Ausgabe 
3.10.1893
 
Einzelbild herunterladen

- 463 B

welche» plötzlich auf das versprochene Vergnügen verzichten muß, und die Füßchen trippelten nervös und ungeduldig hin und her. Magdas ganzes Wesen war, wenn man so sagen darf, transparent, aus jeder Mene, aus jeder Bewegung sprach die heiße, ruhelose Seele.

Er hielt die feine Hand, die sich ihm entgegengestreckt hatte, heute länger fest als sonst und sah forschend in das Antlitz des Mädchens, doch dieser Blick war ein kühl und nachdenklich prüfender. Auch der schärfste Beobachter hätte kein flüchtiges Aufglühen in demselben wahrnehmen können.

Bei einer späteren Gelegenheit will ich Ihnen helfen, sich an Ihren Gegnern zu rächen, Fräulein v. Bodenstein," scherzte der Arzt, aber das Lächeln, mit dem er sich vor den übrigen Anwesenden verneigte, hatte etwas Eisiges. Eilig und eine gewisse Zerstreutheit beweisend, nahm er Abschied.

Wie seltsam Frank doch zuwellen sein kann," zürnte Magda.

Vermuthlich beschäftigt ihn gerade die Lösung eines wissenschaftlichen Räthsels," entschuldigte ihn Fritz Werner.

Nun, dann lassen wir ihn seine hohen Ziele verfolgen und nehmen unsererseits das Spiel wieder auf," sagte Rafaels ungeduldig. Das goldrothe Haar zurückschüttelnd, die Nixen­augen strahlend vor Vergnügen, griff sie nach dem zierlichen, bunt bemalten Hammer und setzte den schmalen Fuß auf den vor ihr liegenden Ball.

III.

In den äußeren Beziehungen zwischen dem Arzte und den drei Damen änderte sich nichts, und es würde ihm wohl kaum Jemand angesehen haben, daß seine theuersten Hoffnungen ge­scheitert waren. Man konnte höchstens noch tiefere Schatten auf seiner Stirn und einen noch herberen Zug um seinen Mund bemerken. Aber dieser Ernst und diese Strenge, die mit dem Hervorbrechen blendender Geistesfunken abwechselten, machten den Mann der Wissenschaft, den Denker, nur um so interessanter. Wenn Frank auch keineswegs schön und ebenso­wenig in gewöhnlichem Sinne des Wortes liebenswürdig war, so gab es doch genug unter seinen Patientinnen, die für ihn schwärmten und ihn viel glänzenderen Gesellschaftern vorzogen. E« umgab ihn eben ein gewisser Nimbus-Vielleicht wird er einst zu jenen Größen gehören, die der Stolz ihres Vaterlandes sind und sogar den ihnen Nahestehenden eine Art von Berühmt­heit verleihen," hieß es. Es handelte sich da freilich nur um ein Vielleicht aber was ist denn überhaupt sicher und ver­bürgt auf dieser Welt?

Frank bewohnte in P. mit seiner Mutter ein kleines Haus, welches ihr gehörte. Das einstöckige Gebäude umschloß nur wenig Räume. Man kam zuerst in ein ziemlich bescheiden möblirtes Wartezimmer und dann in ein schmales, einfensteriges Gemach. Hier befanden sich mehrere Bücherschränke und der Schreibtisch, von welchem ein Todtenkopf herunter grinste.

Ich mag das unheimliche Ding nicht sehen. Schließe es doch in den Schrank," sagte die alte Frau oft.Wenn ich den Staub wische, ist es mir immer, als verhöhne mich das fleischlose Gesicht."

Er bleibt auf dem Platz, den ich ihm eingeräumt habe," pflegte der Arzt mit eigensinniger Bestimmtheit zu erwidern. Ich weiß nicht, auf wessen Schultern er einst saß und was für Gedanken und Pläne ihn durchkreuzt haben mögen, aber er kommt mir vor wie ein Philosoph, der über alle irdischen Thorheiten und über die Vergänglichkeit selbst lacht. Deshalb soll mein guter Kamerad, dessen Anblick mir so viel zu denken giebt, nicht verdrängt werden."

Von der rechten Seitenwand des Arbeitszimmers aus führte eine Thür in den Salon. Dieser war bis zum Dämmer­licht verdunkelt, von allen Fenstern wallten Vorhänge herab. Hier konnte man auch eine Art Luxus bemerken. Ein dicker Teppich mit sehr sanft abgetönten Farben bedeckte den Boden. Die Tapeten zeigten ein mattes Sllbergrau. Portieren, deren Farben mit denen de» Teppichs harmonirten, verhüllten die Thüren. Bilder, Spiegel, Statuetten und Vasen fehlten. Gepolsterte Bänke zogen sich längs den Wänden hin, Arm­stühle standen in den Ecken, und von dem Plafond hing eine

große chinesische Ampel herab. Die vorhandenen Möbel schienest alle weich und schwellend, nirgends gewahrte man eine Holz, lehne. So still wie in einem verzauberten Schloß war es hier, nicht einmal das Ticken der Uhr wurde gehört. In diesem Salon nahm Frank seine hypnotischen Experimente vor. Einige nach dem Hof liegende Zimmer benützten er und seine Mutter als Wohnräume und ein Kämmerchen neben der Küche diente der Magd zum Aufenthalt.

