gebe es auch noch Heiden, trotzdem sie getauft seien. Er ließ jetzt eine Pause von 20 Minuten eintreten und während derselben sein wohlgetroffenes Portrait verkaufen, welches für fünfzig Pfennig reißenden Absatz fand, so daß bald der Vorrath ausverkauft war. Nach Verlauf der Pause betrat Hu« Chi-Bin wieder die Tribüne und erläuterte nun die Sitten und Gebräuche in China. Zum Zeichen der Trauer gehe man anstatt schwarz, schneeweiß. Die Leute gingen nicht nebeneinander, sondern hintereinander (Rufe: Gänsemarsch!) die Rufnamen werden nicht vor, sondern hinter den Familiennamen gesetzt, sein Rufname sei Chi-Bin. Die Europäer effen Kartoffeln und werden dick (Gelächter), die Chinesen effen Reis und «erden auch dick; Milch trinken ste nicht, auch effen sie kein „Kraut", keine Salate, sondern nur Reis, etwas Gemüse und Schweinefleisch. Die Chinesen begrüßen sich nicht mit Händedruck, auch sagen sie nicht „Mahlzeit", sondern nach Mittag: „Haben Sie viel Reis gegeffen?" (Allgemeine Heiterkeit.) Getrunken werde nur Thee, aber reiner, denn der hier getrunken werde, fei da schon oft getrunken und wieder getrocknet und nochmals verkauft worden; wenn man zur Gesellschaft gehe, trinke man 30 bis 40 Tassen Thee. „Ist das viel?" so fragte Hu die Versammlung. (Rufe: Ja!) „Rein, denn die Taffen sind ganz klein, so ungefähr wie Puppentaffen I" Es gebe doit keinen Sonntag, keinen Ruhetag, keinen Festtag, es werde immerfort gearbeitet. Nachdem Hu nun auch noch die Geschichte der kleinen Füße der Chinesinnen erläutert, sang er zum Schluß ein chinesisches Lied mit dem Text: „Ich bin ein Pilger auf dieser Welt." Die Versammelten sangen ihm zum Dank auch ein deutsches Lied vor und gingen dann auseinander.
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Eheleuten und Arbeitgebern ertheilt Jemand folgende guten Rathschläge: Ein älterer Pfarrer pflegte jungen Ehepaaren als Hochzeitsangebinde folgenden Rath zu ertheilen: „Wenn Ihr einmal uneins seid — das kann ja in der besten Ehe vorkommen — dann sage nur Eins zum Anderen: „Lieber Mann (oder liebe Frau), eins von uns hat heute nicht seinen guten Tag, wir wollen den Streit vertagen bis übermorgen!" Die den Rath befolgt haben, werden inne geworden sein, daß „übermorgen" der Gegenstand des Streites, wenn er nicht gar schon vergeffen war, doch zunächst so kleinlich erschien, daß es nicht mehr lohnte, darum zu streiten. An den klugen, alten Pfarrer wurde ich erinnert, als mir dieser Tage ein Arbeitgeber Mittheilung über sein Verhalten gegen seine Arbeiter (meist verheirathete Leute) und Arbeiterinnen machte. Nach mehrjährigen Erfahrungen, sagte er, habe ich es mir zum Gesetz gemacht, nie einem Arbeiter in der Aufregung über ein von ihm begangenes Versehen oder eine Ungehörigkeit eine Strafpredigt zu halten oder gar zu kündigen, ebensowenig eine in der Aufregung ausgesprochene Kündigung, anzunehmen. Ich sage in solchen Fällen immer ganz einfach: Wir wollen morgen darüber sprechen- Ich habe dann fast immer die Genugthuung, daß am nächsten Tage der Arbeiter, wenn ich allein mit ihm spreche, sein Unrecht zugiebt. Sehr ost haben mit, die Leute gedankt, daß ich ihnen Zeit zur ruhigen Ueberlegung gelaffen hatte, das sind dann meine zuverlässigsten Arbeiter geworden. — Die Nutzanwendung mag sich Jeder selber machen.
