhaltigkeit und dem außerordentlich billigen Preise dieses Werkes geben diese..fünf Lieferungen, welche für den Gesammt- preis von Mk. 1.50 elf Druckbogen Großokjav mit nicht weniger als 122 theilweise ganzseitigen Abbildungen bieten, ein beredtes Zeugniß. Die Lieferungen 5 und 9 „Das Thierreich" von Dr. Heck, Direktor des zoologischen Gartens zu Berlin, u. A. verfaßt, enthalten die Fortsetzung der Naturgeschichte der vier untersten Thierstämme von Dr. Ludwig Staby. Von der richtigen Ansicht ausgehend, daß der Leser in der Er- kenntniß der Thierwelt stufenweise vorschreiten muß, wenn er diese letztere in ihrer Gesammtheit verstehen lernen soll, sind die niedrigsten Lebewesen, die Urthiere, an die Spitze des Werkes gestellt und der Verfasser versteht es vortrefflich, seinen Gegenstand auch für den Laien anziehend und verständlich zu machen. Er schildert in schlichter, leichtfaßlicher Weise und in Anlehnung an zahlreiche Abbildungen die Wunder dieser Thierarten mit ihrem staunenerregenden Formenreichthum und ihren merkwürdigen Lebens- und Fortpflanzungs-Verhältnissen. Von den Pflanzenthieren übergehend, führt uns der Verfasser zunächst die Klasse der Schwämme vor, in deren Beschreibung interessante Angaben über die Schwammfischerei und Versuche zur künstlichen Zucht der Badeschwämme eingeflochten sind; wir lernen die Korallen und ihren An- theil am Aufbau der Erdoberfläche näher kennen, und die merkwürdigen Röhrenquallen, welche weder Einzel-Individuen, noch Stöcke von gleichartigen Individuen, wie z. B. die Korallen sind, sondern eine Thiergesellschaft darstellen, in der jedes Einzelwesen seine bestimmte Aufgabe zur Erhaltung des Ganzen zu erfüllen hat. Von den Sternthieren sind namentlich die Seegurken interessant geschildert, deren Empfindlichkeit weit über den Begriff der Nervosität hinausgeht, obgleich bei ihnen von Nerven nicht entfernt die Rede ist; diese Thiere, von denen eine Art, der Trepang, den Chinesen als Leckerbissen gilt, fahren nämlich, wenn sie gereizt werden, thatsächlich aus der Haut, indem sie ihre sämmtlichen Eingeweide ausspeien. Von den Würmern lernen wir zunächst das Schmarotzergeschlecht der Bandwürmer in seinen verschiedenen Arten kennen — durchaus keine angenehme Bekanntschaft, der man sich aber trotzdem nicht entziehen darf, wenn man nicht den Vorwurf des Leichtsinns und der Indolenz auf sich laden will.
Die 6. Lieferung (Heft 2 der Entwickelungsgeschichte der Natur von Wilhelm Bölsche) bringt die Fortsetzung der Schöpfungssagen alter und noch lebender Völker mit hochinteressanten Abbildungen; an diese schließt ein Abriß der Entwickelungsgeschichte der Erd- und Himmelskunde an. In der 7. Lieferung (Heft 2 der Geschichte der Weltliteratur von Julius Hart) kommt der die chinesische Literatur behandelnde Ab. schnitt zum Schluß, und es beginnt die Literaturgeschichte Indiens, durch geistvolle und anregende Darstellung, wie durch reichen und interessanten Bilderschmuck ebenso ausgezeichnet wie der vorhergegangene Theil. In der 8. Lieferung (Heft 2 der Weltgeschichte von M. Rey- mond) ist die einleitende Umschau, welche den Leser mit der Auffassung der Weltgeschichte vom modernen entwickelungsgeschichtlichen Standpunkt aus vertraut machen soll, zum Abschlüsse gelangt und die Geschichte des Alterthums — oder des Zeitalters des Kulturkampfes zwischen Morgen- und Abendland, wie der Verfasser diesen Zeitabschnitt bezeichnet, beginnt mit der Geschichte Aegyptens. Das Gesammtwerk, welches den Zweck hat, die moderne Wissenschaft volksthümlich zu machen und in den weitesten Kreisen zu verbreiten, rückt, wie wir sehen, rasch vorwärts und wird bei dem außerordentlich niedrigen Preise (noch nicht volle 100 Mark für 320 Lieferungen ä 30 Pf.) bei gediegenster Ausstattung sicherlich die zum Gedeihen des schönen Unternehmens noth- wendige Verbreitung finden.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


