Hießener Itamilienblätter.

Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.

Donnerstsg den 1. März. 1888.

Die vertorene Mißet.

Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartmann-Plin.

(Fortsetzung).

In pessimistischen Stimmungen kann e» mir begegnen, daß ich gern mit gedanklichen Ungeheuer» lichkeiten spiele. Jetzt lacht mich das Leben heiter an, aber es war nicht immer so, sondern recht sehr anders; dann habe ich wohl schon mit Schopenhauer aurgerufen: Das Leben ist doch nichts weiter, als ein Geschäft, besten Ertrag nicht die Kosten deckt, man thäte am besten, das Geschäft aufzugeben und sich fallit zu erklären."

Ich kann mir wirklich nicht denken", sagte Alexandra,daß Sie je solche Concursgedankrn ge­habt haben sollten."

Ich hoffe, ich bin für 'alle Zeiten davon ge­heilt."

Sie waren jetzt durch die Windungen der Taxus­anlagen hindurch bis an das Portal des Schlosses gelangt, doch ehe sie Letzteres betraten» wandte Felix sich um und sah nach der Laube zurück.

Seltsam!" sprach er vor sich hin. ,,Dieses chronische Niederschlagen der Augen und sie sind so schön, diese Augen! Das muß noch anders werden!"

Kaum waren sie durch bea Eingang in eine große, mächtige, mit einer Galerie versehene Halle getreten, von der vier bre.te Treppen aus schwarzem Marmor nach verschiedenen Richtungen in die Höhe führten, als ihnen ein kleiner vertrocknetes Männchen entgegenkam. Derselbe war sehr nobel gekleidet. Schwarze Beinkleider, ein eben solcher Frack und eine blendend weiße Weste umgaben schlotternd die spindeldürren Glieder. Um hohe, emporstrebende Vatermörder wand sich ein weißer Shlipr, aus einer kleinen Tasche in den Beinkleidern hing eins dicke, goldene Uhrkette hervor, an der Petschaft, Schlüssel und allerlei Berloks hingen, an den Händen sah man mehrere goldene Ringe und da« kleine Haupt war mit einer schwarzen Sammetkappe bedeckt. Das Gesicht war so mager und die Knochen von einer bräunlichen Haut so straff umspannt, daß man einen Todtenkopf zu sehen geglaubt haben würde, wenn nicht ein nervöses Zucken um den Mund und zwei kleine lebhafte Augen dem widersprochen hätten. Es war der Kastellan.

Mit kurzen, raschen Schritten kam er herange- getrippelt und mit einer feinen, dabei fast kreischenden

Kinderstimme sagte er, sich an den Geheimrath wendend:

Wünscht dieser fremde Herr vielleicht die Schlangenburg zu besichtigen, Euer Gnaden?"

Heute wollen wir diesem Herrn", erwiderte Wolter,nur die Fürstenzimmer und den Rittersaal zeigen, ein ander Mal wird er Sie, liever Gedel« mann, um die Gefälligkeit bitten, ihn durch die ganze Burg zu führen.

Ich stehe jederzeit zu Diensten."

Gedelmann faßte plötzlich mit seiner Hand an seine lange, spitze Nase und sagte in einem eigen- thümltch gedehnten Tone:Euer Gnaden"

War wünschen Sie noch, Gedelmann?"

Mir ist heute etwas Eigenthümliches passirt."

Haben Sie wieder einen Geist gesehen, Gedel­mann?" fragte Alexandra.

Nehmen Sie es nicht zn leicht, Euer Gnaden", erwiderte der Kastellan.Ich weiß, Sie glanben nicht daran und werden auch wohl nicht eher daran glauben, als bis Sie es selbst gesehen. Aber war gestern und heute geschehen, geschah noch nie, so lange ich im Schlosse bin."

Nun, was war es denn?" fragte die Geheim­räthin weiter, und leise flüsterte sie Felix zu:Ich bin überzeugt, Sie werden sogleich eine Probe von seiner Gespensterseherei erleben."

Gehen Sie heute nicht in die gräflichen Zimmer", sagte Gedelmann wie mahnend.

Das war auch nicht unsere Absicht, aber sagen Sie uns, warum Sie es wünschen."

Es ist dort nicht geheuer! Der Herr Geheim- rath befahl mir doch vor einigen Tagen, dis Balkon­zimmer im ersten Stock des Drachenbaues für zwei Damen in Stand setzen zu lassen, die demnächst eintreffen werden."

vZwei Dame» ?" fragte Alexandra.Haben ; wir Besuch zu erwarten?"

Es sind das Fräulein Brand und die Frau \ Schmidt", erwiderte Wolter.

Es ist wahr, ich dachte nicht daran."

Nun ist es ja mein Amt", fuhr Gedelmann fort,von Zeit zu Zeit alle Zimmer zu betreten, nachzusehen, ob sich nicht Staub angesammelt, sie lüften und reinigen zu laffen und was sonst noch- wendig ist. Als" ich nun heute dis Balkonzimmer verlieb, da fiel mir ein, die an der anderen Seite des Corrtdors gelegenen ^gräflichen Zimmer einmal einer Inspektion zu unterwerfen. Abends und