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Viertes Capitel.
Der Wechsel war, etwas zu spät zwar, aber doch ohne besondere Schwierigkeit eingelöst worden und die Tage vergin- gen auf Moldt in verhältnißmäßiger Ruhe, wenigstens für den weiblichen Theil seiner Bewohnerschaft Hans Adam hatte allerdings die Klage des Commerzienraths auf einmalhundert- undachtzigtausend Mark sogleich nach Erledigung der ersten Angelegenheit zugestellt bekommen, allein das verschwieg er seinen Damen und nahm auch die Sache selbst gänzlich auf die leichte Achsel. Er beauftragte erst einmal einen Advocaten, Widerspruch zu erheben, und wußte nun, daß dadurch die Entscheidung auf Monate hinausgeschoben seil
Und so kam der Tag, an dem aus Frankfurt ein Schreiben an die Baronin einging. Eine Kanzlei irgend einer Art hatte das Doeument ausgefertigt; so viel sah man schon an der Adreffe.
Cäcilie erbleichte; sie wagte nicht, das Siegel zu entfernen. Der Brief steckte stundenlang zwischen den Polstern ihres Ruhe-
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bettes, bis Hans Adam kam und nun die Entscheidung durch seine gewohnte Frage herbeiführte.
„Nichts aus Frankfurt, Maus?"
Sie sah ihn mit ihren fieberglänzenden Augen an. „Doch, Hansi - heute Morgen kam ein Brief."
Er wechselte plötzlich die Farbe. „Nun — und was steht darin?" bebte es von seinen Lippen. „Böses?"
Sie gab ihm das Schreiben. „Sieh' selbst, Hansi! — Ich —"
Und ein Kopsschütteln vollendete den Satz. Es konnte nichts Guter sein, was dieser Brief enthielt.
Der Baron riß das Couvert herab. Es flimmerte ihm vor den Augen; zuerst sah er nach der Unterschrift: „Leopold Aßmann."
Das war kaum leserlich geschrieben, wie mit versagender, zitternder Hand, aber doch von dem Alten selbst. Den Inhalt des Briefes mußte er dictirt haben.
Hans Adam las mit lauter Stimme, was ihm da von dem knisternden Blatte entgegensah:
„Liebe Nichte!
Es hat lange gedauert, bis ich Deinen, mir so lieben Brief beantworten konnte, aber dennoch liegt die Veranlaffung dieses Schweigens nicht in einem Mangel an herzlicher, ver- wandtschaftlicher Zuneigung, sondern nur in dem Umstande, daß ich Erkundigungen einziehen mußte, bevor irgend eine Entscheidung getroffen werden konnte. Ich mußte erfahren, wer Dein Mann dem Character nach ist und wie seine Ver- hältniffe sind ..."
Cäcilie faltete die Hände. „Großer Gott!" hauchte sie. „Ach — Du fürchtest offenbar, daß man mir ein sehr schlechtes Zeugniß ausgestellt haben müffe, nicht wahr?"
„Lies weiter, Hansi!"
„Ich habe da wenig Gutes erfahren," fuhr der Baron fort, „Dinge, die mich zur Vorsicht mahnen, denn das Geld, welches ich mit so großer Mühe, unter tausendfältigen Gefahren und Entbehrungen zusammenscharrte, dies redlich erworbene Kapital, soll nicht in alle vier Winde zersplittert werden, besonders, da Ihr beide, Du und Ruth, weiter kein Vermögen zu erwarten habt, als nur dar, was ich Euch vermache. Deine Bitte um einen Vorschuß muß ich aus wohlerwogenen Gründen gänzlich ablehnen und ich bin überzeugt, daß früher oder später der Tag kommt, an dem Du mich dieser scheinbaren Härte wegen segnest. Lebe wohl, liebe Nichte, und der Himmel laffe es Dir allezeit gut gehen- Dein Onkel Leopold Aßmann."
Hans Adam war erschreckend blaß geworden. „Der Narr I" rief er, voll Erbitterung den Brief auf den Teppich schleudernd. „Ich möchte wiffen, wer ihm diese angenehme Auskunft ertheilt hat?"
Cäcilie schwieg. Wer? — Ach lieber Gott, als ob nicht über die Verhältnisse auf Moldt es nur eine einzige Stimme gegeben hätte! — Und Hans Adam fragte wirklich: Wer?
