Ausgabe 
31.7.1888
 
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welcher bis an die Kanten durchscheinend ist, und gemeinen Serpentin, welcher undurchsichtig ist.

Die einzige Stadt in Sachsen, welche Serpentm- steinwaare liefert, ist Zöblitz, das schon seit 1546 die Serpentindrechslerei als eigentliches Gewerbe be­treibt, dessen Maaren selbst in überseeischen Ländern gesucht und in Menge abgesetzt werden. Außer Zöblitz findet man in Sachsen auch bei Hohenstem, Waldheim, und Tierfeld Serpentin, der zwar bunt und gestreift, aber klüftig, spröde und schwer ver­arbeitbar ist.

Der Serpentin wird thells in 23 Brüchen rn der Harte, dem östlich von der Stadt in nordwestlicher Richtung streichenden Gebirge, teils in 6 Brüchen auf den Ansprunger Fluren gefunden. Jetzt sind aber nur noch zwei Brüche gangbar. Der Zöblitzer Serpentinstein ist der Farbe nach sechsfacher Art: 1) der rothe Stein; marmorartig und gesprengelt; 2) der gelbe Stein; er hat die Eigenthümlichkeit, daß er in einem warmen Zimmer oder an der Sonne braun wird; 3) der grüne Stein von haltbarer Farbe und geädert; 4) der braune Stein, nur sehr selten vorkommend: 5) der graue Stein, nimmt sich gut aus bei einiger Politur, sowie 6) der schwarze (besonders wenn er kohlschwarz ist). Noch ist zu bemerken, daß man im Serpentin auch Granaten oder sogenannte kristallisierte Pyropen findet, die statt des Schmergels gebraucht werden. Zuwetlen kommen auch Topf- oder Lawezsteine vor, die rote Metall klingen, zierliche Streifen haben und bet der Verfertigung von Tischen und anderen Geräthschaften sich benutzen lassen.

Ehedem wußte man viel von der Hetlkraft des Serpentins zu erzählen und behauptete namentlich, er schütze gegen giftige Thiere, Schlangen, weshalb man ihn auch Schlangenstein nannte; doch kommt die Benennung wohl daher, weil er mit Pünktchen und Streifen ähnlich wie eine Schlange gezeichnet ist.

Im Jahre 1516 machte ein erfahrener Bergherr, Julius Rabe, zuerst auf den Werth des Zöblitzer Steins aufmerksam. Rach ihm erprobte ein Hirtenknabe Namens Brändel mit mehr Erfolg die Zartheit und Weichheit desfelben. Von seinem Dienstherrn ermun­tert, fetzte er diese Versuche fort, die nicht übel aus- fieteit, und so fertigte Brändel die ersten, weitn auch noch unvollkommenen Geräte und Trinkgeschirre.

Weiter noch brachte es Martin Boßler, der Er­finder der eigentlichen Serpentinsteindrechselei, der mehrere Arbeiter beschästigte. So entstand die Stein­drechslerinnung, die 1613 vom Kurfürsten Georg I. bestätigt und mit besondern Rechten ausgestattet wurde. Sie zählte in der blühendsten Zeit 70, jetzt 45 Meister. . , x

Die Art, den Serpentm zu brechen, tst nicht bergmännisch, weil er nicht einen ordentlichen Gang hält, sondern flötz- und drusenweise in den Brüchen liegt. Die Gewinnung des Steins wird gegenwärtig mit jedem Tage beschwerlicher, weil die Tagebrüche mehr und mehr mit Wasser sich füllemDie ver­

schiedensten Geräthschaften und Gegenstände wie Denk­steine, Leuchter, Schachspiele, Mörser, Reibeschalen, Tinten-und Sandfässer, Büchsen, Wärmesteine u. s. w. werden aus diesem Stoffe gebildet. Die Platten des Steins sind zu Bauten sehr brauchbar. So wurden zur Ausschmückung der katholischen Kirche in Dresden (174151) nicht weniger als 536 Stück Balustres zu den Galerien und darunter 72 größere zu dem Hochaltar gedreht. In der Königlichen Richt- kammer zu Dresden steht ein Dutzend große Sessel aus Serpentin, die August II. anfertigen ließ.

Der Vertrieb der Serpentinsteinwaaren hat, seit lackirte Blechwaaren und Steingut immer allgemeiner geworden, sehr abgenommen; am meisten geht er noch nach Holland und Amerika, und man sucht ihn auch wieder durch feinere Arbeit und bessere Formen zu heben.

Vermischtes.

Poeteneitelkeit. Das Genie tritt beinahe immer mit Prätensionen auf und die Poeten sind gleich vielen Frauen meistens eitel. Namentlich tritt dies bei den dichterischenSternen" untergeordneter Größe hervor und für die in den Herzen der Dichter­linge grassirende Sucht der Selbstvergötterung ließen sich aus unseren Tagen recht drastische Beispiele anführen. Aber schon früher hatten obscure Vers- schmiede das Bedürfniß, sich selbst zu beweihräuchern und sich der geehrten Mit- und Nachwelt rühmend vorzuführen und dies bekunden zwei Beispiele aus dem siebzehnten Jahrhundert. Der poeta laureatus Magister Hans Seger, Rector der Stadtschule zu Wittenberg, hatte Christus am Kreuze und sich daneben stechen lassen; dem Munde des Herrn Rectors aber entschwebte die Frage:Mein Herr Jesu, liebst Du mich?" und aus dein Munde Christi kam die Antwort:Ja, hochberühmter, vortrefflicher und hoch­gelehrter Herr M. Seger, gekrönter kaiserlicher Poet, wohlverdienter Rector der wittenbergischen Schule, ich liebe Dich!" Ein anderer gekrönter Poet der damaligen Zeit, Jacob Vogel, sagt von sich selber.

Deutschland hat zwar einen Eutherum, Aber noch keinen Homerum, Einen rechtschaffenen Proseten, Aber noch keinen rechtschaffenen Poeten. Doch nun thut Gott erwecken frei Einen Vogel, der ohne Scheu Zum deutschen Poeten gekrönet ist Von hohen Leuten zu dieser Frist.

Uebermäßige Bescheidenheit kann man demnach weder Herrn Magister Seger, noch Herrn Jacob Vogel zum Vorwurf machen und doch sind diese beiden großen Geister von der tmdankbaren Nachwelt ganz t und gar vergessen worden!

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.