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kostbares Geschenk, wenn die Stunde dafür gekommen scheint, Ruth?"
Ein Schatten aufrichtigster Trauer senkte sich über die junge Stirn; Ruth sah seufzend zu Boden.
„Hätte ich Kostbares zu verschenken, Herr Wolfram?"
„Darf ich später meine Bitte aussprechen?" wieder« holte er.
Und da sah sie ihn an- „Jal — Ja!"
Er küßte zärtlich ihre kleinen, immer noch in den {einigen ruhenden Hände Auf das Wort von ihren Lippen durste er bauen in allem Wechsel, das wußte er.
Dann war die bewilligte Frist verstrichen, und als er die Stätte des tiefsten menschlichen Elendes verließ, da schlug sein Herz voll jubelnder Freude. Kein Maientag war ihm jemals so schön, so herrlich erschienen, wie dieser eisige Novemberabend.
Er ließ das Pferd ausgreifen so schnell es nur mochte, er ließ den kalten Nordorst sich um die Stirn wehen. In seinem Inneren blühte mit tausend hellleuchtenden Sonnen das Paradies des Glückes.
Hans Adam war bei allen Amtspersonen der Stadt gewesen, er hatte den Gefängniß-Jnspector besucht und wunderte sich nun höchlichst, daß trotzdem gar nichts ausgerichtet worden war. Auch den Commerzienrath wollte er, als dieser nicht auf Moldt erschien, persönlich nochmals bestürmen; aber er mußte vor der Thür wieder umkehren.
Der Herr Commerzienrath ist für den Herrn Baron nicht zu Hause, hieß es, und als Hans Adam zum zweiten Male Nachfragen ließ, da wurde ihm durch den Lakaien der unverhüllte Bescheid, man wünsche keinen weiteren Verkehr.
Der Baron wandte sich ab, wie von einem Messerstich getroffen. Dieser elende Wucherer I
Es war, um am Aerger zu ersticken.
Und so kam Hans Adam gegen Abend dieses schreckensvollen Tages nach Moldt zurück, ohne auch nur einen Schimmer von Hoffnung mit sich zu bringen-
Tante Anna saß weinend am Ofen, die Dienerschaft schlich auf leisen Sohlen durch das Haus, überall waren die Fenstervorhänge herabgelassen — ein Zustand, den Hans Adam zu den schrecklichsten des Lebens zählte. Er ertrug es nicht, ohne Anregung von außen zu bleiben; er haßte die Stille und das Alleinsein.
In dieser Nacht quälten ihn schwere Träume; im Halbwachen hörte er Stimmen, die ihn anklagten, ihm mahnend zuriefen. Er fuhr plötzlich auf und horchte. „Willibald, bist Du hier?"
Dann ließ er die Taschenuhr repetiren- Erst drei — unmöglich konnte der Bankdirector um diese Stunde nach Moldt gekommen fein.
Er wollte ihn ja auch nicht empfangen. Auf keinen Fall. Was konnte es nützen, eine qualvolle Stunde umsonst zu durchleiden ?
In dieser dunklen, endlos langen Winternacht sagte sich Hans Adam zum ersten Male, daß es doch wohl besser gewesen wäre, damals die Katastrophe über sich hereinbrechen zu lassen, als so entsetzlichen Gewissensbissen Thür und Thor zu öffnen. Er hätte wenigstens das kaum erblühte Glück seines Jugendfreundes nicht mit sich in den Abgrund gerissen.
Nun mußte das Schlimmste geschehen — und ganz umsonst. Das gab der Wunde erst ein ätzendes Gift — ganz umsonst. Ob die Vernichtung einige Monate früher oder später hereinbrach, was war dadurch gewonnen?
Dann dachte der Baron an Ruth. Es mußte ihm ja gelingen, ihren Widerstand zu überwinden, aber doch nicht mehr rechtzeitig- Bis sich das Alles vollzog, kam Moldt unter den Hammer.
Und schaudernd schloß der einsame Mann die Augen. Gespenster, wohin er blickte, schlimme Erinnerungen und noch schlimmere Erwartungen ohne Zahl.
