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hat dieser Herr noch mehr Anspruch auf da«, was Ihnen geschehen, als irgend ein Anderer, denn er ist der Urenkel, oder richtiger Ur-urenkel des Herrn von Stolzenberg, der Ihnen gestern leibhaftig erschienen!"
„Wie? Was?" rief Gedelmann mit kreischender Stimme. „So sind Sie ein Nachkomme von ihm? O, nun ist meine Aufgabe bald gelöst und ich kann ruhig heimgehen!"
Febx blickte ihm mit eigenthümlichen Gefühlen nach. Es hatte ja fast den Anschein, al« wenn er ein Geheimniß wisse, welches sich auf seine Vor- fahren bezog, das er bisher gehütet und nur einem Nachkommen verraihen zu wollen schien. Was konnte es sein? Sollte er von dem sagenhaften Schatz etwas wissen, sollte er das Geheimniß der Bibel kennen? Aber wo war die Bibel jetzt? Jedenfalls wollte er den Kastellan, sobald e« sich mit Anstand würde thun lassen, auszuhorchen suchen.
„Ein seltsamer alter Mann", sagte er laut. „Wäre es denkbar, daß er meinen Urgroßvater oder wohl gar meinen Ahnherrn selbst periönlich gekannt?"
„Obgleich ich überzeugt bin", erwiderte Alexandra, „daß ec sich einige Decennien zulegt, so mag er doch immerhin so alt sein, daß das Erstere nicht unmöglich ist. Wenn es Ihnen gefällig ist, gehen wir jetzt weiter."
Alexandra schritt voran. Nachdem die sogenannten Fürstenzimmer, die sich alle durch prachtvolle Malereien und herrliche Stukkaturen aurzeichneten, durchschritten waren, betrat man den Rittersaal. Derselbe hatte eine kolossale Länge und Höhe. Hohe Bogenfenster mit werthoollen Glasmalereien, Scenen aus der biblischen Geschichte darstellend, erhellten ihn genügend, aber doch mit einem eigenthümlichen Licht. Er bildete ein längliches Viereck und hatte an den Schmalseiten eine breite orchesterartige Gallerte, von der zwei Treppen in den untern Raum hinabführten. Ueber der der großen Eingangsthür gegenüberliegenden befand sich da« Frercogemälde, das theilweise von dem Bilde des Herrn von Stolzenberg verdeckt wurde. Reben dem Ersteren sah man zwei kleine Thüren, die auf das Chor der Kapelle führten. Auf die Gallerte oberhalb der Eingangsthür führten drei Thüren, zwei kleine und eine größere. Die Wände bestanden au« weißem Marmor mit Ver- zierungen von schwarzem, röthlichem und geadertem. An der den Fenstern gegenüberliegenden Wand be- sanden sich in zwei langen Reihen übereinander die Ahnenbilder. (Fortsetzung folgt.)
Eine Gespenstergeschichte.
Nach dem Englischen.
Was ich erzählen will, begab sich vor vielen Jah- ren. Sebastopol war im Frühling gefallen; der Pariser Frieden seit dem Mai geschloffen, unsere Han- delsverbindungen mit Rußland eben wieder aufge
l nommen und ich kam von meiner ersten KsMflrreise aus dem Norden wieder nach England zurück. Mein vortrefflicher Freund Jonathan Jelf, ein echter und rechter Engländer von der alten Schule, hatte mich eingeladen, den December bei ihm in Schloß Dum- bleton zu verleben. Als jüngerer Thsilhaber einer wohlbekannten Firma war ich von meinen Handelsgesellschaftern dazu ausersehen, die oben erwähnte erste Geschäftsreise ihrer Wichtigkeit wegen selbst zu machen und hatte nicht blos St. Petersburg, Moskau und Warschau besucht, sondern auch die Handelshäfen an der Ostsee. Deshalb landete ich so spät in England, ohne, wie ich früher hoffte, mit meinen Bekannten in Ostangeln schon im October Fasanen geschossen zu haben.
- Ein paar Tage hielt mich noch geschäftliche Ab- * Wicklung in Liverpool und London zurück; dann aber war ich frei und fühlte mich so glücklich, wie ein Schulknabe, der in die Ferien geht. Mein Weg führte mit der Eisenbahn bis zur Station Clayborougb, wo mich ein Wagen von Dumbleton erwartete, mit dem ich die Reise, zwei starke Stunden, weiter zu machen hatte.
An dem nebligen und eigenthümlich warmen Nachmittag der 4. December schickte ich mich an, London mit dem Nachmittag-Schnellzug zu verlaffen. Die frühe Dunkelheit eines Wintertages warangebrochen; die Lampen in den Waggons angezündet; die Fenster beschlagen; die Thürgriffe feucht und da» Gas machte die allgemeine Finsterniß nur sichtbarer. Ich kam sieben Minuten vor der Abgangszeit an und erhielt von dem dienstfertigen Schaffner ein leeres Coupö; steckte meine Cigarre an, dann meine Reiselampe, machte mir es behaglich und wollte nun in gsmüth- licher Ungestörtheit ein Buch vornehmen. Man denke sich meine freundlichen Gesinnungen für einen Herrn, der im allerletzten Augenblick noch über den Perron lief und nach einem flüchtigen Blick auf dis leeren Plätze zu mir einstieg.
Gleich auf den ersten Blick kam er mir bekannt vor — es war ein schlanker magerer Mann mit dünnen Lippen und blauen Augen, mit hohen Schultern und dünnen grauen Haaren, die ziemlich lang auf den Rockkragen zurückfielen. Ueber den Arm hatte er einen Regenmantel geschlagen; in der einen Hand trug er einen Schirm und in der andern einen großen braunen Actenkasten, den er unter den Sitz schob. Darauf fühlte er vorsichtig in die Brusttasche feines Rockes, als ob er sich vergewiffsrn wollte, daß er Börse und Taschenbuch bei sich habe, legte den Regenschirm in das Netz unter der Decks, breitete den Mantel über die Knie und vertauschte seinen Hut mit einer schottischen Reisemütze. Indessen fuhr der Zug aus der Halle in die Winterdämmerung hinaus.
Ich erkannte meinen Reisegefährten in dem Augenblick, wo er den Hut absetzte, an seiner tief gefurchten, hohen, aber schmalen Stirn und erinnerte mich deutlich, daß ich ihn vor etwa drei Jahren, in eben dem Hause gesehen hatte, welches jetzt mein und wahrscheinlich auch sein Reiseziel war. Er hieß Dwerri-


