Ausgabe 
2.3.1893
 
Einzelbild herunterladen

Nehmen wir an, es sei so. Wenn ich Ihnen das Schrift­stück übergeben hätte, so müßten Sie den Behörden gegenüber eine Ausflucht ersinnen, zum Beispiel daß der Brief unerbrochen in dem Zimmer der Baronin gefunden worden sei oder Aehn- liches. Ich will aus dem Spiele bleiben."

Das sollen Sie!" rief Erich.Ich verspreche es Ihnen-"

Auf Ihr Ehrenwort?"

Ja. Und nun geben Sie mir den Brief."

Sie schloß die Handtasche auf und reichte ihm das Blatt. Ich glaube, jetzt kann unsere Unterredung als beendet gelten, Herr Wolfram."

Das ist auch meine Anstcht. Versöhnen Sie sich mit dem Himmel in Bezug auf den geleisteten Meineid und seien Sie versichert, daß Ihnen Fräulein Aßmann vollständig ver- zeiht."

Während er das Zimmer verließ, hörte er, daß Adele laut auflachte, aber der Ton klang nicht spöttisch, wie sie be­absichtigt haben mochte, sondern schauerlich. Die Gesellschaf- lerm stand am Fenster, dessen Vorhänge sie zurückgeschlagen hatte, und sah in die Winternacht hinaus.

Ein Meineid war es also, was sie geschworen hatte?

Aechzend schlug Adele ihre beiden Hände vor das eiskalte Gesicht. Sie mußte nun hinaus in die unbekannte Ferne und unter fremden Menschen eine neue Stellung suchen wie bisher. In der Umgebung von Moldt war nichts zu finden gewesen, obgleich ste den letzten Tag dazu verwendet hatte, sich persön­lich überall zu erkundigen. Und so hieß es denn unerbittlich: Weiter! Weiter!"

Irgendwo würde ja für eine kranke Dame oder eine lärmende Kinderschaar jene ftiHe Gestalt gesucht werden, die immer zu lächeln versteht, die von keiner Ungeduld weiß und keinem Zuviel der aufgebürdeten Pflichten. Dahin begab sie sich, des Joches gewohnt, ohne Hoffnung oder Freude.

Aber hinter ihr standen jetzt Gespenster. Die Erinnerung an alle Gedankenfäden, mit denen sie Jahre lang Cäciliens Krankenbett umsponnen, die Sturmnacht an der See die trostlosen Worte, welche Wolfram hier vor einigen Minuten gesprochen.

Und das Alles würde nie, nie bis an's Ende wieder ver­gessen werden können.

O, über das verlorene, verfehlte Leben!

Mit Sturmesfchritlen eilte Wolfram durch das dämmernde Grau des Wintermorgens zum Telegraphenamt und gab an den Untersuchungsrichter in der Heimath zur Weiterbeförderung an Ruth eine Depesche folgenden Inhalts auf:Habe den Brief, Alles gut."

Dann erst nahm er sich im Bahnhofshotel ein Zimmer, schloß die Thüren und las den Inhalt des bedeutungsschweren Schreibens.

Meine liebe Adele!

Es sind Abschiedsworte, die ich mit schwindenden Kräf­ten in der letzten Stunde meines Lebens an Sie richte, ge­rade an Sie, weil Ihnen Aller bekannt ist, was in meiner Seele vorgeht, weil Sie auf das Genaueste wissen, wie ich denke und fühle, welche Absichten es sind, die mich erfüllen. In einer Stunde habe ich aufgehört, zu athmen, Adele! Ein schauriger Gedanke, der sich wie eine kalte Hand an das Herz legt, ein schwerer, beklemmender Entschluß, aber das darf mich nicht beirren, nicht zurückschrecken. Mein armes, leidenvolles Leben ist ja ohnehin verfallen; die Tage desselben sind gezählt, was verschlägt es da, wenn ich an­statt des einen, mir verordneten Pulvers deren sechs zugleich nehme? Alle, die ich liebe, werden durch meinen Tod befreit aus schweren Banden; Hans Adam, der lebenslustige, nach Freude und Genuß dürstende Hans Adam soll meine liebe Ruth heirathen und bekommt dadurch zugleich eine schöne junge Frau und außerdem das Vermögen, dessen er so sehr bedarf. Die Sonne von Moldt wird erst über meinem Grabe in voller Herrlichkeit aufgehen.

