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hörter Weise zu beschimpfen. Aber die hochgehenden Wogen des Zornes vermochten seine Selbstbeherrschung nicht lange zu erschüttern. Noch ehe Hallenstein geendet, war er äußerlich wieder gefaßt und ruhig; aber die eisigkalte Entschlossenheit, die sich jetzt in seinen Zügen ausprägte, würde dem ehemaligen Rechtsanwalt, wenn er hätte ein Zeuge dieser Unterredung sein können, vielleicht noch weniger behagt haben als die früheren Ausbrüche einer nur zu begreiflichen Wuth.
„Du magst unbesorgt sein," sagte er. „Ich werde die beleidigte Ehre meiner Braut zu rächen wissen, wie es meine heilige Pflicht ist, und jener Nichtswürdige wird eine Strafe empfangen, die er bis an das Ende feines Lebens nicht mehr vergißt. — Ich selber bin an diesem Abend nicht fähig, Elfriede zu sprechen, und ich bin überzeugt, durch mein Fernbleiben nur ihren eigenen Wünschen zuvor zu kommen. Du aber sollst nicht länger zögern, zu ihr zu eilen und sie zu beruhigen, soweit unter diesen traurigen Verhältnissen von einer Beruhigung die Rede sein kann. Sage ihr, daß meine Liebe nicht minder stark sei, als die ihrige, und daß sie in jeder Probe bestehen werde. Sage ihr — doch nein, sage ihr nichts weiter, als daß ich sie liebe und sie wird daneben keiner überflüssigen Betheuerungen mehr bedürfen I — Du aber, mein armer Ernst —"
Der junge Doctor machte eine abwehrende Handbewegung.
„Fangen wir nicht erst noch einmal an, von mir zu reden, Bernhard! -«• Mein Schicksal ist ja besiegelt und abgethan- Ich danke Dir von Herzen für die Milde und Güte, welche Du in dieser schweren Stunde für mich gehabt hast und wenn Du dereinst an der Seite meiner Schwester so glücklich sein wirst, als Du es verdienst, magst Du zuweilen mit einer kleinen Regung des Mitleids zurückdenken an einen armen Verlorenen, der zwar schwer gefehlt, doch sicherlich auch schwer gebüßt hat- — Gute Nacht!"
Er hatte es geflissentlich vermieden, dem andern seine Hand zum Abschied darzubieten; denn er mochte wohl fürchten, daß der Staatsanwalt die Hand des Fälschers zurückweisen würde; aber er war noch an der Thür, als Rodewaldt ihm nacheilte und ihn in seins Arme schloß.
„Gute Nacht — mein armer, armer Freund!"
Zwei schwere, brennend heiße Thränen rannen über Ernst Hallensteins Wangen; dann aber riß er sich fast gewaltsam los, winkte noch einmal mit der Hand und stürzte aus dem Zimmer.
Erst als sein Schritt auf der Stiege bereits verhallt war, fiel dem Zurückgebliebenen die Bedeutsamkeit feiner letzten Worte schwer auf die Seele. Und mit einem Male durchzuckte i.n wie ein Blitzstrahl das rechte Verständniß derselben — die Erkenntniß, daß der Richter, dem Ernst Hallenstein sich seinem Versprechen gemäß nicht entziehen wollte, ein anderer sei als der, an welchen er selber dabei gedacht. Es war kein Zweifel, daß der Unglückliche sich mit dem Gedanken an einen Selbst» inord trug, und wenn der Staatsanwalt irgend etwas übernehmen wollte, ihn an der Ausführung zu hindern, so durfte er jedenfalls keine Minute ungenutzt verlieren. Ohne Besinnen griff er dann nach seinem Hute und eilte auf die Straße hinab, fest überzeugt, daß der Doctor noch keinen großen Vorsprung gewonnen haben könne.
Die spärlich beleuchtete Straße war still und ganz von Menschen verlassen. Auch von dem Gesuchten sah Bernhard Rodewaldt in der abendlichen Dunkelheit nicht» mehr; aber er hatte in schnellster Gangart noch nicht fünfzig Schritte zurückgelegt, als er aus geringer Entfernung den scharfen Knall zweier rasch aufeinander folgender Schüsse und unmittelbar danach die wohlbekannte Stimme des jungen Arztes vernahm, der in schmerzlichen Lauten rief: „Ach — Mörder — Mörder Man hat mich erschossen!"
Mit Daransetzung seiner ganzen Kraft eilte der Staatsanwalt auf die Stelle zu, wo das Entsetzliche sich zugetragen haben mußte. Die Finsterniß hinderte ihn noch daran, irgend etwas von dem Geschehenen zu erkennen, plötzlich aber gewahrte er eine lange, dunkle Gestalt, die geräuschlos wie ein Schatten, dicht an die Mauern der Häuser geduckt, dahinhuschle.
