Ausgabe 
3.10.1893
 
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Sind Sie der Ansicht, daß ich recht thue? Würden Sie mir zu« oder abrathen?"

Ein Gefühl der Hülflosigkeit zwang sie, seine Hand zu ergreifen und mit von verhaltenem Weinen zuckenden Lippen zu stammeln:

Nein, nein, so gehen wir nicht auseinander. Begrabe ich doch auch in dieser Stunde meinen liebsten Wunsch. Was ich Änderen gegenüber als Geheimniß betrachte, braucht Ihnen keines zu bleiben. Ich denke viel zu hoch von meinem werthen Freund, als daß ich ihn nicht gern in Alles einweihen sollte. Sie kennen Denjenigen, welchem meine Tochter die ersten köst- lichen Blüthen eines unentweihten Empfindens darbietet. Es ist Erich von Degenfeld."

Er?" rief Georg, und wieder flammte es wie fahles Blitzesleuchten in seinen stahlgrauen Augen auf.Gnädige Frau ich fürchte, Sie übereilten sich, indem Sie zu diesem Bunde Ihre Zustimmung gaben. Die Familie Degenfeld steht nicht im besten Rufe."

Ich weiß, worauf Sie anspielen. Erichs Bruder galt für sehr leichtsinnig"

Er mußte sogar die militärische Laufbahn aufgeben und sich im Ausland einen neuen Erwerbszweig suchen. Bisher wurde uns jedoch noch nicht verkündet, daß er über dem Ocean ein Anderer geworden sei."

Leider nein doch kann Erich trotzdem nicht ein höchst achtungswerther Charakter fein?"

Ich bestreite diese Möglichkeit nicht, meine aber, Sie hätten sich davon überzeugen müssen, ehe Sie ihm gestatteten, um Rafaele zu werben."

Die Beiden lernten sich auf dem benachbarten Gut Alt­dorf kennen, wo der jüngere Degenfeld Verwalter ist. Lange, lange sträubte ich mich, nachzugeben. Der junge Mann hat ja eigentlich gar keine Aussichten, indeß wurde er mir als ein sehr tüchtiger, fleißiger und solider Mensch geschildert. Seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Oekonomie verbürgen wenigstens, daß er Clauswitz dereinst vorzüglich bewirthfchaften wird; und so ließ ich mir denn meine Einwilligung abschmeicheln unter der Bedingung, daß die Verlobung erst in einem Jahr veröffentlicht wird, wenn ich mir ein sicheres Urtheil über den künftigen Schwiegersohn gebildet habe."

Während Frau v. Waldau sprach, vermochte sie den Blick nicht von den grauen, unschönen und doch so feffelnden Augen abzuwenden. Es war, als sauge sie Muth au» ihnen.

Sie dürfen nicht im Zorn von mir scheiden, lieber Frank, Sie dürfen mich nicht verlassen in dieser schweren Zeit," seufzte sie, sich zurücklehnend.

Zu zürnen habe ich keinen Grund, denn mir wurde kein Versprechen gebrochen," erwiderte er,aber ob ich jemals wiederkomme das ist eine andere Sache. Der Selbst­erhaltungstrieb wird mich wohl zwingen, Clauswitz künftig zu meiden."

O nein, aus diesen Worten weht mir etwas Fremdes, Unverständliches entgegen. Es liegt zu viel Kraft und Energie in Ihnen, als daß Sie scheuen sollten, den Kampf mit sich selbst aufzunehmen. Ich bin eine alleinstehende Frau und wenn ich Sie bitte, sich meiner anzunehmen, mir zu helfen, wo ich zweifelnd nicht den rechten Weg zu finden weiß werden Sie es mir dann verweigern?"

Gnädige Frau Ihnen und Rafaele vermag ich jedes Opfer zu bringen," erwiderte Frank, mit nervöser Hast über seine feuchte Stirne wischend,aber ich bin ja auch nur ein Jrrthümern unterworfener Mensch vielleicht ist die Mei­nung, welche Sie von mir hegen, zu hoch, vielleicht verdiene ich Ihr unbegrenztes Vertrauen nicht. Meine Ehrlichkeit zwingt mich, Sie zu warnen. Sagen wir uns heute lieber auf immer Lebewohl I"