Ueber das Alles haben wir hundertmal niiteinander ge­sprochen, Adele, nicht deutlich zwar und ganz unverhüllt, aber uns Beiden verständlich. Sie sahen, wie sich meine Seele zum Entschluß durchrang, und ich därf wohl sagen, Sie waren es, die mich die Rothwendigkeit desselben erkennen ließ. Wir verstanden uns im Größten und Kleinsten, daher sind Sie es, der meine letzten Worte gelten. Ich müßte viele, viele Seiten schreiben, wollte ich den Meinigen aus­einandersetzen, was mich in den Tod treibt, Ste dagegen können mündlich Alles erklären, können auf Grund unseres Einverständnisses bezeugen, daß ich ein Opfer bringe Denen, die mir lieber sind als selbst das Leben.

Und nun noch ein Wort von mir. Gott ist die Liebe. Gott ist allwissend sein Auge wird in meinem Herzen die Schatten der Sünde entdecken, wo ich selbst nur einen Altar der innigsten, reinsten Liebe errichtet habe. Wo ich geben, aber nicht gewinnen will? Ich kann es nimmer glauben.Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig." Das gilt auch für mich. Adieu, Adele, sagen Sie Allen meine letzten Grüße und nehmen Sie die Ver­sicherung freundschaftlicher Zuneigung von

Ihrer Cäcilie v. Moldt."

Wolframs Herz war auf das Tiefste erschüttert. Er sah im Geiste das schöne, lebensfrische Mädchen von kaum achtzehn Jahren, wie es seine eigene Hand zum Traualtar geleitet an Hans Adams Seite und dann die stille Leidensgestalt auf dem Ruhebett, die unnatürlich großen, sorgenden Augen. Immer neue Bedrängnisse, neue quälende Fragen erwuchsen aus dem grenzenlosen Leichtsinn des Barons, aus seiner Verschwendung, seinem gänzlichen Mangel an Besonnenheit; das Alles hatte Cäciliens Leben aufgezehrt und ihren klaren Verstand um* nachtet, bis sie zuletzt jener ränkevollen Adele in die Hände fiel und nun allen Halt, allen sicheren Boden verlor.

Arme Cilli! Wie wohlberechnet, mit welcher grausamen Consequenz mochte die Gesellschafterin ihre Seele umgarnt haben. Und Alles auch ihrerseits eines Jrrthums wegen.

Der Brief der Tobten wurde sorgfältig verwahrt, Wolf­ram trank eine Taffe heißen Kaffee und nahm dann nach eini­gen Stunden, als der Zug abfuhr, ein Coupee für sich allein.

Sobald die Räder rollten, streckte er sich aus und schloß behaglich die Augen. Jene gliederlösende Ruhe nach erstritte- nem Siege, die köstliche Ermüdung dessen, der einen Kampf glücklich zu Ende geführt, bemächtigten sich seiner und ließen ihn schlafen, bis am Abend der Zug in der Heimath anlangte.

Wolfram begab sich in die Wohnung des Richters, über­lieferte ihm Cäciliens Brief und bat um nichts Geringeres, als feine Mündel sehen zu dürfen, nur im Gefängniß und auf wenige Minuten.

Es kostete einige Ueberredung, bis der Mann des Gesetzes einwilligte, dann aber gab er den Erlaubnißschein für den Gefängniß-Jnspector und Wolfram durfte das Sprechzimmer der Anstalt betreten, um mit klopfendem Herzen zur Thür zu blicken, bis Ruth eintrat.

Dann streckte er ihr beide Hände entgegen, stumm im Anfang, keines Wortes mächtig.

Wie blaß sie war, wie groß die Augen.

Selbst der grauhaarige Wächter in der Ecke empfand Mitleid.Gott wird Alles herrlich hinausführen," murmelte er.Es ist ja kein Mensch, der die unsinnige Geschichte glaubt."

Weder Wolfram noch Ruth hörten ihn. Hand in Hand standen ste sich gegenüber und nur einzeln fielen die Worte von ihren Lippen.

Steht in dem Brief Genaueres?" flüsterte mit purpur­nem Erglühen das junge Mädchen.

Alles, Alles Sie dürfen sich ganz beruhigen, Fräu­lein Aßmann."

Ach! Und das thaten Sie für mich, mein einziger, wahrer Freund. Ich werde Ihnen nie vergelten können."

Das wissen Sie nicht," kam es aus der Tiefe feines redlichen Herzens hervor.Soll ich Sie bitten dürfen um ein