Prädicat bezeichnend, lachte darüber und sprach eS weiter. Bald war es in der kleinen Stadt für ihn gang und gäbe. Er zuckte die Achseln dazu. Seinetwegen hätte man ihn den schönen" oder denhäßlichen Werner" heißen können; es wäre ihm dasselbe gewesen.

Er machte eben auf einenLankow" aufmerksam. Die Winterlandschaft wies einen bleiernen Himmel, der voll unend­lichen Schnees hing, und eine schmutzige Fahrstraße, an deren Seite ein Paar vom Winde gepeitschte kahle Bäume standen. In den kleinen gesrorenen Lachen spiegelte sich eine Kalb unter* gegangene düsterrothe Sonne- Die blutigen Reflexe ihres Niederganges leuchteten sörmlich.

Des Offiziers Blick irrte darüber hin, als wäre es leere Leinwand.Ich begreife nicht, warum ein Mensch so etwas malt," rief er.

Ohacun a son gout, erwiderte der Maler mit leisem Spott.Gott sei Dank!" setzte er wie für sich hinzu, nur Leonore, die sich ihm zunächst befand, vernehmbar.

Welchen Zornblitz die sanften blauen Augen versenden konnten! Hätte Herr von Schönholz sie in diesem Augenblick gesehen, er hätte diegemalte Heilige" zurückgenommen.

Fräulein von Malten wandle sich sehr ostentativ von dem Bllde ab.Du urtheilst aus meinem Herzen, Hans, ich liebe solch' unfreundliches Sujet auch nicht," sagte sie mit Nachdruck.

Ich möchte es nicht um die Welt im Zimmer haben," fuhr ihr Vetter fort.Wie kann man so etwas täglich sehen! Es fröstelt Einen ja, wenn man es länger anschaut. Es stimmt unsäglich trostlos!"

Die fein behandschuhte Hand zwirbelte am Bärtchen. Um den linken Mundwinkel zuckte es nervös und die Zähne blitzten ab und zu unter der Oberlippe hervor. Sein Ton klang ge* reizt und ungeduldig.

Seine Cousine sah ihn besorgt an. Sie äußerte den Wunsch, die Ausstellung zu verlaflen.

Frau von Malten neigte zustimmend den Kopf.

Leonore war zurückgetreten und hatte sich ihrem Vetter angeschlossen. Der Maler wurde dadurch gezwungen, mit ihrer Mama voran zu gehen. Man pilgerte dem Ausgange zu und stieß dabei auf Herrn und Fräulein von Schönholz.

Der Gruß der Damen war in dem Maße kühl, wie der ihrer Begleiter verbindlich.

Sobald man das Gebäude verlassen hatte, nahm der Offizier einen langsameren Schritt an. Die Entfernung zwischen den beiden Paaren vergrößerte sich und man war bald außer Hörweite von einander.

Hans, was hast Du? Warum bist Du so lange nicht zu uns gekommen?" fragte das schöne Mädchen. Die liebe­volle Sorge im Ton verdeckte den leisen Vorwurf.Ein Glück, daß wir Werner hier trafen. Sonst wären wir nicht dazu gelangt, ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen- Was fehlt Dir? Hast Du wieder Sorgen?"

Er nagte an der Unterlippe, unschlüssig wie Jemand, der eine unangenehme Nachricht hat und zögernd überlegt, auf welche Weise er sich ihrer entledigen solle.Du weißt ja," begann er und seufzte.Es wird mir eben nichts Anderes übrig bleiben, Du kannst mir nicht mehr helfen und Tante Anna, der es eine Kleinigkeit wäre, thut es nicht. Sie könnte mich für immer aus dieser drückenden Lage erlösen und würde darum nichts entbehren- Bei ihrem Reichthum! Ich habe sie himmelhoch gebeten, mir nur dies eine Mal noch bei« zustehen I Weißt Du, welche Antwort mir wurde? Sie werde ihr ganzes Vermögen an die Kinder ihrer Stiefschwester fallen lassen, machte ich nochmals den Versuch, sie bei Lebzeiten zu beerben. Ich weiß mir keinen Ausweg mehr! Ich habe keine Wahl! Ich muß mir eine Kugel durch den Kopf jagen und sterbe mit dem furchtbaren Bewußtsein, Dich um Dein Ver­mögen gebracht und für's Leben unglücklich gemacht zu haben!"

Hans, sprich nicht so, Du thust mir weh! Was ich für Dich that, gab ich mit tausend Freuden hin. Was ist mir das armselige Geld? Ein Dankesblick, ein Lächeln von Dir wog Alles auf! Laß uns nachsinnen, wir müssen Rath schaffen! Deine Gläubiger werden mit sich reden lassen und

warten. Du mußt sie noch. sÜr eine kurze Zeit hinzuhalten suchen- Ich selber will zu Tante Anna gehen, mich ihr zu Füßen werfen und nicht nachlassen mit Bitten- Für Dich kann ich Alles, auch mich demüthigen. Fasse Muth, Liebster 1 Glaube mir, ich weiß ihr Herz zu rühren."

