Ausgabe 
3.6.1893
 
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hat seine Cousine jahrelang an der Nase herumgeführt I Möchte nicht fragen, ob ihr väterliches Erbtheil beisammen. Hahaha, wovon hätte er denn verschiedentlich bei Wiesel Deckung gegeben? Lebt, als könnte er ein paar Rittergüter an den Mann bringen. Wessen Geld? Sein Vater, kannte ihn wie mich selbst, heirathete in grünen Jahren, fing dann nach seiner Frau Tode zu leben an, war noch zeitig genug, lernte es aus dem ff, blieb nichts für den Jungen. Seine Tante, die alte Jungfer, ist imens reich, aber ein Geizdrache! Der windet nur der Tod den Schlüffe! zum Geldkasten aus der Hand. Frage nochmals: woher das Vermögen?" Vertraulich klopfte er bei den letzten Worten dem Obersten auf die Schulter. Können sich d'rauf verlassen, die schöne Malten bringt ihrem Zukünftigen, haha, wenn noch Einer anbeißt, an Gold nichts zu, als was ihr über den Nacken rollt. Nun sie passee und nichts mehr da ist, ließ er sie sitzen, angelte die Schönholz; hat auch ihre Hunderttausend baare Mitgift, weiß das genau! Meine Elsa hätte er noch lieber genommen, machte ihr auf's Angestrengteste den Hof lange vor der Schönholz. Aber meine Elsa ist ein kluges Kind! Hat sich dafür bedankt, mit ihrem Geld das lecke Schiff flott zu machen! Meine Elsa ist nicht die Malten, sieht nicht auf hübsche Taille und glattes Gesicht. Meine Elsa schätzt am Mann nur die Männlichkeit! Das Alter eines Bewerbers wäre ihr gleichgiltig, auf Ehre, ganz gleichgiltig, Herr Oberst!"

Leonore hatte sich bis zum Ende der Gallerte getastet. Dort mußte eine Thür nach dem kleineren Nebensaal und den Seitenräumen führen. Richtig, da war der Thürgriff. Mit fiebernder Hand drückte sie ihn nieder.

Ein Zimmer öffnete sich vor ihr, nur durch einen schmalen Lichtstreifen erhellt, der aus dem Nebenzimmer, dessen Thür nicht fest eingedrückt war, hereinfiel.

Leonore ließ sich auf den nächsten Stuhl nieder. Sie fühlte sich an Leib und Seele gebrochen, müde, lebensmüde. Lachen, Gläserklirren und abgerissene Worte klangen von drüben her an ihr Ohr. Jüngere Offiziere saßen dort.beim Cham­pagner und ließen sich's wohl sein.

Ob's Kamerad Malten versteht?" hob jetzt eine unan­genehm helle Stimme an.

Leonore erhob sich. Sie wollte das Zimmer verlassen und blieb dennoch wie gebannt stehen.

Keiner hat's besser los," fuhr der Sprecher fort. Schade um ihn, daß er ein solider Ehemann werden will und unserer lieben Falle gestern sür immer Valet gesagt hat. Aber würdiger hat sich noch kein Junggeselle verabschiedet und wenn ich einmal heirathe, gibt's ebenso famose Abschiedsfeier. Wetter, der Spaß, als mit dem Zwölfuhrschlag die Thür auf­sprang und die Matrosen hereintanzten."

Donnerwetter ja, war brillante Ueberraschung," bestätigte ein Anderer,so fidel wie gestern, wollte sagen heute vier Uhr, sind wir selten auseinandergegangen. Ballet erheitert immer! Machte mich sogar den eoloffalen Verlust vergessen! Sollte übrigens verboten sein, solch' rasendes Glück im Spiel, wenn man so brillante Partie macht."

Hast wohl Ursach', Klagelieder anzustimmen," fiel ihm ein Anderer in's Wort.Wette, Hans gewann nicht zum zehnten Theil zurück, was Du ihm im letzten Monat abge­nommen."

Was willst Du, Ruler? - Höchste Uneigennützigkeit- fördert Maltens Glück bei den Frauen," schnarrte ein Anderer. Möge es ihm hold bleiben! Stoßen wir an! Kamerad Malten ein Hoch!"

Hoch das Spiel! Der Wein! Unsere liebe Falle!" tönte es im wirren Durcheinander.Die Balletschule nicht zu ver- gessen! Last not least: unsere Balletschule soll leben, vivat crescat floreat!"

Gläserklirren und übermüthiges Lachen folgte dem letzten Ausspruch.

Leonore lachte mit, als habe die Ausgelassenheit der Offi­ziere sie angesteckt. .

Gnädiges Fräulein!"

