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Diese Vorhänge waren jetzt aufgezogen, und die beiden Zimmer in eins verwandelt. Zwei große Kamine standen in verschiedenen Ecken und in jedem derselben brannte ein lustiges Feuer. Die niedrigen Wände waren bis zu dem Plasond getäfelt und die kleinen achteckigen Fenster mit frischen, weißen Vorhängen bekleidet. Die Teppiche waren wohl schon etwas verblichen, aber sonst gänzlich unversehrt; und die Möbel, welche bis zu diesem Morgen von schützenden Ueberzügen bedeckt gewesen waren, sahen fast ganz neu und unbenützt aus. Das Zimmer war hell, warm und freundlich, ein wahrhafter Ruhe- und Zufluchtshafen für die halberfrorenen Reisenden.
Sir Windham Winn befreite erst sich und dann Tresstlian von den kalten, feuchten Oberkleidern. Olla legte Hut und Mantel ab, und ging dann hinaus.
Sie ging durch die große, warme Halle und dann durch ein sehr trauliches Speisezimmer, worauf ste zu dem Zimmer der Haushälterin gelangte. Frau Popley stand mit der Haushälterin in einer lebhaften Unterredung vor dem Ofen; aber bei dem Eintritte der jungen Herrin von Bleok Top drehten stch Beide rasch um und die Haushälterin machte einen tiefen Knix.
Sie war eine ältliche Frau, groß und mager, aber mit einem ehrlichen, gutmüthigen Gesichte. Ihr Name war Frau Ripp; ihr Mann war Haushof« meister bei Olla's Vater gewesen. Bei Ripp's Tode hatte man seiner Wittwe in dieser Einöde eine Hei« math gegeben und ste hatte daselbst seither mit ihrem Enkelsohne gelebt.
„Willkommen in Bleak-Top, Fräulein Olla", ries sie aus. „Ah, wie Ihr gewachsen seid, seitdem ich Euch zuletzt gesehen habe, meine gute, junge Lady. Dies ist keine angenehme Jahreszeit, um tn's Gebirge zu gehen. Es ist gar einsam hier oben im Winter; aber wir wollen uns bemühen, Euch das alte Hous so angenehm als möglich zu machen, Fräulein Olla."
„Ich bin nicht zum Vergnügen hierhergekommen, Frau Ripp, sondern der Sicherheit halber", sagte Olla mit freundlich gewinnendem Lächeln, als sie ihr die Hand reichte. Frau Popley wird Euch sagen, warum ich kam. Und jetzt wünsche ich, daß Ihr mir die Gastzimmer zeigt. Wir haben einen Kranken mitgebracht und es wird nothwendig sein, ihn un- verweilr zu Bette zu bringen."
Frau Ripp hatte schon durch Popley etwas von Tresstlian gehört und beeilte stch jetzt, ihre junge Herrin durch das Haus zu führen.
Sie führte sie zurück in die große Halle und von derselben in den oberen Stock hinauf. Frau Popley folgte. Zur Linken befanden sich drei mit einander in Verbindung stehende Schlafzimmer. Alls waren sehr angenehm erwärmt. Eines derselben war von Popley für Tresfilian's Benützung hergerichtet worden; ein zweites für Sir Windham Winn, welcher eine Nacht in Bleak-Top bleiben sollte, und das tzritte war für Popley selbst bestimmt, welcher
beabsichtigte, sich ganz der Wartung und Pflege Tresstlian's zu widmen.
Die für Tresstlian und den berühmten Wund- arzt bestimmten Zimmer waren ganz frisch gesäubert und hergerichtet worden und sahen äußerst einladend aus.
Olla untersuchte ste genau und sagte dann:
„Ich wünsche, daß Herr Lowder unverzüglich heraufgebracht werde, Frau Ripp, und werde dann erst meine Zimmer besichtigen. Wo ist Euer Enkel?"
„Im Stalle, Fräulein. Er ging hinaus, um die Pferde zu übernehmen."
Olla befahl den beiden Frauen, ihre Rückkehr zu erwarten, eilte die Treppe hinab und kündigte dem Doktor an, daß Tresstlian's Zimmer in Bereitschaft sei. Guy lag gänzlich erfchöpft auf einem Sopha. Sir Windham bemühte sich, ihn ein wenig aufzurütteln ; aber die Lethargie, die ihn umfing, war zu tief, um so leicht gebrochen zu werden.
„Wir werden ihn zusammen hinaustragen müssen, Popley", sagte der Wundarzt mit sehr ernstem Blicke.
Popley gehorchte Sir Windham's Weisungen und trug mit Hilfe des Dvkiors Trefsilian auf das für ihn hergerichtrte Zimmer. Die Frauen zogen sich in die Halle zurück und Sir Windham ging auf fein Zimmer, während Popley den Kranken entkleidete und zu Bette brachte.
„Das find Eure und Frau Popley's Zimmer, Fräulein Olla", sagte Frau Ripp. „Und jetzt, wenn Ihr mich entschuldigen wollt, will ich hinabgehen und nach dem Essen sehen. Er soll in einer Viertelstunde aufgetragen werden, wie r» Popley ange« ordnet hat."
Sie entfernte sich und Olla betrat die für sie bestimmten Zimmer. Es waren ihrer drei und mit einander verbunden. Das dritte war für Frau Po- plcy eingerichtet. Die andern beiden bestanden aus einem Schlaf- und einem Ankleidezimmer; und es war deutlich sichtbar, daß Popley feine größte Sorgfalt darauf verwendet hatte, diese Zimmer nach dem Geschmacks seiner jungen Herrin herzurichten. Die nett und geschmackvoll eingerichteten Zimmer athmeten Wärme und Brhaglichkeit.
„Ach, das ist angenehm I" rief Olla entzückt aus. „Wie heimisch das Alles ist."
„Ja, Fräulein Olla. Frau Ripp hat mir gesagt, daß sämmtliche Zimmer geheizt wurden, seit Jim ankam", antwortete Frau Popley.
Olla besichtigte ihre Zimmer genauer und brachte ihre Toilette etwas in Ordnung. Dann ging sie in das Empfangszimmer hinab, wo auch Sir Windham Winn sehr bald erschien.
„Ich kenne dieses Haus ganz genau, Fräulein Olla", bemerkte er. „Ich kam vor 20 Jahren einmal mit einer Jagdgesellschaft auf Einladung Eures Vaters hierher. In jenen Tagen war dies ein berühmtes Jagdfchlößchen."
Das Gespräch wurde gleich wieder abgebrochen, denn Popley erschien und meldete, daß aufgetragen sei. Sir Windham reichte Olla seinen Arm und


