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während der Nacht würde ich nicht hinringegangen sein und wenn man mir eine Million geboten, aber bei Hellem, lichten Tage glaubte ich doch nichts befürchten zu müffen, so unheimlich mir die Gemächer auch dann sind. In dem letzten der Zimmer steht, wie Sie wissen, in einer dunklen Nische das große Himmelbett der Gräfin Fichtenberg, in welchem sie gestorben ist. Als ich nun das Schlafzimmer betrete, sehe ich sogleich, daß die grünen Gardinen von schwerem Atlas sich bewegen. Ich erschrack, kein Fenster war offen, also von einem Luftzug konnte die Bewegung nicht herrühren. Da plötzlich theilten sich die "ardinen und ebenso deutlich, wie ich Euer Gnaden sehe, erblick« ich einen Kopf mit einer Nachthaube und einem durchsichtigen Schleier vor dem Gesicht. Ich war starr vor Schrecken und konnte im ersten Augenblick kein Glied bewegen. Da stieß die Gräfin drei Mal nacheinander einen schweren Seufzer au». Und al» ich nun wieder zu mir selber ; kam und von Angst gepackt davonlief, das rief mir ! das Gespenst noch etwas nach, was ich leider nicht verstanden habe. Das ist aber stcher und ist immer so gewesen, wenn sich ein abgeschiedener Geist am Hellen Tage sehen läßt, giebt es allemal ein Unglück I In diese Zimmer setze ich aber niemals wieder einen Fuß, ohne daß mich Jemand begleitet."
„Da haben wir'»!" sagte Alexandra und blickte lächelnd auf Felix.
„Erinnern Sie sich, Gedelmann", wandte sie sich an den Kastellan, „daß Sie vorher in der Gesinde- stube die Aeußerung gethan, die gräflichen Zimmer besichtigen zu wollen?"
„Das mag wohl sein."
„Dann fürchte ich, hat sich irgend Jemand einen : schlechten Scherz mit Ihnen erlaubt."
„Halten zu Gnaden, aber die Frau Geheimräthin ■ glauben nun einmal nicht daran, und suchen Alle» aus natürlichen Ursachen zu erklären. Könnte da» . denn auch ein schlechter Scherz gewesen sein, was ich gestern gegen Abend gesehen?"
„Was war denn das? Hat der wilde Herzog sich vielleicht auch blicken kaffen?"
„Gott sei gedankt, nein! Aber gestern Abend, ! dis Sonne war soeben untergegangen, da trete ich j in den Rittersaal, um nachzusehrn, ob auch aller Schutt, den die BawHandwerker zurückgelassen, hinweggeräumt ist. Durch die bemalten Glasscheiben der großen Bogenfenster fiel ein sonderbares, zweifelhaftes Licht, sodaß es in diesem bunten Geflimmer aussah, als wenn die Ahnenbilder an den Wänden sich bewegten und mit den Augen zwinkerten. Ich bin es so gewohnt, wenn ich den Saal beschreite und den wilden Herzog mit dem spitzen Knebelbart und den schrecklichen Augen erblicke ein Kreuz zu machen, als Schutz gegen finstere Mächte, und gleich darauf mich vor dem Herrn von Stolzenberg tief zu verneigen."
„Warum denn das?" fragte Felix.
„Das ist — das ist mein Geheimniß!" er
widerte Gedelmann, sich abermals mit der dürre«, beringten Hand an die Nasenspitze fahrend.
„Ein Geheimniß", dachte Herr von Stolzenberg, „das mit meinem Vorfahr in Verbindung steht, müffen wir doch gelegentlich zu ergründen suchen."
„Als ich nun gerade im Begriff war, mich vor dem Bilde des Herrn von Stolzenberg zu verbeugen und nun zu demselben meins Blicke hinaufrichtete, was sahen meine Augen? Die Figur mit dem rothen Rock, der hellblauen Weste und den weißseidenen Hosen fehlte in dem Bilde und statt ihrer bemerkte ich ein großes schwarzes Loch. Wo aber war di« Figur geblieben? Da, o, Entsetzen! höre ich etwas die Treppe herunter kommen, die von der Gallerte des Saales nach unten führt, tapp, tapp, tapp, tapp — und als ich hinschaute, stand Herr von Stolzen- berg in höchsteigener Person am Fuß der Treppe i und zeigte mit der Hand nach dem Bilde, das er ! verlassen hatte. Ich zitterte wie im Fieber und ! schloß vor Angst die Augen, und als ich sie wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden und da» Bild sah aus, wie es immer ausgesrhen hatte. Was kann nur diese Erscheinung zu bedeuten haben?"
„Das will ich Ihnen sagen, lieber Gedelmann", erwiderte Alexandra, „der Herr von Stolzenberg des Bilde» hat wahrscheinlich gehört, daß ein Urenkel von ihm augenblicklich in dieser Gegend weilt und in dem Glauben, daß dieser Urenkel es sei, der in den Saal trat, ist er au« seinem Bilde herausge. stiegen, um ihn zu begrüßen. Und daß er mit der Hand noch seinem eigenen Gemälde gezeigt, kann nur die Bedeutung haben, daß er andeuten wollte, es sei hier im Rittersaal durchaus nicht an seinem Platz, sondern es gehöre d hin, wo das Heim seine» Urenkel» ist."
„Gnädige Frau", rief Felix au», „verstehe ich S e recht? Wollten Sie sich wirklich de» Bilde» entäußern?"
„Es gehört Ihnen doch wohl mit größerem Rechte als uns, und ein wenig Egoismus ist auch dabei, es verdeckt mir zu sehr das wirklich gute Wandgemälde. Da Sie nicht ein einziges Bild von Ihrem Ahnherrn besitzen, ist es ja Menschenpflicht, es Ihnen zu überliefern. Mein Gemahl wird nichts dagegen haben."
„Wie soll ich Ihnen danken, gnädige Frau, Herr Geheimrath! Ich würde stcher die Bitte an Sie ge- richtet haben, es mir copiren lassen zu dürfen, aber welchen unendlich höheren Werth hat für mich da» Original!"
„Es sollte uns freuen", sagte Wolter, „wenn wir Ihnen einen wirklichen Dienst erweisen können."
„Den allergrößten, den ich Ihnen nie vergessen werde I"
„Für heute nun, Herr Gedelmann", sagte Alexandra, „danken wir Ihnen für die Mittheilungen Ihrer Visionen, sollten wir mehr davon hören wollen, werden wir Sie darum bitten. Vielleicht passirt un» im Rittersaal Aehnliche» wie Ihnen, jedenfalls
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