Es ist umsonst, ich weiß es voraus! Du könntest eher einen Felsen erweichen, als die verknöcherte alte Jungfer."

Dennoch, Hans, laß mich'» versuchen! Auch ein Felsen- Herz hat seine weiche Stelle. Er wäre ja entsetzlich, sollte es keine Rettung für Dich geben!"

Doch eine gibt's noch!" Er hält inne-

Ein furchtbare, angstvolle Frage steht sekundenlang in ihrem Gesicht. Thränen verschleiern plötzlich ihren Blick, sie hat ihn verstanden-

Ich bin Dir's schuldig, zu sterben," braust er leiden­schaftlich auf bei dem stummen Vorwurf.Du hast mir Alles, Alles geopfert. Dein väterliches Erbe, Deine schönsten Jahre, die glänzendsten Aussichten! Nein, Leonore, sei ruhig, das thue ich Dir nicht an! Du sollst es nicht mit ansehen, wie ich eine Andere heirnsühre! Du sollst mich lieber tobt und kalt unter der Erde wissen. Du wirst mich dann wenigstens be­trauern ? Du wirst den armen Hans nicht ganz vergessen? Nicht, Du wirst zuweilen an mich denken, Dir sagen*

Nein, Hans, nein! Nur das nicht, um Alles nicht!" fleht sie in Todesangst.Wenn Du mich liebst und je geliebt hast, bleib' am Leben; nur das nicht!" Sie ist kreideweiß ge­worden bis in die Lippen hinein. Ein Frostschauer nach dem andern macht ihren Körper erbeben trotz der Junihitze. Sie bleibt stehen, unfähig, den Fuß zum Vorwärtsschreiten zu heben. Hilflos lehnt sie an ihm. In ihrer überreizten Einbildung steht sie den Geliebten schon am Boden liegen, bleich, kalt, eine Schußwunde an der Schläfe. Das krause, bräunliche Haar, durch das ihre Hand so gern liebkosend geirrt, starrt von ge­ronnenem Blut. Entsetzlicher Gedanke! Und sie ist seine Mör­derin! Ihretwegen verschmähte er die Rettung! Sie denkt nicht daran, daß er nur aus maßloser Eitelkeit, aus Sucht, zu glänzen, sich tiefer in Schulden gestürzt hat und schließlich darüber zum herzlosen Egoisten geworden ist; sie hat keinen Vorwurf für den unverantwortlichen Leichtsinn, mit dem er Glied für Glied die Kette, die ihn jetzt erdrückt, geschmiedet, sich immer aus den Tod der Erbtante vertröstend. Sie liebt ihn, darum weiß sie nichts von seinen Fehlern, nur von dem ihm drohenden Unheil.

Leoni," mahnt er,Vorsicht!"

Das vordere Paar war stehen geblieben, an der Kreuzung des Weges die Zurückgebliebenen erwartend.

Leonore zwang sich zum Wettergehen. Ihr Wille besiegte die körperliche Schwäche, sie brachte sogar ein Lächeln zu Wege; sie wollte tapfer sein aus Liebe für ihn. Ihretwegen sollte er nicht aus Verzweiflung in den Tod gehen; lieber wollte sie das Schwerste ertragen, ihn einer Anderen abtreten. Sie mußte Ruhe und Fassung heucheln.Du darfst nicht sterben, Hans," entringt es sich ihrem gemarterten Herzen,sonst ende auch ich mein Leben! Du weißt ich halte Wort 1 Heirathe sie Erna," der Name erstickte im Aufschluchzen.Du siehst ich weiß Alles I Sie interessirt sich lebhaft für Dich liebt Dich vielleicht auch doch mehr nicht als ich. Du Du hast im letzten Vierteljahr dort viel verkehrt Man sprach darüber und gab mir schon vor Wochen zu verstehen ich wußte mich Deiner Liebe so sicher, ich lächelte dazu. In mei­nem Herzen fand kein Argwohn Raum."

Er schien mit sich zu kämpfen.Leonie," stieß er dann hart und rauh hervor,nein, ich bringe es nicht fertig, Dich zu opfern! Jetzt ist's beschlossen: ich werfe dies elende Dasein von mir. Ohne Deinen Besitz hat es doch keinen Werth!"

Sie stößt einen unterdrückten Schrei aus und sieht ihn tödtlich erschrocken an.

Er hält ihren Blick nicht aus, ihm ist's, als läge seine Seele entschleiert vor diesem großen, in qualvoller Liebe zu ihm erhobenen Auge. Um so leidenschaftlicher wiederholt er: Ich ende mein Leben!"

Nein, Du wirst es tragen," beschwört sie ihn-Du