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Sibirische Gräuel, lieber das Verbanntenwesen in Sibirien machen die „Times" neuerliche Mittheilungen aus den Schilderungen von Felix Wolkowsky, welchem es «ach elfjähriger Verbannung aus Sibirien zu entkommen gelang. Kennan, welcher ihn als Verbannten kennen lernte, hat in Ausdrücken hoher Achtung von ihm gesprochen, so daß seine Darstellung wohl Glauben verdient. Am bemerkenswerthesten sind seine Schilderungen des Gefängniffes zu Tomsk, welches als Depot für die nach Oststbirien Verbannten dient. Statt dieses Gefängniffes ist den Sibirien Bereisenden, auch wenn sie vom Ministerium die Erlaubniß zur Besichtigung erhalten,
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stets das am anderen Ende der Stadt gelegene Provinzial. Gefängniß für jugendliche Verbrecher und zu leichterer Haft Verurtheilte gezeigt worden, woraus sich die verhältnißmäßig günstigen Berichte erklären. Der Aufenthalt in dem kleinen, unbeschreiblich schmutzigen, kaum ventilirten Gefängniß zu Tomsk ist geradezu entsetzlich. Die Zellen sind stets überfüllt und es herrschen in ihnen genau die furchtbaren Zustände, welche Kennan geschildert hat. Der Typhus wüthet unausgesetzt. Da es kein Hospital dort giebt, so bleiben die Kranken beisammen, ja so und so oft kommt es vor, daß fogar die Tobten noch tagelang in den ohnehin schon verpesteten Zellen liegen bleiben und die Luft mit Leichengeruch erfüllen! Die Nahrung in dem Gefängnisse, aus grobem, schwarzem Brod und meist aus einer dünnen Kohlsuppe bestehend, ist viel zu schmal bemessen, das Brod wird den Gefangenen wie Hunden vorgeworfen, und um jeden Bissen wird zwischen den Hungrigen grimmig gekämpft. Den durch Krankheit Geschwächten bleibt nichts übrig, als in einer Ecke den Tod abzuwarten. Auch was Wolkowsky über die mehr als ungenügende Versorgung der Gefangenen mit Kleidern berichtet, bestätigt Alles, was Kennan an Haarsträubendem in dieser Richtung erzählt hat. Zu den abscheulichsten gehört, daß die weiblichen Gefangenen, wenn die für sie bestimmte Abtheilung überfüllt ist, einfach in die Männerabtheilung mit eingepfercht werden. Die Unsittlichkeit ist daher eine furchtbare und das Loos der eingesperrten weiblichen Gefangenen ein entsetzliches. Wärter und Kosaken betrachten sie als ihre Sklavinnen, jeder Widerspruch wird als Insubordination mit Knutenhieben auf den nackten Körper geahndet. Peitschenhiebe und Tortur wird in weitestem Umfange inl ganzen Gefängnisse angewandt und zwar oft ohne Befehl der höheren Beamten; Beschwerden gelten als Insubordination! Die in die Quecksilberminen Verschickten sehen meist das Tageslicht nie wieder; nur ihre Leiche gelangt wieder — nach etwa fünf Jahren durchschnittlich — an die Oberfläche. Während der Arbeit in den Minen geht ihnen in den giftigen Quecksilberdünsten das Haar aus, ste verlieren die Zähne und die Gelenke schwellen an. Ein großer Thril dieser Unglücklichen wird noch dazu ohne jedes richterliche Er- kenntniß, ja ohne daß überhaupt der gegen ste vorliegende Verdacht genannt wird, zu diesen Höllenqualen verdammt. Tausende sind schon auf diese gräßliche Art Opfer der rohesten Willkür geworden.
Boshaft. „Anna, können Sie 'ne Gans tranchiren?" — „Jawohl, Herr Meyer! ' — „Dann gehen Ste 'mal 'rauf — Schwägerin kann sich wieder nicht allein ausziehen !"
Berechtigte Frage. *Gast: „Herr Wirth, wie heißt dieser Wein?" — Wirth: „Warum denn?" — Gast: „Nun, wenn er getauft ist, muß er doch Zeinen Namen haben."
Militärische Blumen*sprache. Feldwebel: „Bomben und Granaten! Huber, Sie treten ja gar mit zerrissener Hose an! Am Knie schaut Ihnen das bloße Pergament heraus!"
Aus einer Vertheidi*gungsred e. „... Bedenken Sie nur, meine Herren, daß der Angeklagte den Einbruch in stockfinsterer Nacht vollbrachte, wo die Unterscheidung zwischen „Mein" und „Dein" eine sehr schwierige war."
Deutschverderber. Gast (zum Kellner): „Bringen Sie mir also Dörrfleisch!" — Ungar: „Dummer Schwob! Kennt nit einmol seine aigenen Muttersprach. Haißt ja doch nit „der" Fleisch, sondern „dos" Fleisch!"
Nicht verlegen. Gefängniß-Jnspector: „Es soll bei Ihrer Arbeit möglichst die frühere Beschäftigung berücksichtigt werden. War sind Sie gewesen?" — Sträfling: „Anarchist. — Jnspector: „Hm, hm, kann zum Straßensprengen verwendet werden."
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