„Wer da? — Halt!' schrie er sie an, und da dec Un« bekannte seinen fluchtartigen Lauf jetzt nur noch schneller fort- etzte, holte er ihn mit einigen Sätzen ein und packte ihn in eisernem Griff mit beiden Fäusten.
„Hund — verdammter! Laß mich los — oder es kostet Dich Dein Leben!" zischte es ihm entgegen, und mit schier ibermenschlicher Anstrengung suchte der Ergriffene sich seinen Armen zu entwinden. Rodewaldt rief laut um Hilfe; denn er fühlte, daß trotz seiner überlegenen Kraft der Ausgang des Kampfes mit diesem Verzweifelten ein sehr ungewisser sei. Mit aller Anstrengung seines hageren, sehnigen Leibe» trachtete Jener danach, los zu kommen, während der Staatsanwalt versuchte,, seinen Gegner zu Boden zu reißen. Dabei taumelten sie in' ihrem wilden Ringen wohl um ein Dutzend Schritte weiter bis in den Lichtkreis einer düster brennenden Laterne, — und als der flackernde Schein auf das Antlitz des Staatsanwalts fiel, schrie plötzlich der Andere, während seine Arme wie vom Entsetzen gelähmt schlaff herabsanken, gellend auf: „Du — Du — I Tod und Teufel — ich habe einen Unrechten getroffen I" —
Ein Faustschlag Bernhard Rodewaldt» hatte ihn niedergestreckt und er machte kaum noch einen weiteren Versuch, sich zur Wehre zu setzen. Wenige Minuten später hatten zwei - durch die Schüsse und das Geschrei herbeigerufene Schutzleute den ehemaligen Rechtsanwalt Julius Stirner mit auf den Rücken gebundenen Händen in ihre Mitte genommen. Bernhard Rodewaldt aber kniete neben dem regungslosen Körper eines Tobten, dessen junges und doch schon so verfallenes Antlitz im Augenblick des Sterbens einen wundersamen Ausdruck beinahe heiteren Friedens angenommen hatte.
Einer von den Neugierigen, die sich rasch angesammelt hatten, hob das Mordwerkzeug auf, mit welchem das Verbrechen vollführt worden war, einen zierlichen, anscheinend sehr kostbaren Revolver mit stlbertauschirtem Lauf.
Drei Monate später standen sich Doctor Julius Stirner und Bernhard Rodewaldt noch einmal in demselben Schwurgerichtssaale gegenüber, in welchem dereinst der Grund zu ihrer Feindschaft gelegt worden war. Aber die Rollen waren wesentlich anders vertheilt, als bei jener Verhandlung gegen den Mörder des geizigen Fräuleins. Der Staatsanwalt, der inzwischen in einen anderen Gerichtsbezirk versetzt worden war, trat heute nur als Belastungszeuge auf, — der ehemalige Ver- theidiger aber saß auf der Bank der Angeklagten, und sein Leben war es, um welches heute die ehernen Würfel geworfen wurden. Die Beschuldigung, welche gegen ihn erhoben war, lautete auf vorsätzliche Tödtung eines Menschen und fein Schicksal schien im Vorhinein besiegelt, denn er war ja unmittelbar nach Verübung der ruchlosen That auf dem Schauplätze derselben ergriffen worden, und die Fülle der Belastungsmomente, welche die Anklage während der Voruntersuchung gegen ihn zusammengetragen, war von geradezu erdrückender Wucht.
Und der wegen seines Scharfsinns einst so hoch gerühmte Rechtsanwalt war denn auch viel zu klug, um seine Sache durch zweckloses Leugnen zu verschlimmern. Er hatte sich vielmehr für eine andere Tactik entschieden, von der er aus seiner Praxis wußte, daß sie sich schon mehr als einmal gut bewährt habe. Er verweigerte einfach jede Aussage, wie er es schon bei seiner ersten Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter gethan, und er überließ es dem Gerichtshöfe, den Beweis für feine Schuld zu erbringen. Wenn auch der Eindruck, den ein solches Verhalten auf die Geschworenen hervorbringen mußte, ohne Zweifel ein für den Angeklagten ungünstiger war, so wurde doch dadurch auch zugleich bei den ängstlicheren Naturen unter ihnen manche von jenen Zweifeln wachgehalten, mit denen zart besaitete Gemüther die verworfenen Handlungen ihrer Mitmenschen zur eigenen Beruhigung gern in ein milderes Licht zu rücken versuchen.
Es wurde durch die Beweisaufnahme als unzweifAhast festgestellt, daß die beiden Kugeln, durch welche Doctor Ernst


