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darfst nicht sterben, meinetwegen nicht! Wir leiden gemeinsam, das sei unser Trost. Ich werde es überwinden, Dich an Ernas Seite zu sehen- Ich werde es tragen, wie ein Mann; verlaß Dich darauf, Haus! Und Du darfst mir, dem schwachen Weibe, nicht nachstehen!"

Seine Linke greift nach der zitternden Hand, welche auf seinem Arm ruht und faßt sie secundenlang mit festem Druck. Ihr ist die kurze Berührung gleichsam ein heiliges Versprechen, das ihre schlimmsten Befürchtungen beschwichtigt. Ihre Wim» pern sind tief gesenkt. Sie kämpft die aufsteigenden Thränen nieder, so entgeht ihr sein Aufathmen und der Ausdruck der Erleichterung in seinem Gesicht.

Aber der scharfe Blick des Malers hat Alles wahrgenom­men, auch die veränderte Farbe Leonorens und den Zug herben Wehs, der die Mundwinkel herabzieht, dem erzwungenen Lächeln zum Trotz

Die wenigen Schritte bi« zu den Harrenden wurden wortlos zurückgelegt.

Frau von Malten hatte bei ihrem Neffen verschiedene Er­kundigungen einzuziehen, und der Offizier blieb an ihrer Seite; es ergab sich ganz von selbst und ihm war sehr damit gedient- Er bemühte sich nach besten Kräften, das Gespräch nicht inr Stocken kommen zu laffen und seine Tante gut zu unterhalten. Das andere Paar war minder lebhaft. Die zerstreuten, theil- nahmlosen Antworten, die Werner auf seine Fragen erhielt, belehrten ihn bald über die Unzweckmäßigkeit seiner Bemüh­ungen, seine Gefährtin für irgend ein Thema zu interesstren. Er gab es auf, richtete anscheinend sein Augenmerk auf Alles, was ihm in den Weg kam und that eine und die andere Aeußerung, die keine Erwiderung erheischte.

Die spielenden Kinder auf der Straße und die Spatzen auf dem Dach schienen ihm Spaß zu machen, während er un­ausgesetzt das schöne Mädchen zu seiner Rechten beobachtete und sich den Kopf zerbrach, was wohl zwischen ihr und dem Vetter vorgefallen sein möchte.

Daß Hans und Leonore sich nicht nur als Verwandte nahe standen, wußte er mit unumstößlicher Gewißheit; tausend kleine Anzeichen, die jedem Anderen entgangen wären, hatten es ihm seit Jahr und Tag verrathen. Sie mußten sich er­zürnt haben, ernstlich erzürnt; denn eines nichtigen Streites halber hätte die stolze Leonore schwerlich ihre Fassung soweit verloren, einem Bekannten Fragen schuldig zu bleiben. Ging sie nicht wie eine wandelnde Statue neben ihm her, mit leerem Blick geradeaus starrend, als sei die Welt sür sie tobt? Es that ihm in tiefster Seele weh, nichts für sie thun, nicht ein­mal eine theilnahmvolle Frage wagen zu dürfen.

Frau von Malten hielt vor einem großen, säulengeschmück­ten Hause an.Leonie," wandte sie sich zu ihrer Tochter, was mir einfällt, wir könnten der Frau Oberstlieutenant gleich unsere Visite abstatten."

Die Damen verabschiedeten sich und an der nächsten Straßenecke trennten sich die Wege der Herren. Werner ver­sank in Nachdenken darüber, wie es zugehen mochte, daß der Lieutenant so heiter und übermüthig aufgelegt gewesen, während seine Cousine es nicht vermocht hatte, sich zu beherrschen. Leonore litt auf's Tiefste, das hatte er gesehen. Die Santoro* sche Winterlandschaft trat vor sein geistiges Auge- So unge­fähr malte er sich ihre seelische Stimmung. Wie hatte ihr schöner Vetter das Bild genannt ? Unsäglich trostlos, aber weshalb?

Schon die nächste Woche sollte dem Maler Ausklärung bringen.Erna von Schönholz und Hans von Malten" be­sagten die großen Lettern der Verlobungsanzeige. Sie erregte hochgradiges Aufsehen in der Residenz und wurde in allen Kreisen ein Langes und Breites besprochen. Die Leute schüt­telten den Kopf darüber. Jedermann hätte darauf geschworen, Hans und seine Cousine müßten ein Paar werden und nun sollte man sich getäuscht haben. Sämmtliche Freundinnen Leonorens sie nannten sich wenigstens so strengten ihr Combinationsvermögen an, um auszuklügeln, an welcher Klippe Äeser Lebensbund Schiffbruch gelitten. Jeder Anhalt fehlte. Nach der Verlobung des Lieutenants blieb fein reger Verkehr mit den Verwandten derselbe. Die stolze Leonore begegnete

der Braut ihres Vetters überaus freundschaftlich, was sie sicher nicht gethan haben würde, wäre sie mit Hans in Wahrheit so eng verbunden gewesen, wie man gewähnt.Dazu wäre Leonie viel zu stolz!" vertheidigten sie die Jüngeren.Ober klug genug, bett Schein zu wahren!" urtheilten'die durch Er- fahrung Gewitzten.