Ebenso trostlos wie die Nacht verging auch der Morgen des darauffolgenden Tages. Es kam Niemand, Alles lag todesstill im weißen Schneegewande; selbst der Brief von Willibalds
Hand, den Hans Aham erwartet hatte, blieb aus. Weshalb doch der Bankdirector nicht antwortete?
Er war erzürnt, beleidigt auf das Aeußerste und erfüllt von Verzweiflung; das Alles ließ sich begreifen. Aber er hätte doch auch anerkennen können, daß ihm fein Freund eine mehr als glänzende Entschädigung in Aussicht stellte — er hätte nicht so hartnäckig schweigen dürfen.
Hans Adam fragte zweimal nacheinander, ob wirklich kein Brief aus der Stadt angekommen fei.
Zwecklos, von innerer Unruhe gefoltert, ging der Baron aus einem Zimmer in das andere. Er dachte nicht mehr an Ruths Schicksal — diese lächerlichen Beschuldigungen mußten ja in sich zusammenfallen, — er dachte nur an das, was sich in den Räumen der Bank an diesem Morgen vollzog.
Armer Willibald! — Was sollte er den Revisoren antworten ?
Es lief heiß und kalt durch die Adern des Barons; er bemerkte nicht, daß eine Droschke den Kiesweg herauf kam und erst, als das Gefährt ganz in der Nähe war, schrak er plötzlich aus.
Ob Ruth zurückkehrte?
Er öffnete ein Fenster und beugte sich hinaus, um dann erschreckend zurückzufahren. Die da kam, war Willibalds Fran. Sie hatte ihn schon gesehen, ihm einen eiligen Gruß zugewinkt; er konnte sich nicht mehr verleugnen lassen-
Auch das noch I Er empfand etwas wie den Gedanken an Flucht; er wußte, fühlte, daß die Dinge nicht mehr lange so fortgehen konnten.
Dann meldete der Diener den Besuch, und Hans Adam mußte als höflicher Mann sprechen, obwohl ihm die Kehle wie zusammengeschnürt war. Er ging der Dame mit erkünsteltem Lächeln entgegen.
„Frau Director! — Sie kommen, um uns Ihre Theil« nähme auszusprechen — wie gütig von Ihnen."
Frau Willibald wurde roth; in ihre Augen traten große Thränen. „Die arme Ruth," sagte sie mit unsicherer Stimme. „Ich weiß."
„Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Director. Tante Anna wird sogleich erscheinen."
Aber die junge Frau schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht lange bleiben, Herr Baron — e« ist nur eine Frage, die ich Ihnen stellen möchte."
Der Baron verbeugte sich. „Ich bitte, Frau Director."
Sie sah ihn ängstlich an- „War Willibald heute Morgen hier, Herr Baron? Oder haben Sie von ihm irgend eine Nachricht erhalten?"
Er zuckte die Achseln. „Durchaus nicht!" brachte er mit Mühe hervor. „Weshalb die Frage, gnädige Frau?"
Sie sank wie gebrochen in sich zusammen. „Willibald ist heute Morgen zur gewohnten Stunde aus dem Hause gegangen, aber in der Bank nicht angekommen, Herr Baron. Was kann das bedeuten?"
Hans Adam erschrak so heftig, daß es ihm Mühe kostete, sich aufrecht zu halten. „Nicht angekommen?" wiederholte er. „Unmöglich."
„Es ist so. Der Buchhalter hat mir zweimal nacheinander einen Boten in’s Haus geschickt und ehe ich bann hierher kam, überzeugte ich mich persönlich. In der Bank ist Willi« bvld nicht gewesen."
Hans Adam trocknete die Stirn mit dem Taschentuch, obwohl das Zimmer ungeheizt und infolge dessen die Luft bitterkalt war. „Unbegreiflich!" sagte er beinahe stammelnd.
(Schluß folgt.)
Setöstverstümmeümg 6ei Mieren.
Von Dr. Ludwig Staby.
—---- (Nachdruck verboten.)
Wenn wir in Folgendem über eines der interessantesten und merkwürdigsten Kapitel aus dem Thierleben sprechen wollen, so ist es zuvörderst nöthig, den Begriff Selbstverstümmelung etwas näher zu charakterisiren und abzugrenzen. Unter Selbst-