In dem kleinstädtischen P. war es dem Arzt bisher noch nicht gelungen, rechtes Interesse für die überraschenden Wir» kungen des Hypnotismus wach zu rufen, den er hauptsächlich im Dienste der Heilkunde verwenden wollte, mithin hatte er auch noch keine nennenswerthen therapeutischen Erfolge, wie sie sein Ehrgeiz ersehnte, erzielt. Viele fanden sich wohl, von Neugierde getrieben, ein, aber der größte Theil faßte die Sache als Scherz oder pikanten Zeitvertreib auf, concentrirte die Aufmerksamkeit nicht genügend, ließ die wichtigsten Beding­ungen unerfüllt, oder gehörte überhaupt nicht zu den hypno- tisirbaren Personen.

Ein Charlatan, der durch äußeres Blendwerk den Leuten Sand in die Augen zu streuen vermag, kommt jedenfalls schneller vorwärts, mein lieber Georg," sagte Frau Frank oft.Ich will natürlich, daß Du auf dem reellen Boden bleibst, aber die Möglichkeit, anders aufzutreten, möchte ich Dir wohl gönnen. Das in allzu einfachem Gewand umhergehende Verdienst wird nun einmal von der blinden und genußsüchtigen Menge nicht genug gewürdigt."

Auf derartige Bemerkungen antwortete er ebenso kurz und ablehnend, als auf alle Fragen in Betreff Rafaelens. Seine Unterredung mit Frau v. Waldau war auch der Mutter bisher ein Geheimniß geblieben. Sie ahnte nicht, daß die Hoffnungen des Sohnes bereits den Todesstoß empfangen hatten.

Zwei Wochen zogen vorüber, und als der schönen Blon­dine Geburtstag gefeiert wurde, sandte Frank einen reizend arrangirten Blumenkorb nach Clauswitz und erschien im Laufe des Nachmittags, um dem ländlichen Feste beizuwohnen, welches übrigens einen doppelten Zweck hatte, denn Fritz Werner sollte sich verabschieden, um eine größere Universität zu besuchen und unter der Leitung des berühmten und viel genannten Pro­fessors Br. seine Studien zu vollenden. Einerseits dachte der junge angehende Arzt freilich mit Bedauern an die Abreise, denn Magdas schwarze Augen, aus denen bald Melancholie, bald schwärmerische Gluth und sinnberückende Leidenschaft, bald allerliebste Schelmerei sprachen, übten magnetische Anziehungs­kraft auf ihn aus. Das Mädchen ahnte wohl kaum etwas davon. Ihre Koketterie war eine vollkommen unbewußte; wie der Kolibri fein glänzendes Gefieder im Sonnenstrahle schillern läßt, so entfaltete sie ihre körperlichen und geistigen Vorzüge, absichtslos und ohne Berechnung.

Die jungen Landschönen, welche Rafaels um sich zu ver­sammeln liebte, brachten Frank eine besondere Ovation dar. Sie hatten gehört, daß es demselben geglückt war, zwei Ner» venleidende durch die geheimnißvolle Macht der Suggestion zu heilen, und überreichten deshalb einen Kranz, zu welchem jede eine Blume gespendet. Die herrliche, purpurrothe, in der Mitte prangende Rose war von Fräulein v- Bodensteins kleiner Hand gebrochen, während Rafaele, wohl nur der Form wegen und um dem Wunsche der Mutter zu willfahren, eine weiße Aster den bunten Blüthen hinzufügte. Schwere blaue Atlasschleifen zeigten in kunstvoll ausgeführter Arbeit die Namen der jugend­lichen Geberinnen.

Zu viel, meine Damen I Sie beschämen mich," sagte der Doctor, die Gabe in Empfang nehmend.

Zu wenig I" rief Magda.Sollte Ihr Verdienst nut annähernd gewürdigt werden, so müßten wir Ihnen Blumen, aus Edelsteinen geformt, darreichen, anstatt dieser armen, schnell verwelkenden Kinder des Sommers."

Er sagte ihr warme Worte des Dankes, doch sein Blick suchte dabei die wunderbaren, wie ein grüner See strahlenden Augen Rafaelens, und diese zeigten einen kühlen, stolzen Aus­druck, in dem man nichts von begeisterter Bewunderung wahr­nehmen konnte. (Fortsetzung folgt.)