Das junge Paar hatte es eilig mit der Hochzeit. Der Trousseau der Braut wurde in kürzester Zeit in ersten Ge­schäften fertig gestellt.

Herr von Schönholz hatte seiner Nettesten zum Hochzeits- geschenk eine reizende kleine Villa im maurischen Stil gekauft, im neuen, seit zwei Jahren im Westen erstandenen Stabttheil gelegen- Der Frontseite gegenüber befattb sich ein prachtvoller Park mit uralten Bäumen, einem Teich unb einem auf einer künstlich hergestellter Anhöhe erbauün Schlößchen. Ein reicher Russe, der in der kleinen Stadt die Geliebte seiner Herzens gefunbeu, hatte bie Anlagen geschaffen. Gegenwärtig wohnte dort ein steinalter, kinberloser Präsident.

Erna fand, Papa habe mit bet Erwerbung der Villa wirklich eine glückliche Wahl getroffen.

Leonore beschenkte bie Braut mit einigen unter Werners Leitung von ihr gemalten Aquarellen und der Maler verehrte ihr eine liebliche Frühlingslandschaft, hell, heiter und sonnig, damit sie auch des Bräutigams Beifall habe.

Der Maler sollte bei der Hochzeit die Schwester der Braut führen. Sie war seit einem Jahre der Schule glücklich ent­ronnen und hatte es zum Neid ihrer Freundinnen durchgesetzt Erna und Asta waren bie beiden Einzigen und durften eben Alles, die langweiligen Musikstunden mit den ewigen Etüden gegen den Unterricht im Malen zu vertauschen Es hatte einen harten Kampf gekostet, aus dem der kleine Trotz­kopf, dank der Gutmüthigküt ihres Papas, siegreich hervorging. Den zweiten Kampf verursachte bie Wahl des Lehrers. Erna hatte den alten Hofmaler vorgeschlagen, von dem Asta nichts wissen wollte. Alle im Institut hatten für den Vampyr ge­schwärmt. In den Handarbeitsstunden bei dem altersschwachen Fräulein, das seine Autorität nicht zu wahren wußte, pflegte eine von ihnen am Saalfenster Posten zu stehen- Kehrte der Maler vorn Essen imHirsch" nach seiner Wohnung zurück, etectrifirte einDer Vampyr kommt" die ganze Schaar. Mit stürmischem Jubel waren dann Alle an« Fenster gestürzt und bas arme Fräulein stanb unterdessen Todesangst aus; sie hätte ihre Stelle verloren, wäre der Herr Director inspiciren ge­kommen. Zwei von Astas Freunbinnen hatte der Maler zurück« gewiesen. Das reizte sie erst recht unb sie bat unb quälte so lange, bis sich Frau von Schönholz dazu verstand, mit ihr zum Atelier zu gehen. Astas unbefangenes Urtheil über einen Ent­wurf gefiel ihm. Die Ungenirtheit, mit der sie im Zimmer umherging und habet den Hals reckte wie ein neugieriger Spatz, daß ihr der kurze, aschblonde Zopf bald rechts, bald links über die Schulter schlug, machte ihm Spaß.. Sie unter­brach bie Mama im besten Redefluß, faßte mit beiden Händen seine Rechte und sagte mit großer Bestimmtheit:Sie dürfen es mir nicht abschlagen!" Da hatte er lachend erwidert:Ja, wenn ich muß, wird mir schon nichts Anderes übrig bleiben!" Das Weitere hatte Frau von Schönholz mit ihm abgerebet unb der Unterricht hatte gleich am folgenden Tag begonnen. In Kurzem ging Werner gern nach der Behausung feiner kleinen Schülerin und die ihr gewidmeten Stunden wurden ihm eine liebe Gewohnheit. Asta war talentirt und legte einen Feuer­eifer an den Tag. Ihre grünlich-braunen Augen strahlten bei seinem Lob. Der berüchtigte Schönholzsche Starrkopf und Hang zur Malice wurde ihm nicht fühlbar- Sie fügte sich seinen Anordnungen mit rührender Unterwürfigkeit-

Die schwärmerische Verehrung, welche sie für ihn empfand, nöthigte ihm zuweilen ein Lächeln unb Ko-sichlitteln ab, zu­weilen war sie auch Ursache, baß er das junge Mädchen sehr formell und kühl behandelte. Aber er hätte kein Mann fein müssen, wenn er sich nicht hätte geschmeichelt fühlen sollen. Sein Benehmen wurde ihr gegenüber vertraulicher, sein Ton wärmer und er schüttelte ihr beim Gehen und Kommen so herzlich die Hand, wie einem lieben Kameraden- (Forts f )