Nr. 116.
1893
Untevhaltrmgsblatt zriin Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzeigev)
Dienstag, den 3. Oktober.
Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Fortsetzung.)
Frank fühlte sich wie vom Schwindel erfaßt. Als habe er feuerigen Wein getrunken, so glühte seine Stirn. Nun galt es, des Lebens höchstes Glück von dieser Frau mit dem freundlichen, milden Lächeln, mit den klugen, guten Augen zu fordern, die ihn so mütterlich herzlich bat, zu sprechen.
Wie die Leidenschaft ihn durchbrauste I Welch' glänzende, hinreißende Beredsamkeit sie ihm lieh! Ganz blaß wurde die alte Dame. Thränen perlten langsam über ihre Wangen und fielen auf die ineinander verschlungenen Hände.
„Mein lieber, lieber Freund," erwiderte sie, als er endlich schwieg, „wohl nie war ich so überrascht und bewegt, als in dieser Stunde. Daß die Liebe in Ihre Brust eingezogen ist, ahnte ich längst, meinte aber immer, Sie hätten unsere kleine Magda erkoren."
Er schüttelte den Kopf. „Ein seltsamer Jrrthum! Fräulein von Bodenstein ist mir werth und theuer. Ich rettete sie von schwerer Krankheit und erfreue mich ihres unbegrenzten Vertrauens. Schon deshalb werde ich ihr immer warmes Interesse bewahren. — Rafaels aber gehört meine ganze Seele, und ich halte es für unmöglich, jemals an der Seite eines anderen Weibes das Glück zu finden. Noch liebt sie mich nicht, das weiß ich, aber einem so allmächtigen Gefühle, wie ich es ihr darbringe, wohnt auch allmächtige Gewalt inne. Mit ruhelosem Eifer will ich den Gipfel des Ruhmes zu erreichen suchen, um ihr ein schönes, sonniges, beneidenswerthes Dasein zu bereiten, jeden Stein will ich ihr aus dem Wege räumen und sie empor heben über das Kleinliche, Ernüchternde, was ihren Sinn verletzen könnte. Der Gedanke: „Alles geschieht für siel" wird zum kräftigsten Hebel meiner Bestrebungen werden. Geben Sie mir das Recht, um Rafaele zu werben, und es wird, — es muß mir, wenn auch erst in ferner Zeit, gelingen, ihr keusches, stolzes Herz zu gewinnen."
„Ganz gewiß würde es so kommen, wäre dieses Herz noch frei," erwiderte Frau v. Waldau mit tiefem Bedauern.
„Und das ist nicht der Fall?" rief Frank. Wie eine Gewitterwolke oft jäh den Horizont verdüstert, so wurde der Ausdruck seines Gesichts finster und beinahe unheilkündend.
Die alte Dame, welche mit betrübter Miene vor sich hin blickte, bemerkte es nicht.
„Nein —" sagte sie. „Sie haben offen und ehrlich gesprochen, und ich bin Ihnen ebenfalls vollste Aufrichtigkeit
schuldig. Keinem Anderen würde ich so gern wie Ihnen die Zukunft meiner Tochter anvertrauen — aber Rafaele hat bereits gewählt. Ich wollte, es wäre nicht geschehen, denn mich so recht einverstanden zu erklären, bin ich außer Stande."
„Und dennoch machten Sie Ihre mütterliche Autorität nicht geltend?"
Es klang so scharf und tadelnd, daß Frau v. Waldau beinahe erstaunt empor fah.
Frank mochte fühlen, er habe sich von seiner Erregung zu weit sortreißen lassen.
„Verzeihen Sie meine Heftigkeit — aber das Glück eines so theuren Wesens darf doch nicht gefährdet werden, und wenn Sie kein Vertrauen zu dem Manne faffen können, dem es vielleicht gelungen ist, durch einige glänzende Eigenschaften das unerfahrene Mädchen zu blenden, so wäre es beffer, noch jetzt eine andere Entscheidung zu treffen. In dem alten Sprüch- wort: „Bester kurzer Schmerz, als lange Reue!" scheint mir tiefe Lebensweisheit zu liegen."
„Da gebe ich Ihnen ganz recht, lieber -Doctor, man muß indeß auch die Verschiedenartigkeit der Charaktere in Betracht ziehen. Rafaele zeigt in allen Dingen eine Entschlossenheit und Ausdauer, die eigentlich mit ihrem jugendlichen Alter in Widerspruch steht und ist in mancher Hinsicht stärker als ich. Zwar hängt sie mit innigster Zärtlichkeit an mir und würde wohl kaum meinen angstvollen Bitten ein hartes „Nein" entgegensetzen, aber vermag denn ein menschliches Auge überhaupt zu ergründen, was die Zukunft unter ihrem Schleier birgt? — Weiß ich, was meinem Kinde zum Heil oder zum Unheil gereicht? — Sie liebt den jungen Mann und geht vielleicht vereinsamt und verdüstert durch das Leben, wenn ich sie von ihm trenne. Rafaele gehört, glaube ich, zu den Frauen, die ihr Herz nur einmal verschenken, aber dann für immer. Ueberdies habe ich ja bis jetzt gar keinen Grund, die Wahl als eine unwürdige zu erklären. Möglicherweise macht mich ein Vorurtheil ungerecht."
„Es ist wohl Ihr Wunsch, diese Verlobung bis auf Weiteres geheim zu halten?"
„Allerdings. Ich möchte Zeit gewinnen, zu prüfen - zu beobachten — —"
„Dann darf ich natürlich weder hoffen, noch bitten, daß Sie mir nähere Mitthellungen machen?"
Frank erhob sich, aber die alte Dame empfand sein Scheiden wie einen Schmerz - ja, mehr noch, es kam ihr vor, als verliere sie eine Stütze und stehe plötzlich allein auf sturmumbrauster Haide. Seit Jahren war sie gewöhnt, bei jeder Gelegenheit zu sagen: „Was meinen Sie, lieber Doctor?


