Ausgabe 
3.6.1893
 
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Nnterchaltnngsblatt zunr Giehenev Anzeigev (Gsneval-Anzeigev)

Nr. 64

1893.

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Samstag, den 3. Juni.

Verschlungene Pfade.

Roman von Max Hochberg.

(Fortsetzung).

War das ein Gedränge an der Kirchthür, als die Hoch­zeitsgäste anfuhren! Hauptsächlich armes Volk, Frauen und Kinder, standen dort, die nicht in die Kirche hineingehen mochten, weil sie dann die Zeit der Trauung hindurch hätten aushalten müssen und der Superintendent war wegen seiner langen Reden gefürchtet. Den Staat aber mußte man sehen, eine so vor­nehme Hochzeit gab es nicht alle Tage.

Ein Laut der Bewunderung entschlüpfte den Lippen der Gaffenden; Leonore von Malten stieg aus. Meergrüne Seide umrauschte sie und floß in langer Schleppe nach. Ein Perlen­collier umschloß den schön geformten Hals; im Haar trug sie Knospen der Wasserrose und Schilfgras. Sie sah undinen- haft aus.

Ganz die hochselige Gnädige," flüsterte die alte Zeitungs­trägerin, die sich zunächst der Thür behauptet hatte. Sie war einst Küchenmädchen bei Leonorens Großmutter gewesen.Ganz die Hochselige! Die Frau Fürstin verschwand neben ihr- Das ist die Schönste von der ganzen Hochzeit!"

Nein, die Braut ist allemal die Schönste! Das bringt schon der grüne Kranz mit sich!" ereiferte sich ihre Nachbarin.

Der Wagen mit den Brautleuten hielt eben und Erna von Schönholz entstieg ihm.

Ja, ja, die Schönste, wenn nicht die schöne Malten dabei wäre I" rief eine dicke Obsterin mit schallendem Marktton. Sie durfte sich ein ausschlaggebendes Urtheil erlauben: hatte sie doch ihren Kram im Stich gelassen und der zweifelhaften Ob­hut ihres Jungen anvertraut, um eine eigene Meinung zu haben. Ihr dreister Blick glitt musternd an der Braut her­nieder, von dem gebrannten aschblonden Stirnhaar bis zu dem myrthenbesetzten Atlasschuh.

Erna hatte sich jäh nach Hans zurückgewandt, als erheische sie von ihm eine Rüge für die ihr in's Gesicht geschleuderte Unverschämtheit.

Seine Lippen preßten sich aufeinander; sie verschwanden unter dem Bart. Er bot ihr wortlos den Arm und schritt rasch vorwärts.

Der Küster schlug die Thüren zurück.

Sie hat sich umgesehen, das darf man nicht! Sie läßt ihr Glück hinter sich," schallte es dem Paare nach.

Drinnen waren alle Plätze int Schiff und auf den Em»

poren, soweit sie gute Aussicht nach dem Altar boten, feit Langem besetzt.

Puh, diese verdorbene Luft," ächzte der dicke Oberst­lieutenant von Toffsky,wer doch den Athem anhalten könnte. Man hätte sich die Heizung ersparen sollen bei dem Volks­zulauf. Die Kirche ist ja gepfropft voll, beinahe wie im Militärgottesdienst oder in der Charfreitagsmusik bei freiem Eintritt. Nicht, scheußliche Luft, Herr Oberst?"

Ein Zischeln ging durch den Raum.

Na, endlich," fuhr er fort,Gott sei Dank, das Braut­paar! Jetzt kann der heilige Actus beginnen."

Ganz meine Meinung," erwiderte mit verbindlichem Neigen des Kopfes sein Nachbar, Oberst von Strehlen, ein Ver­wandter der Schönholz'schen Familie. Ein im Feldzug davon- getragener Schuß in das Knie hatte ihn dienstunfähig gemacht. Nach mehrjährigem Aufenthalt im Süden befand er sich seit kurzer Zeit wieder in der Residenz. Er hatte kein Wort von den Aeußerungen des Oberstlieutenants vernommen. Sein Auge hing an sLeonore von Malten, deren Lider tief gesenkt waren und es auch beim Kommen des Brautpaares blieben.

Der Superintendent ging gravitätischen Schrittes zum Altar. Die Ceremonie begann.

Nur einmal sah Leonore auf und ein scheuer Blick flog nach dem Brautpaare hinüber. Ihres Vetters klangvolle Stimme sprach das bindendeJa". Es tönte so fest und freudig, als habe er im Leben nur das eine Glück ersehnt, die neben ihm stehende zierliche Gestalt mit dem blassen, schmalen Gesicht und dem leicht sich vertiefenden Zug um den kleinen Mund sein zu nennen.

Der Platz an des Bräutigams Seite kam ihr von Rechts­wegen zu; Leonore sagte es sich mit unsäglicher Bitterkeit; ihre Lippen zogen sich nach innen, die feinen Nasenflügel vibrir- ten, ihre Wimper zerdrückte die aufsteigende Thräne. Sie ver­suchte aufzusehen und ihr Blick traf dabei in den ihres Gegen­übers. Jähes Roth überpurpurte ihre Wangen, Stirn und Hals. Der Oberst hatte ihr verhaltenes Weinen bemerkt, sein sprechendes Auge, das nicht von ihr abließ, verrieth seins Theilnahme.

Sie schämte sich ihrer Schwäche und fühlte sich unangenehm berührt durch den Gedanken, der Gegenstand seiner Aufmerk­samkeit zu sein. Eine sonderbare Unruhe bemächtigte sich ihrer. Sie versuchte eine gleichgültige Miene zur Schau zu tragen; statt dessen legte sich ein Zug eisiger Unnahbarkeit in ihre Züge, der erst nach beendeter Ceremonie einem freund­licheren Ausdruck wich.

Paul Werner war zu ihr getreten, um gleichzeitig mit ihr die von den älteren Anverwandten umringten Neuvermählten