Rein, Georgi Gestatten Sie mir, Sie bei Ihrem Vor­namen zu nennen. Es mag süß sein, wenn eine Mutter sich, um Rath und Hülfe flehend, an ihren Sohn wenden darf. Mir wurde dieses Glück nicht zu Theil mein kleiner Walter schläft längst unter dem Hügel, den ich Jahr für Jahr mit frischen Blumen schmücke allein bin ich, allein mit meinem

oft so furchtbar belasteten Herzen, und Keinen weiß ich, der mir sagen kann und will:So mußt Du handeln jenen Weg mußt Du gehen I" Wollen denn auch Sie mit kaltem Egoismus von mir scheiden, weil ich möglicherweise voreilig handelte? Mein Gott, ein Mann ist doch stärker, als ein armes, hülfloses Weib, das immer nur der augenblicklichen Eingebung folgt, well es von dem Herzen und nicht von dem Verstände beherrscht wird. Geben Sie mir Ihr Wort, daß an unseren Beziehungen nichts geändert wird."

.Soll ich das, so muß ich erst ein heiliges Versprechen von Ihnen fordern."

Was verlangen Sie?"

Tiefstes Schweigen über unsere Unterredung. Was ich Ihnen vertraute, muß wie in Grabesnacht geborgen bleiben."

Es war nichts, dessen Sie sich zu schämen brauchen."

Rein, aber eine schmerzende Wunde verträgt keine Be­rührung. Soll ich ferner Clauswitz besuchen, so darf Rafaele keine Ahnung von meinem Geständniß haben. Ich will nicht, daß sie ihre Unbefangenheit mir gegenüber verliert. Den Schmerz der getäuschten Hoffnung zu überwinden, wird mir ja wohl, wenn auch nicht leicht, gelingen, denn ich verfolge höhere Ziele, bei denen dasIch" in den Hintergrund tritt - aber wünschen Sie, daß die mir theuer gewordene Gewohnheit, als Arzt und Freund in diesem Hause zu verkehren, auch ferner fortbesteht, so muß ich auf Ihr unbedingte» Schweigen rechnen dürfen."

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß keine Silbe von Dem, was ich hörte, je den Weg über meine Lippen findet."

Und ich baue auf dieses Versprechen! Die Freundschaft und Achtung, welche ich stets für Sie empfand, ist nur noch inniger geworden."

Diese Versicherung macht mich stolz und gewährt mir süßen Trost."

Frank zog die Hand seiner alten Freundin an die Lippen.

In vierzehn Tagen feiern wir den Geburtstag meiner Tochter. Richt wahr, Sie werden bei dem kleinen Feste nicht fehlen?"

Es müßten denn unbezwingliche Hindernisse mich ab­halten"

»Ich hoffe bestimmt, daß Sie einige Stunden für un» erübrigen."

Wenn ich bis dahin die nöthige Ruhe gefunden habe, sollen Sie mich in dem Kreise Ihrer Gäste nicht vermissen. Jetzt bitte ich um Erlaubniß, Abschied nehmen zu dürfen- Ich muß allein sein."

Auf Wiedersehen, mein theurer, verehrter Freund! Möchte es mir doch vergönnt werden, mich einst an dem Glücke aller Derer, die meinem Herzen nahe stehen, zu erfreuen."

Auf Wiedersehen!"

Festen Schrittes ging Frank in den Garten hinab. Er mußte doch eine bewunderungswürdige Herrschaft über sich selbst besitzen. Stolz ausgerichtet war seine kraftvolle Gestalt, wie aus Erz gegossen schienen die unregelmäßigen Züge seiner interessanten Gesichts, nur aus den tiefliegenden Augen schoß es wie eine Flammengarbe, als ihr Blick Erich v. Degen- selb streifte.

Magda flog über die smaragdene Wiefenfläche dahin, ihm entgegen.

Schnell, schnell, Herr Doctor! Sie sollen mein Partner sein- Ich bin fortwährend im Verlust. Mit wahrer Sehn­sucht wartete ich schon auf Sie."

m Alles zitterte und zuckte vor Lebhaftigkeit an dem queck- silbernen Geschöpfchen.

Leider muß ich darauf verzichten, Ihnen in diesem kleinen Kriege helfend zur Seite zu stehen, Fräulein v. Boden­stein," erwiderte Frank.Ich komme nur, um Abschied zu nehmen. Wichtige Angelegenheiten, deren Erledigung keinen Aufschub duldet, zwingen mich, nach P. zurückzukehren."

O, und ich hoffte, Sie würden uns diesen Abend schenken.

Wie schnell der frohe Ausdruck in dem zarten Gesichtchen erlosch! Wie sich die mächtigen Brauen fast zürnend zusammen­zogen! Der rothe Mund bebte, wie der eines verzogenen Kinde»,