Donnerstag, den 1. Juni.
Nnterchaltrrirgsblatt zuin Gießen sv Anzeigev (GenevaL-Anzeigev)
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Nr. 63.
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1893.
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Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
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In der kleinen, mitteldeutschen Residenz war Gemälde- Ausstellung. Die Räumlichkeiten der Orangeriehauses wurden allsommerlich zu dem Zwecke vom Fürsten bewilligt. Die mäch- tigen grünen Kübel mit den Kindern des Südens, unter denen sich für ein nordisches Klima seltene, schöne Exemplare befan- den, standen im Freigarten vor dem Schlosse. Angenehme Kühle herrschte in dem großen Gebäude. Man empfand sie um so wohlthuender, als es draußen glühend heiß war. Das Publikum, welches die verschiedenen Abtheilungen der Aus- stellung durchstuthete, war buntgemischt, denn der einmalige Eintrittspreis, wie der einer Abonnementskarte war nur gering.
Ein älterer Herr mit freundlichen Zügen betrachtete sich Werner Schuchs „Ueberführung der Leiche Gustav Adolfs nach Stockholm". „Wenn ich musikalisch veranlagt wäre," wandte er sich zu seiner Begleiterin, „würde ich vor dem Bilde einen Trauermarsch componiren."
Die Blondine an seiner Seite hörte nicht auf ihn. Ihre Augen spähten den Gang hinunter. „Drüben sind Waltens," rief sie erregt, „komm' nach links, Papa!"
„Nein, Erna!" Herr von Schönholz schüttelte kurz und energisch den Kopf.
Gleich darauf grüßten er und seine Tochter nach der angegebenen Richtung.
Die Blondine schnalzte ärgerlich mit der Zunge. „Wie herablassend die Majorin zu grüßen geruht! — Freilich, sie kann's," spottete sie, „soll doch ein Tropfen verirrten Fürstenblutes in ihren Adern rollen. Ist es nicht wahr, gibt'« wenig- stens einen romantischen Nimbus. Darauf kann man sich schon etwas einbilden. Sie haben uns vorhin absichtlich nicht ge- sehen, nun glaubst Du es doch? Hans war nicht damit ein- verstanden, daß sie uns auswichen. Er grüßte halb von der Seite und ganz verlegen. Sie wollten nicht angeredet werden."
„Dann drängt man sich eben nicht auf," entgegnete Herr von Schönholz. „Es ist ja ein öffentliches Geheimniß, Hans und Leonore von Malten sind so gut wie verlobt. Ich kann's shm nicht verdenken; seine Cousine ist das schönste Mädchen rn der ganzen Stadt."
„Aber sie ist es noch immer," fiel ihm Erna höhnisch in's Wort. „Man kann s nachrechnen, wie viele Jahre sie schon auf dem Hofballe florirt- Trüge sie nicht diese herausfordern- den ewigen Locken den halben Rücken hinunter, würde sie nicht aufsallen!"
„Doch, doch," widersprach Herr von Schönholz. Ein feines Lächeln huschte über sein Gesicht, während er mit den Augen zwinkerte. „Man merkt's Dir an, Erna, Du bist gegen sie eingenommen. Du legst Dir die in letzter Zeit häufigeren Besuche des schönen Hans bei uns zu Deinen Gunsten aus. Mache Dir keine Illusionen, Kind, ich warne Dich! Mit Leonie nimmst Du es nicht auf, kein Mädchen in der Stadt, auch ohne diese üppigen, goldblonden Wellen. Ihre edlen Züge, das liebliche Lächeln, ihr prachtvoller Teint reichen hin, sie schön zu machen. Und was hat sie für Augen! Sie strahlen einen Himmel von Liebe und Güte aus. Wenn sie wollte, würde sie jeden Mann damit toll machen können; aber sie blickt sanft und mild wie eine gemalte Heilige."
Ein häßliches Lachen kam über Ernas Lippen. „Wenn ich das Mama erzähle! Was würde sie zu dieser schwärmerischen Verehrung sagen?"
Die kleine Gesellschaft tauchte eben wieder aus einer Seitenabtheilung auf. Frau von Malten schritt mit ihrer Tochter voran, dem hufeisenförmig auslausenden Endraum der Ausstellung zu. Ein Herr in Civil hatte sich zu ihnen gesellt und ging neben dem Offizier. Es war Paul Werner, der Sohn des früh verstorbenen Hauptmanns Werner, welcher der beste Freund des Majors von Malten gewesen. Nach dem Fähnrichsexamen war er seiner Herzensneigung gefolgt und hatte den Degen mit Pinsel und Palette vertauscht. Der Hof begünstigte ihn auf's Wärmste, deshalb war er auch in den höchsten Kreisen willkommener Gast; man hatte nur eines an ihm auszusetzen: er ließ sich zu selten blicken. Werner bildete den schärfsten Gegensatz zu Leonorenr schönem Vetter. Er sah bedeutend kleiner aus als der Offizier, obwohl er es in Wahrheit nicht war. Die stramme Haltung Hans von Mattens, dem die Uniform wie angegoffen faß, ließ ihn höher und statt- licher erscheinen. Das volle Bewußtsein seiner Unwiderstehlichkeit — er war der hübscheste Offizier der Garnison — prägte sich in jeder Bewegung aus. Er wollte glänze», Eindruck machen, überall der Erste sein.
Der Maler trug sich lässig. Die Cadettenjahre hatten seinem äußeren Menschen keine Errungenschaften gebracht. Sein Anzug war vom feinsten Stoff und nach dem modernsten Schnitt, aber die Kunst des Schneiders kam bei ihm nicht zur Geltung. Sein prachtvolles schwarzes Haar war das Schönste an ihm, nur rief es jederzeit den Eindruck hervor, daß eine aufgeregte Hand es eben durchwühlt habe. Es paßte zu dem Ausdruck seiner Augen, die entweder unstät flackerten oder melancholisch dreinschauten. Diese Augen und seine eigenthümliche gelbliche Blässe hatten ihm einen Spitznamen eingetragen. „Vampyr" taufte ihn ein Freund in lustiger Gesellschaft. Man fand da»