„Sollte Wolfram so heimtückisch gehandelt haben?" fuhr der Baron fort. „Ein Philister war er immer."
Und als Cäcilie bitterlich weinend das Gesicht in den Händen barg, erhob er sich zornig vom Sitze. „Der Thor — als könnte er mir schaden! Aßmann« Tage, nein, seine Stunden sind gezählt, er lebt vielleicht schon jetzt nicht mehr."
Cäcilie trocknete ihre Thränen. „Hansi — wenn er nun das Testament umgeändert hätte! Ich bitte Dich, wenn —" „Das ist ja unmöglich, Cilli. Nimm doch Vernunft an- Hier steht klar und deutlich: Da Ihr kein Vermögen zu erwarten habt, als nur das, was ich Euch vermache. — Er denkt also nicht an eine anderweitige Verfügung."
Die Baronin seufzte. „Gott gebe es, Hansi!"
Er ging ärgerlich auf und ab. „Es fehlt gerade noch, daß Du mir den Muth zu rauben suchst, Cilli!"
„Das will ich ja keineswegs- Du sollst nur dem Kommenden so klar als möglich in's Auge sehen, Hans. Wenn —" „Bitte! — Ich hasse jedes Wenn. Laß das Gespenst
zu nehmen- Niemand sah dabei den Ausdruck der gänzlich von den Wimpern verhüllten Augensterne. Niemand ahnte, daß das stille, verschlossene Mädchen Mühe hatte, im Taumel aller Gedanken einige Worte äußerlicher Höflichkeit hervorzubringen; das Medaillon fiel auf den Teppich, die bebenden Hände hatten es nicht halten können.
Ruth nahm den glänzenden Gegenstand auf; ihr Blick streifte dabei das lächelnde Aytlitz ihrer Schwester, als wolle sie sagen: „Bist Du denn ganz blind?"
Cäcilie schüttelte leicht den Kopf. Sie war in diesem Augenblick zu glücklich, um irgend einem störenden Gedanken Raum zu geben.
Später erst, viel später fielen ihr die verhängnißvollen Geschäftsangelegenheiten wieder ein. „Wie ist es denn mit dem (Selbe, Hansi?" fragte sie ängstlich. „Du hast es doch erhalten?"
„Natürlich, Maus; denke doch an diese Dinge keinen Augenblick."
Und seine Sorglosigkeit steckte wie gewöhnlich auch sie an. Es war zu verlockend, sich nach aller ausgestandenen Angst nun fo rückhaltlos dem Gefühl des Glückes und der neugewonnenen Ruhe hingeben zu dürfen---
Hinter verschlossener Thür in ihrem Zimmer lag Adele auf den Knieen- Zwischen beiden gefalteten Händen hielt sie das Medaillon, wie sinnlos schluchzend, außer sich vor Aufregung. An ihre Stirn preßte sie das kühle Gold, an ihre Lippen und dann wieder an die heiße, thränenüberströmte Wange.
Gold, unvergängliches Gold — und von ihm, von Hans Adam!
Einmal nur zuckte durch ihr Bewußtsein dis Frage: „Weshalb hat er mir das ganz öffentlich geschenkt?"
Aber ebenso schnell war auch die Antwort bereit: „Damit ich es ungescheut tragen, es allen Leuten zeigen kann."
Und wieder küßte sie die Platte mit dem bedeutsamen, aus kleinen blauen Steinen gebildeten Blümchen. „Ihn vergessen? — Hans Adam? — Ach!"
Und je im Leben vergessen, daß er sie einmal geküßt, einmal „Du" genannt? Daß er sie gar für kurze selige Minuten in seinen Armen gehalten?
Ein wildes, triumphirendes Entzücken durchbebte Leib und Seele. Das war ein Geheimniß, von dem Niemand wußte, als nur er und sie, ihr Eigenthum, allen Spähern und Feinden zum Trotz.
Wenn Ruth es gekannt hätte, die stolze, empfindliche Ruth ---sie würde wohl mit noch größerem Abscheu die Blicke gewandt haben, noch unnahbarer geworden sein, als sie es ohnehin schon war.
Adele lachte; sie flog vom Boden empor und setzte sich neben die brennende Lampe. „Nun noch eine Locke dunklen, krausen Haares in dieses Medaillon, dann ist es mein Altar, an dem ich bete! Und Ruth wird es niemals erfahren, niemals!"


