Ausgabe 
3.8.1893
 
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Untephaltung-blatt jttm Gießen«»- Anzeige»- (Geneval Anzeige»-)

Nr. 90

1893

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Donnerstag, den 3. August.

Der Staatsanwalt.

Novelle von Wolfgang Hellmuth.

(Schluß.)

Bernhard Rodewaldt neigte bejahend das Haupt.

Es ist keine Verletzung meiner Pflicht, wenn ich diesem Verlangen willfahre, und sollte man eine solche dennoch darin erblicken, so nehme ich die Verantwortung auf mich. Hast Du sonst noch einen Wunsch, durch besten Erfüllung ich Deine Lage zu erleichtern vermag?"

Nein keinen Wunsch mehr; nur eine Frage. Ich gedenke noch an diesem Abend Abschied zu nehmen von meiner Schwester. Soll ich ihr irgend einen Auftrag von Dir über» bringen?"

Der Staatsanwalt sah ihn verständnißlos an.

Einen Auftrag? - Was sollte ich ihr gerade durch Dich zu sagen haben?"

Das heißt: Du selber wünschest ihr mitzutheilen, was Du ihr nicht ersparen kannst? nicht wahr?"

Ich verstehe Dich immer weniger. Willst Du Dich nicht etwa deutlicher erklären?"

Nun, ich meine, die Erklärung läge nahe genug. Die Verhältnisse sind nicht mehr dieselben wie an jenem Abend, da Du Dich um die Hand meiner Schwester beworben. Du wirst Dich ohne Zweifel erinnern, wie ungeschickt und tactlos ich mich damals mit der vorzeitigen Bekanntgabe Eures Verlöb» nisses und mit meinem Eifer, dasselbe überhaupt herbeizusühren, benahm. Ich las Dir's vom Gesicht ab, wie verstimmt Du darüber warst, und Du hattest ja auch ein gutes Recht dazu. Aber die Angst vor einer Entdeckung, die mich seit der Stunde peinigte, da ich den verhängnißvollen Federzug gethan, sie war es, welche auch an diesem meinem Beginnen ihren Antheil hatte- Ohne daß ich mir darüber klar gewesen wäre, welcher ? einer Katastrophe daraus erwachsen

>Ee, hatte ich ern rnstinctives Verlangen, mich Deiner Freund« schäft zu versichern und es war etwas wunderbar Beruhigen« des für mich in dem Gedanken, daß die engsten Verwandtschaft« sichen Bande uns verknüpfen sollten. Ich armer Thor hatte x f Besinnung genug, um mir zu vergegen«

wärtigen, daß Du in lebem Fall Deine Schuldigkeit thun mußtest und daß jene Bande überdies für zerrissen gelten konn­ten in dem nämlichen Augenblick, da die Voraussetzungen nicht mehr zutrafen, unter denen Du meiner Schwester Deine Hand angetragen. Um die Tochter eines ehrlichen, unbescholtenen Hauses hast Du gefreit, nicht um die nächste Verwandte eines

Wechselfälschers und Betrügers. Alle Welt wird es nur selbst­verständlich finden, wenn Du Dein Verlöbniß an dem näm- lichen Tage aufhebst, an welchem meine Schande vor der Oeffentlichkeit ruchbar wird."

Das also war es, worauf Deine räthselhaften Worte abzielten I Nun, Du mußt es in der That sehr wenig auf­richtig gemeint haben mit Deiner Freundschaft für mich, wenn Du mich einer so jämmerlichen Characterlosigkeit, einer so feigen Verrätherei für fähig halten konntest. Welchen Antheil hat Elfriede an Deinem Vergehen? Und was kümmert mich die Meinung der thörichten Welt?"

Auf dem verwüsteten Antlitz des jungen Arztes leuchtete es noch einmal auf wie ein Sonnenstrahl wirklicher Freude.

Bernhard, ist das Dein Ernst? Meine arme Schwester soll also nicht büßen für meine Schuld? Du wirst Dein Wort einlösen trotz Allem, was geschehen ist und was etwa noch weiter geschehen könnte?"

Wie durftest Du daran zweifeln? Deine Handlungs­weise konnte mich in einen Zwiespalt bringen mit meiner Pflicht, nimmermehr aber in einen Zwiespalt mit meiner Liebe für Elfriede. So lange sie selber das Versprechen nicht be­reut, welches sie mir gegeben"

Sie?" unterbrach ihn Ernst Hallenstein stürmisch.O, Du weißt ja gar nicht, wie sehr sie Dich liebt wie tapfer sie Alles zum Opfer bringen wollte um Deines Besitzes willen! - Noch hast Du ja nicht Alles gehört, was ich Dir zu be- richten habe. Ich zögerte, Dir auch dies Letzte zu erzählen, weil ich Deine Gesinnung nicht kannte und weil ich fürchtete, das Unglück zu beschleunigen, dar ich über Elfriedens geliebtem Haupte schweben sah. Nun aber darf ich ruhig sprechen; ja, ich habe die Pflicht dazu; denn ich weiß, daß Du ihrer Hand­lungsweise keine unwürdige Deutung geben und daß Du nicht zögern wirst, als ihr Verlobter zu rächen, was ihr Bruder leider nicht mehr zu rächen vermochte-"

Und er erzählte erst jetzt von der Bedingung, die ihm Julius Stirner gestellt, von seiner Unterredung mit Elfriede und von ihrem Besuch in der Wohnung des ehemaligen Rechts­anwalts. Als er mit anschaulicher Lebhaftigkelt, die durch die Frische der Erinnerung bis zu heftigster Erregung gesteigert wurde, die schmachvolle Scene schilderte, die ohne seine Da­zwischenkunft vielleicht ein ungleich schlimmeres Ende für Stirner genommen haben würde, da schien auch Bernhard Rodewaldt für eine kurze Zeit seine Fassung zu verlieren. Er stürmte mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder; alle Muskeln seines Antlitzes waren in heftigster Bewegung und er stieß wilde, abgebrochene Verwünschungen gegen den Elenden aus, der es gewagt hatte, das geliebte Mädchen in so uner«