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Sie schrak zusammen bei dieser unerwarteten Anrede aus nächster Nähe- Ihr Lachen brach jäh ab.

Mein gnädiges Fräulein," klang es nochmals leise von Werners Lippen, der dicht bei ihr stand.Die gnädige Frau war um Sie besorgt und bat mich, Sie aufzusuchen," entschul« digte er die Störung.

Sie hatte ihm den Kopf zugewendet und war dabei in den Bereich des Lichtscheins gekommen. Ihre schmalen Brauen waren noch im Ausdruck herbsten Schmerzes nach der Nasen­wurzel zu hochgezogen. Sie sah den Maler erst ganz verstände nißlos an, dann blitzte ein Strahl des Erkennens in ihren Augen auf, zugleich blickten sie finster und mißtrauisch. War er eben jetzt erst zu ihr getreten ober hatte er schon vor ihr im Zimmer geweilt? Sie wußte sich nicht Antwort darauf zu geben; denn ihre Sinne waren nur für das geschärft ge­wesen, was neben ihr vorging.

Lassen Sie uns über die Gallerie nach dem Saal gehen," bestimmte sie. Sie sprach heiser und abgebrochen; das allein verrieth den Aufruhr ihres Innern. Ihrem Aussehen war nichts mehr anzumerken, die vornehmen Züge trugen schon wieder den Stempel gleichgiltiger Gelassenheit-

Dieser Ausdruck war ihr früher nicht eigen gewesen. Werner wußte nur zu gut, woher er stammte.

Er hob den zu Boden gefallenen Spitzenshawl auf und wollte ihn um ihre Schultern legen.

Danke, ist nicht nöthig," wehrte sie eisig ab und schritt hastig voran. In die kalte Nachtluft hinaustretend, stockte ihr plötzlich der Athem; sie meinte, ersticken zu müssen- Ein Schwindel überfiel sie. Es war ihr, als stürze sie in eine unermeßliche Tiefe, ihre Hand griff nach einem Halt, ein un- artikulirter Laut entrang sich ihrer Brust. Paul war ihr rasch zu Hilfe gesprungen und hielt die Sinkende Das schöne, stolze Weib lag willenlos in seinem Arme. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, die seidenweichen Locken schmiegten sich an seinen Hals. Er beugte sich über sie. Sein Athem ging rascher, alles Blut stieg ihm zu Kopf. Der starke eigenartige Duft ihrer Haare strömte ihm sinnberauschend entgegen. Heiße Gluth und innigstes Mitleid wallten in ihm auf und raubten ihm die Ueberlegung.

Arme, arme Leonore," kam es leise wie ein Hauch über seine Lippen, denen das üppige Haar so verführerisch nahe war. Die Versuchung war zu groß. Wieder und wieder be­rührte sein Mund die weichen, duftigen Wellen- Seiner Er­regung nicht mehr Herr, preßte er die Ohnmächtige in stür­mischer Zärtlichkeit an sich. Da durchlief ein Beben ihre Glieder, sie kam zu sich. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihn zurückfloßen und sich aufrichten, sank aber hilflos an seine Brust zurück. Noch war sie unfähig, sich allein zu halten und mußte es dulden, daß er sie weiter stützte.

Beruhigen Sie sich," bat er flehend,schonen Sie sich! Es ist zu viel auf Sie eingestürmt. Sie hätten die Einladung ablehnen und der Hochzeit fern bleiben sollen. Ich werde die gnädige Frau davon benachrichtigen, Sie möchten sich lieber zurückziehen. Darf ich den Wagen für Sie befehlen?' Seine feste männliche Stimme klang bestrickend weich, jeder Laut war eine Liebkosung.

Sie aber hörte nur das Eine heraus, daß sie Mitleid er­weckte, Mitleid! Er durchschaute ihr Leid und wagte, ihr davon zu sprechen. Der Gedanke durchzuckte sie wie ein elec« irischer Schlag. Sie stieß den haltenden Arm von sich und stand hochaufgerichtet da- Ihre Schwäche war im Nu über­wunden.

Ich verstehe Sie nicht, Herr Werner," sagte sie eigen» thümlich gedehnt und klanglos.

Er erschrak im innersten Herzen. Er war zu weit ge­gangen; sein Mitgefühl hatte sie verletzt.

Ich hatte etwas schnell getanzt," fuhr sie immer noch gedämpft, aber mit nachdrücklicher Betonung fort,ich wollte mich erfrischen und begab mich ganz unvermittelt aus dem heißen Saal in den kalten Nebenraum. Das rächte sich. Sie werden bis zum Ende der Festlichkeit vollauf Gelegenheit haben, sich von meinem Wohlbefinden zu überzeugen." (Forts, f.)